14:30 24 Juni 2019
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    Ein Smartphone in einer Schutzhülle (Symbolbild)

    Secusmart: Abhörsichere Smartphones für alle? Möglich!

    © Sputnik / Evgeniy Biyatov
    Wirtschaft
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    In der Hochphase des NSA-Abhörskandals hat das deutsche Technologieunternehmen Secusmart das berühmte Kanzler-Handy entwickelt. Im Gespräch mit dem Geschäftsführer Dr. Christoph Erdmann wollte Sputnik erfahren, ob bald jeder sicher telefonieren und texten kann.

    Sputnik: Herr Dr. Erdmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Zuge ihres Neun-Punkte-Planes die Ausweitung der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung bestätigt. Wird das die Nachfrage nach abhörsicheren Smartphones steigern? 

    Erdmann: Das kann sein. Das ist immer relativ schwer zu sehen, ob politische Entscheidungen eine konkrete Nachfragesteigerung bewirken. Meistens ist das für die Bürgerinnen und Bürger und für unsere Kunden, die vorrangig im Unternehmens- und Regierungsumfeld tätig sind, eher ein abstrakter Begriff, mit dem man wenig anfangen kann. Zumal es bei der Vorratsdatenspeicherung nicht um das Speichern von Inhalten, sondern um das Speichern von Metadaten geht, also wer telefoniert wann mit wem. Aber natürlich hebt die aktuelle Debatte das Thema erneut in den Fokus.

    CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach
    © AP Photo / Markus Schreiber

    Sputnik: Edward Snowden hat kürzlich eine Handyhülle vorgestellt, die vor allem Smartphones für Journalisten abhörsicher machen soll. Arbeitet Secusmart bereits an einem ähnlichen Handy für Medienvertreter? 

    Erdmann: Das gibt es schon von uns. Die Frage ist ja immer, wie man Sicherheit definiert. Die Hülle, die Edward Snowden durchaus medienträchtig vorgestellt hat, deckt ja nur einen ganz spezifischen Bereich von mobiler Sicherheit und Überwachung ab. Es geht ja hier mehr um die Überwachung der durch das Endgerät in jedem Zustand ausgesendeten Lokalisierungsinformationen und das soll durch diese Handyhülle unterbunden werden. Das ist jedoch nur eine Facette der Angriffsflächen, die ein modernes Mobiltelefon für Überwachung bietet. Die einfachsten Überwachungen finden nämlich dann statt, wenn man das Gerät aktiv nutzt, sprich wenn man damit Emails oder Textnachrichten versendet und insbesondere dann, wenn man telefoniert. Secusmart bietet schon seit Jahren die Sicherheit in der Kommunikation als solche an. Und das gibt es nicht nur für Regierungskunden, sondern auch für Journalisten und Unternehmenskunden.

    Sputnik: Hat denn die Nachfrage von Medienvertretern in der letzten Zeit zugenommen?

    Erdmann: Nicht so wirklich, muss ich sagen.

    Sputnik: Liegt das daran, dass Journalisten sich gar nicht so oft bewusst darüber sind, dass sie schnell ins Fadenkreuz der Überwachung geraten? 

    Erdmann: Ja, das liegt ganz sicher daran. Es gibt natürlich Journalisten, die sich im Umfeld der IT oder IT-Spionage auskennen und sich mit der gesamten Snowden- und NSA-Thematik auseinandersetzen. Diejenigen sind für die Gefahren sensitiv, wobei das nur ein kleiner Kreis ist. Sie kümmern sich um das Thema, die anderen nicht. Das ist eigentlich ein Muster, was grundsätzlich für unsere gesamte Kundschaft gilt.

    Sputnik:  Sollte denn nicht jeder das Recht auf ein sicheres Telefon haben? 

    Erdmann: Natürlich. Sie haben ja auch das Recht darauf, dass ihr Haus oder ihre Wohnung einbruchsicher ist, oder dass ihr Auto vor Einbruch geschützt ist. Ebenso haben sie auch das Recht darauf, dass ihr Telefon geschützt ist.

    Sputnik: Aber wenn jeder dieses Recht hat, warum nutzen die Bürgerinnen und Bürger dieses Recht nur in den wenigsten Fällen? Warum wird dieser Markt viel eher von Regierungsvertretern genutzt, als das es den allgemeinen Bürger erreicht? Liegt das auch an der Unwissenheit über Abhörmethoden? 

    Erdmann: Ja klar. Das hat viel damit zu tun, aber auch mit der Resignationshaltung des Bürgers nach dem Motto „Wir hier unten und die da oben, und wirklich machen können wir da eh nichts“. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Man kann ganz im Gegenteil recht viel machen. Jedoch ist es so, dass die Regierung das gesamte Spektrum kennt, weil sie es eben anwenden. Insofern wissen sie auch ganz genau, wogegen sie sich schützen müssen.

    Sputnik: Viele behaupten auch, sie hätten gar nichts zu verbergen und deswegen könne man auch ausgespäht werden. Ist diese Haltung nicht ein Problem, wenn Inhalte so freiwillig preisgegeben werden? 

    Erdmann: Das ist eine Frage, die ich ganz oft gestellt bekomme. Ich antworte dann immer: „Ja, aber ich habe auch Vorhänge in meinem Haus. Und wenn ich morgens ohne Kleidung im Bad rumlaufe, möchte ich auch nicht, dass mich jemand sieht“. Das ist doch genau der Punkt, der eigentlich Privatsphäre definiert. Ich behaupte, wer keine Privatsphäre hat, der hat auch am Ende keine Persönlichkeit und keinen Charakter mehr.

    Sputnik: Wenn Sicherheit das Recht eines jeden Bürgers ist, welchen Einfluss hätte denn die grobe Überwachung auf Terroristen und auf Menschen, die tatsächlich etwas zu verbergen haben? 

    Erdmann: Das ist immer ein ganz schwieriges Thema. Da gibt es auch keine einfache Antwort drauf. Die Diskussion dreht sich ja immer auf der einen Seite um die Privatsphäre des Einzelnen gegenüber dem Recht der Allgemeinheit und der Pflicht des Staates zum Schutze seiner Bürger. Wo da die Grenze zu ziehen ist, darüber wird ja seit Jahren diskutiert. Am Ende ist die Überwachung von Telekommunikation auch nur eine Form der Nachrichtengewinnung, die die staatlichen Überwachungsdienste haben. Die Tatsache, dass man jedoch diese Technologie in Kauf nimmt, die man den Leuten mit unklaren Absichten zur Verfügung stellt, kann aus meiner Sicht nicht bedeuten, dass unbescholtene Bürger diesen Schutz nicht haben dürfen.

    Sputnik:  Würden Sie zustimmen, dass die Politik auch gar kein Interesse hat, die Bürger darüber aufzuklären, was in diesem Bereich tatsächlich machbar ist und wovor man sich schützen kann? 

    Erdmann: Natürlich. Und das ist ja am Ende auch Ihre Aufgabe, die Allgemeinheit darüber in Kenntnis zu setzen, was es so alles gibt und was die Politik so alles macht. Auf der anderen Seite genießen wir als einfache Bürger auch immer die sogenannte Gnade der Unwissenheit. Oft ist es ja so, dass wir gar nicht alles wissen wollen, was so um uns herum passiert, weil wir sonst sicher abends gar nicht mehr einschlafen würden.

    Edward Snowden
    © REUTERS / Glenn Greenwald/Laura Poitras

    Sputnik: Ein Blick in die Zukunft: Wie stellen Sie sich die Mobilfunkgeräte der nächsten Jahre vor? 

    Erdmann: Das ist eine hochinteressante und recht spekulative Frage. Egal ob es ein iPhone, Blackberry oder Android ist, wir tragen alle enorm viel Rechenkapazität in der Hosentasche, wovon wir früher geträumt haben, dass sie auf unserem Schreibtisch steht, wenn überhaupt. Und schauen wir uns die Smartwatches und Smartglasses an, dann haben die schon mehr Rechenkapazität, als die ersten Mobiltelefone. Das heißt, die Mobilgeräte werden immer vernetzter und das ist heute schon der Fall. Wir sind always online. Wir tragen am Körper massivste Rechenkapazitäten. Der Traum davon, dass wir uns der Vernetzung jemals wieder entziehen können, wird ein Traum bleiben. Stellen Sie sich vor, Sie verlassen morgens das Haus und stellen fest, Sie haben das Smartphone vergessen. Ich glaube, da rennt jeder instinktiv zurück und holt sein Telefon, weil er ohne eigentlich gar nicht mehr kann.

    Sputnik: Steigen denn parallel zur angesprochenen Vernetzung auch die Sicherheitsvorkehrungen, die notwendig sind, um die Menschen aufzuklären und zu schützen? Oder geht das immer weiter auseinander? 

    Erdmann: Das verläuft immer in Wellen. Es gibt immer als erstes einen neuen Dienst wie zum Beispiel Whatsapp. Die werden anfangs recht unhinterfragt und unreflektiert genutzt und in unseren Alltag eingebaut, bis hin zu der gerade beschriebenen Abhängigkeit. Dann kommt immer die zweite Welle und zwar die des Bedenkens. Wenn wir dann alle innehalten und darüber nachdenken, was wir jeden Tag so benutzen, beruht das meistens darauf, dass es eine journalistische Aufklärung gibt, die auf einmal offenlegt, welche Gefahren eigentlich hinter dem Service stecken. Erst dann folgt die Welle derer, die das Ganze sicher machen. Wir haben also einen Wettlauf zwischen Hyperkonnektivität auf der einen Seite und dann läuft die Sicherheit immer hinterher. Es ist ganz selten so, dass man erst über die Sicherheit nachdenkt und dann den Service einführt. Und das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern. Die Sicherheit wird immer ein Stückchen hinterher hinken. Doch Firmen wie meine arbeiten weiter daran, in dieser Entwicklung Schritt mithalten zu können. 

    Interview: Anne-Kathrin Glück

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