05:42 17 August 2017
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    Finanzexperte: „Wir sind auf dem direkten Weg in einen gigantischen Crash“

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    Wirtschaft
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    Die Europäische Zentralbank kauft derzeit Anleihen im Wert von 80 Mrd. Euro im Monat. Die EZB wird somit zum Direktinvestor in Europas Wirtschaft, ohne dass das Geld den Umweg über das Bankensystem nehmen muss. Die Risiken der Aktion sind beträchtlich, der Nutzen zweifelhaft, meint der Finanzexperte Ernst Wolff, der vor dem totalen Crash warnt.

    Herr Wolff, die Europäische Zentralbank (EZB) erwirbt immer mehr faule Kredite und Anleihen und muss dafür wohl ihre eigenen Richtlinien ändern. Wie problematisch ist das?

    Das ist alles kein Problem für die EZB, weil die ganzen Richtlinien ja eh immer dann außer Kraft gesetzt, wenn Not am Mann ist. Wir leben in einem Zeitalter, wo die Finanzwelt völlig Kopf steht. Wer hätte vor zehn oder sogar vor drei Jahren jemals geglaubt, dass es mal Negativzinsen geben würde? Wer hätte geglaubt, dass die EZB jemals Ramschanleihen würde kaufen dürfen?

    Was sind denn Bereiche, wo die EZB in eine Grauzone gerät?

    Zum Beispiel bin ich sicher, dass die EZB ihre Finger mit im Spiel hat, die deutsche Bank zu stabilisieren. So etwas passiert hinter den Kulissen.

    Die EZB hat ja zum Beispiel auch VW in jüngerer Vergangenheit geholfen. VW saß auf faulen Autokrediten in Höhe von zwei  Milliarden. Die hat die EZB VW abgenommen. 

    Sollte die EZB nun ihre Regeln zum Wertpapierkauf aufweichen? Rechnen Sie mit politischem Gegenwind?  

    Damit sollte man eigentlich rechnen, weil die ÉZB ja eine Institution ist, die über den einzelnen Regierungen steht. Und die verschiedenen Regierungen haben ja unterschiedliche Interessenlagen. Man sieht das gerade in der Auseinandersetzung um die italienische Bankenkrise. Da brechen Konflikte auf zwischen Zahlern und Empfängern in der EU. Das bringt die EU langsam zum Zerbrechen.

    Sind solche Maßnahmen nicht eigentlich Beihilfe zur Konkursverschleppung? 

    Natürlich. Das ist die größte Konkursverschleppung in der Geschichte der Menschheit. Und die größte Vermögensumverteilung. Die EZB gibt ja mehrere Gründe dafür an, warum sie so viel Geld druckt und warum sie so niedrige Zinsen hat. Sie sagt, sie will die Wirtschaft damit ankurbeln. Das kann nicht stimmen, weil die Wirtschaft seit acht Jahren dadurch eben nicht angekurbelt wird. Im Gegenteil. Das ganze Geld fließt nicht in die Realwirtschaft, sondern einzig und allein in die Finanzmärkte, also in die Spekulation.

    Das zweite Ziel der EZB ist es, die Inflation anzuheizen. Das Ziel sind zwei Prozent. Das schaffen sie aber nicht. Trotz dieser unfassbaren Geldspritzen. Ganz einfach, weil die Realwirtschaft stagniert. Was sie tatsächlich tun, ist, Spekulanten immer mehr Geld zu immer besseren Bedingungen zur Verfügung zu stellen.

    Die Zentralbanken geben doch aber vor, mit ihrer Geldflutung das Platzen der Schuldenblase zu verhindern?

    Das ist genau so absurd, als wenn Sie einem Kind sagen würden, blas‘ mal die Seifenblase nur halb auf und lass‘ sie dann wieder kleiner werden. Das ist physikalisch nicht möglich. Die Blasen, die jetzt existieren, sind die Blasen an den Anleihenmärkten, an den Aktienmärkten und an den Immobilienmärkten. Und die kann  man nicht langsam zurückführen. Die haben sich selbstständig gemacht und werden weiter angetrieben. Sie werden also nur größer werden am Ende platzen. Wir sind auf dem direkten Weg in einen gigantischen Crash.

    Vor allem Italiens Banken scheinen auf einer Menge fauler Kredite zu sitzen. 

    Ja, die sitzen wohl auf faulen Krediten in Höhe von 360 Milliarden. Das große Problem ist, dass diese Kredite zum großen Teil bei deutschen, französischen und amerikanischen Banken rückversichert sind.

    Heutzutage werden alle großen Kredite, die vergeben werden, über Kreditausfallsversicherungen abgesichert. Um das kurz zu erklären: Wenn Sie einen Kredit von, sagen wir, einer Million vergeben und nicht sicher sind, ob Sie den Kredit zurückbekommen, dann gehen Sie zu einer anderen großen Bank und lassen das versichern. Dann kriegen sie Ihr Geld auf jeden Fall von dieser Bank zurück. 

    Im Zuge der Deregulierung ist allerdings erlaubt worden, dass jeder diese Kreditausfallsversicherungen abschließen kann. So können, sagen wir, 50 Banken solche Ausfallversicherungen auf ein und denselben Kredit abschließen. Das heißt, wenn ein Kredit nicht zurückgezahlt werden kann, ist nicht eine Million, sondern es sind  50 Millionen fällig. So ist das 2008 (dem amerikanischen Versicherer) AIG geschehen. Damals sind die Schulden aus den Kreditausfallsversicherungen von AIG auf faule Kredite explodiert. Das Gleiche gilt nun für die italienischen Banken. Das Problem sind also nicht die 360 Milliarden, die eigentlichen Kredite, sondern die Kreditausfallsversicherungen, die ein Vielfaches dieser Summe ausmachen. Und deswegen muss Italien unbedingt gerettet werden. Um jeden Preis.

    Die EU bringt wohl ein Defizitverfahren gegen Spanien und Portugal auf den Weg. Wie steht es um den EU-Stabilitätspakt? 

    Der wird auf jeden Fall auseinanderfliegen. Es kann nur noch keiner sagen, wann und wie. Gerade seit dem Brexit herrscht ja große Hektik. Der Brexit hat die nationalen Tendenzen, sich von der EU abzusondern, ganz dramatisch verstärkt. Da wird uns noch einiges bevorstehen. Allerdings ist das Finanzsystem so verzweigt, dass hier ein geordneter Rückzug für einzelne Länder nicht möglich sein wird. So wird es wohl in einem Crash enden.

    Sie geben diesem Finanzsystem also keine Zukunft?

    Da Sie mich das gerade heute fragen, gebe ich Ihnen ein exemplarisches Beispiel: Heute wurden zum ersten Mal in der Geschichte deutsche Staatsanleihen zum Negativzins verkauft. Wenn Sie das einem Ökonomen vor drei Jahren gesagt hätten, hätte er sich an den Kopf gefasst und gesagt, das wäre nie möglich. Der deutsche Staat nimmt jetzt Geld entgegen und muss dafür nichts zahlen, sondern bekommt dafür noch mehr Geld. Wenn so ein System nicht in den finanziellen Abgrund führen wird, dann weiß ich nicht, was noch.

    Interview: Armin Siebert

    Tags:
    Konkurs, Finanzsystem, Wertpapiere, Anleihen, Europäische Zentralbank (EZB), Ernst Wolff, Europäische Union, Portugal, Spanien, Italien
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