04:00 17 August 2017
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    Finanzexperte Wolff: USA profitieren von EU-Sanktionen, Deutschland ist der Verlierer

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    Wirtschaft
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    Die nunmehr bis Januar 2017 verlängerten EU-Sanktionen verursachen allein für den deutschen Mittelstand Verluste in Milliardenhöhe. Die russischen Gegensanktionen im Lebensmittelbereich treffen wiederum europäische Bauern empfindlich. Der Finanzexperte Ernst Wolff verweist auf den geopolitischen Zweck der Sanktionen.

    Herr Wolff, zeigen die Russland-Sanktionen Wirkung?

    Auf jeden Fall. Wenn wir von Deutschland ausgehen, das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland hat in den Jahren nach der großen Krise 2007/2008 zugenommen und ist dann 2015 um 25 Prozent eingebrochen. Die Wirkung der Sanktionen ist erheblich.

    Also schaden Sanktionen nicht nur dem Adressaten, sondern auch dem Absender. Taugen dann Sanktionen überhaupt als politisches Instrument? 

    Die Sanktionen, die die EU gegen Russland verhängt hat, sind ja auf Veranlassung der USA implementiert worden. Die EU ist ja wirtschaftlich einer der größten Konkurrenten der USA. So nutzt die USA jede Gelegenheit, die EU zu schwächen. Da bot sich der Ukraine-Konflikt natürlich an. Die USA haben diese Situation genutzt, um einen Keil zwischen die EU und Russland zu treiben.

    Die Vision einer Wirtschaftszone von Lissabon bis Wladiwostok macht also die Mächte auf der anderen Seite des Ozeans unruhig?

    Die USA haben größte Angst davor, dass sich die EU mit Russland und möglicherweise mit China zusammentut. Das wäre die Apokalypse für die USA. So ist die USA immer bestrebt, Russland und China möglichst auf dem Weltmarkt zu isolieren. Man darf nicht vergessen, dass Europa zu einem großen Teil von russischen Öl- und Gaslieferungen abhängig ist. Das passt der amerikanischen Finanzwirtschaft nicht.

    Gibt es Firmen, zum Beispiel in Deutschland, die hauptsächlich auf das Russlandgeschäft spezialisiert sind und deren Existenz durch die Sanktionen bedroht ist?

    Es gibt über 6000 deutsche Unternehmen, die mit Russland Handel treiben. Viele dieser Unternehmen haben nun Schwierigkeiten. Das ist auch durch die Sanktionen beabsichtigt. Die meisten dieser Unternehmen kommen aus dem Mittelstand. Wenn mittelständige Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, dann sind immer große Player auf dem Markt da, die solche Unternehmen gern aufkaufen.

    Bei einem großen Weltkonzern macht der Handel mit Russland vielleicht etwas im einstelligen Prozentbereich aus. Aber mancher deutscher Maschinenbauer aus dem Mittelstand kann durchaus zum großen Teil vom russischen Markt abhängen. Da hauen Sanktionen böse rein und können so eine Firma kaputtmachen, was gewöhnlich zum Verkauf an ein großes Unternehmen führt.

    Was ist eigentlich mit den deutschen Firmen, die in Russland selbst tätig sind? Das sind ja auch einige.

    Die Sanktionen betreffen natürlich auch diese Firmen und machen ihre Arbeit in Russland nicht leichter. Die Russen überlegen sich angesichts der Unsicherheiten durch die Sanktionen dann vielleicht auch lieber auf chinesische, anstatt auf deutsche Lieferanten zu setzen. Die Chinesen haben ja inzwischen ungeheuer aufgeholt in den traditionell deutschen Sektoren, wie Industriemaschinen und Modernisierungstechniken, die in Russland sehr gefragt sind.

    Wieweit kann denn die Wirtschaft Einfluss haben auf die Politik?

    Die Politik ist eigentlich der verlängerte Arm der Wirtschaft. Und die Wirtschaft besteht heute in erster Linie aus der Finanzwirtschaft. Und die weltweit größten Investoren sind die Hedgefonds und Großbanken der Wall Street, das amerikanische Großkapital. Die geben im Hintergrund den Ton an und bestimmen, was politisch gemacht wird. Wenn also zum Beispiel die EU die Sanktionen nicht durchführen würde, würden die Amerikaner Mittel finden, die EU schwerstens unter Druck zu setzen.

    Russland hat ja als Reaktion auch Sanktionen verhängt, vor allem auf Lebensmittel aus Europa. Zeigen auch diese Sanktionen Wirkung?

    Das Verrückte hierbei ist, dass diese Sanktionen vor allem Länder wie Litauen oder Polen und in gewissem Umfang Deutschland und Holland getroffen haben. Das passt natürlich super, weil so auch das Verhältnis der ehemaligen Ostblockstaaten zu Russland verschlechtern wird. Man sieht das ja an den Militärübungen in letzter Zeit, was dort inzwischen für ein Reizklima herrscht, das durch solche Sanktionen noch angeheizt wird.

    Mit Russland sollen wir weniger Handel treiben, auf der anderen Seite wird Druck gemacht, TTIP möglichst schnell umzusetzen. Hängt das zusammen?

    Auf jeden Fall. TTIP wird dem amerikanischen Großkapital ungeheuer nützen. Wenn in europäischen Konzernen plötzlich das amerikanische Arbeitsrecht vorherrscht, dann ist das ein weiterer Schritt zur Weltherrschaft der USA. Auf der anderen Seite sind die Amerikaner im Moment in riesigen Schwierigkeiten. Die Amerikaner haben die größte Wirtschaft der Welt, aber diese Wirtschaft steckt in der Krise.

    Deshalb benutzen sie das Instrument der Destabilisierung, um Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu schwächen. In dem Zusammenhang muss man auch die Sanktionen sehen.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Sanktionen, Ernst Wolff, Europäische Union, Deutschland, USA
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