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02:42 16 Oktober 2019
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    Finanzexperte: Brexit könnte der Anfang vom Ende des Euro sein

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    Wirtschaft
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    Was wird mit dem Brexit? (340)
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    Der mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU löst zwar nicht gleich eine neue Weltwirtschaftskrise aus, er könnte jedoch zum Ende des Euros oder sogar der EU führen, warnt Markus Schön, Geschäftsführer des DVAM, Deutsche Vorsorge Asset Management GmbH.

    Herr Schön, gehen wir doch einmal die einzelnen Territorien durch. Welche Auswirkungen könnte der Brexit für Großbritannien selbst haben? 

    Für Großbritannien ist die Situation extrem schwierig, weil man sich ja fragen muss: Wofür steht die Wirtschaft Großbritanniens? Da fällt einem als allererstes die Finanzbranche ein und dann der Immobiliensektor. Beide Bereiche sind stark getroffen, weil internationale Kreditinstitute überlegen, wo sie zukünftig ihr Geschäft außerhalb Kontinentaleuropas machen – da war bislang London als Finanzplatz Gesetz, das könnte sich ein Stückweit verschieben.

    Und wenn es dann zu einer Wanderungsbewegung nach Frankfurt am Main, Paris oder auch in andere Finanzzentren kommt, kann das sehr schnell dazu führen, dass die Immobilienpreise in Großbritannien insgesamt, aber vor allen Dingen auch in London deutlich ins Rutschen geraten. Und damit sind zwei Sektoren, die wesentlich für die britische Volkswirtschaft sind, betroffen und das könnte sehr schnell zu einer Rezession führen.

    Und welche Auswirkungen könnte der Brexit für die EU haben?

    Ich denke, man muss dort zwei Bereiche unterscheiden: Auf der einen Seite die wirtschaftlichen Dinge – die sind eigentlich untergeordnet. So stark ist der Handelspartner Großbritannien für die EU überhaupt nicht. Und es ist ja auch nicht so, dass kein Handel mehr mit Großbritannien betrieben wird. Möglicherweise wird es ein paar Beschränkungen geben, aber diese Beschränkungen lassen sich ja weitgehend regeln.

    Viel problematischer ist die politische Ebene. Das kann jetzt natürlich so eine Art Signal für die ganze EU oder Teile der Eurozone sein. Also die Diskussion darüber, wer als nächstes ein Referendum durchführt, ist kritisch zu sehen, einfach weil man nicht wissen kann, inwieweit dies dann Nachahmungseffekte nach sich zieht. Bislang ist ja jeder Wirtschafts- und Währungsraum am Austritt eines starken Partners zerbrochen.

    Wäre auch die Währung, der Euro, gefährdet? 

    Ja, klar. Wenn man das zu Ende denkt, ganz konsequent, muss man sich ganz klar sagen: Wenn sich Referenden über die EU-Mitgliedschaften mehren, dann wird es auch nicht lange dauern, bis ein Eurostaat ein Referendum abhält und wenn das entsprechend ausgeht, dann würde es zu einer Krise des Euros kommen, die deutlich dramatischer ist als die bisherige Schuldenkrise. Und der einfachste Weg aus dem Euro raus für einen Eurostaat ist einfach der Austritt aus der EU – das ist eigentlich die einzige Möglichkeit, die die Verträge vorsehen. 

    Ganz banal gefragt: Hat Großbritannien mehr von der EU profitiert oder mehr eingezahlt? 

    Großbritannien ist auf dem Papier der drittgrößte Nettozahler, also müsste man eigentlich sagen: Großbritannien hat mehr in die EU eingezahlt. Aber das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Die EU ist zum einen ja weit mehr als einfach nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, man steht ja eigentlich für gemeinsame Werte. Aber wenn man einmal diese eher immaterielle Idee außen vor lässt, hat Großbritannien natürlich massiv profitiert, weil es EU-Fördermittel an verschiedenen Stellen gegeben hat, Fischerei ist ein Stichwort.

    Insofern ist es, glaube ich, eher ein Nachteil für Großbritannien, irgendwann einmal nicht mehr Mitglied der EU zu sein – wobei man ja nicht weiß, wann das sein wird.

    Was wären denn möglicherweise Auswirkungen des Brexits speziell auf Deutschland?

    Die Gewichte verschieben sich deutlich nach Südeuropa, was die Haushaltspolitik betrifft. Frankreich wird die Chance nutzen, einfach durch den Bedeutungsgewinn nochmal stärker auf weichere Haushaltsziele zu setzen. Und es wird den einen oder anderen geben, der die Sparpolitik der letzten Jahre in Südeuropa eben als Sargnagel für die EU bezeichnen wird. Das wird sehr leicht auf offene Ohren stoßen, um dort Umschichtungen vorzunehmen, dass einfach nicht mehr gespart wird, sondern das nicht vorhandene Geld vieler Staaten dennoch mit vollen Händen ausgegeben wird. Das ist eine große Gefahr, die damit auch für Deutschland einhergeht, weil: Deutschland ist letztlich der Staat, an dessen Bonität eigentlich die Eurozone hängt.

    Bald findet wieder ein G20-Treffen statt — könnte sich der Brexit möglicherweise sogar auf die Weltwirtschaft auswirken? 

    Auf die Weltwirtschaft selber nicht. Aber betrachtet man Europa insgesamt, ist es natürlich eine Schwächung von Europa. Europa ist in einer Situation, in der man eigentlich ein Gegengewicht mit einem einheitlichen Währungsraum, mit einer einheitlichen Außenpolitik, mit einer einheitlichen ökologischen Politik gegen Regionen wie China, die USA, Indien, Russland und viele andere große Staaten der Welt mit entsprechenden Bevölkerungsanteilen setzen muss. Die Vielstimmigkeit, mit der Europa droht wieder in Zukunft zu sprechen, wird international einfach nicht mehr gehört. 

    Die meisten reagieren ja geschockt und negativ auf einen möglichen Brexit. Wenn man das Ganze einmal positiv betrachtet: Könnte nicht Großbritannien auch ganz gut mit der Nachbarschaft zur EU klarkommen, ähnlich wie Norwegen oder die Schweiz?

    Ja, warum nicht? Aber Großbritannien ist ein wesentliches Mitglied, ein frühes Mitglied der EU gewesen und steigt jetzt aus – das ist eigentlich die Schockbewegung. Jetzt ist jemand rausgegangen aus einem Club, aus dem man eigentlich nicht austritt — und das sorgt für den Schock. Großbritannien wird mit Freihandelszonen, einer Zugehörigkeit zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft oder ähnlichem wunderbar agieren können, ähnlich wie Norwegen – das ist eigentlich ja auch das Ziel, das Großbritannien verfolgt.

    Umgekehrt stellt sich die Frage, ob die EU das tun sollte, weil damit natürlich ein Signal gesetzt wird: Es ist eigentlich gar nicht so schlimm, wenn man kein EU-Mitglied mehr ist und das könnte natürlich Abwanderungsbewegungen anderer Staaten noch forcieren.

    Herr Schön, ganz zum Schluss noch Ihre Prognose: Wird es denn überhaupt zum Brexit kommen? 

    Na ja, das ist ungefähr die Eine-Million-Euro-Frage. Hätten Sie mich das direkt nach dem Brexit gefragt, hätte ich gesagt: Ja klar. Jetzt gibt es ja irgendwie bei den Brexit-Befürwortern gewisse Auflösungserscheinungen und diese Auflösungserscheinungen können schon ein Zeichen sein, dass man eigentlich wieder zurück will – sozusagen der Ausstieg vom Ausstieg. Ich halte das allerdings politisch nicht für durchsetzbar. Es gibt eine relativ deutliche Mehrheit, knappe 52 Prozent haben für den Brexit gestimmt. Das muss man jetzt vermutlich umsetzen, um sowohl in Großbritannien als auch in der EU die Glaubwürdigkeit zu behalten.

    Interview: Armin Siebert

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