14:12 20 Januar 2018
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    Auf zwei Stühlen sitzen ist bequem: Briten visieren Deutschland an

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    Die Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung von Berlin, Cornelia Yzer, ist gleich nach dem Brexit-Referendum mit Telefonanrufen aus Großbritannien im wahrsten Sinne der Worte terrorisiert worden. Britische Unternehmer haben sofort begriffen, was sie verlieren können.

    Kleine Start-Ups und auch große Firmen, die ihren Sitz bis heute nur in London hatten, sehen Berlin jetzt als eine mögliche EU-Brücke.

    „Die Unternehmen, die ihre Zentrale in London haben, verstehen, dass sie in der EU präsent sein müssen“, sagte Yzer.

    In den vergangenen zwei bis drei Jahren standen London und Berlin in einem ständigen wirtschaftlichen Wettbewerb mit einander. Nach der britischen Entscheidung  über den EU-Austritt scheine Berlin das Seil an sich gezogen zu haben, so die Senatorin.

    Während Berlin als geistiges Herz des gesamten EU-Projekts um den Verlust Großbritanniens trauert, wie es sich gehört, habe das Ganze einen Beigeschmack von Schadenfreude in Deutschland, schreibt BBC.

    „Niemand will die Briten isolieren. Aber sie haben ihre Entscheidung getroffen“, betonte Yzer.

    Was sind aber die Konsequenzen? Wirtschaftsexperten bezweifeln, dass London einen freien Zugang zum EU-Markt bewahrt, zumindest nicht im früheren Ausmaß.

    Ein Zustrom von Finanzmännern aus London ist in Frankfurt-am-Main zu erwarten, und da Berlin als eine beliebte Plattform für technologische Innovationen und kleine Unternehmen bekannt ist, will die Hauptstadt die Nische füllen und auf diese Weise den Referendum-Ausgang  maximal nutzen.

    „Wir haben momentan mehr Nachfrage als freie Büro-Plätze“, sagt Travis Todd, Hauptgeschäftsführer von Silicon Allee, einer Gruppe, die jetzt einen sechsstöckigen Campus für Start-Ups im Zentrum von Berlin aufbaut, wo 2.000 Arbeiter untergebracht werden.

    Berlin erweist sich als eine ideale Stelle für Techies nicht nur wegen des gemeinsamen europäischen Marktes, sondern auch wegen der Pionier-Atmosphäre, die günstig auf Initiativen aller Art wirkt.

    Der Auffassung ist auch Ijad Masisch, Gründer von ResearchGate, eines sozialen Netzwerks für die wissenschaftliche Gesellschaft mit mehr als 10 Million Nutzern und wichtigen Investoren wie etwa Bill Gates.

    „Die jungen Leute alle stimmten für die EU-Mitgliedschaft, und das ist schon ein klares Signal“, sagt Madisch gegenüber BBC.

    Jedenfalls sind nicht alle so skeptisch gegenüber den neuen Verhältnissen nach dem Austritt gestimmt. Artur Fischer, Vorstand der Börse Berlin, findet die Prognosen über die Flucht der jungen Techies aus London übertrieben und voreilig.

    „Es wird keinen großen Exodus geben, wie ich es sehe. London hat sein eigenes einzigartiges Ökosystem, es zieht die besten Fachleute aus der ganzen Welt an, einschließlich Europa, und das wird nicht verloren gehen“, so Fischer.

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