12:25 27 Oktober 2020
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    Das wirtschaftliche Potential der sogenannten Schwellenländer ist bei weitem nicht ausgeschöpft, meint der Finanzexperte Ernst Wolff. Die BRICS-Länder - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – sind bereits solide Global Player der Weltwirtschaft. Der Dollar gerät dadurch in Bedrängnis. Geopolitische Folgen davon könnten dramatisch sein.

    Die sogenannten Schwellenländer haben zusammen das größte Potential an Ressourcen und Menschen. Wie gut  wird dieses Potential genutzt?

    Dieses Potential wird gut genutzt, aber nicht von den Ländern selber, sondern hauptsächlich von ausländischen Konzernen. Die Rohstoffe werden außer Landes gebracht. Im Land interessieren die Konzerne natürlich die billigen Arbeitskräfte. Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass die Gewinne über die Konzerne wieder in die Industrieländer fließen. Das heißt, diese Länder werden eigentlich mit jedem Tag, an dem sie produzieren und sie wirtschaftlich aktiv sind, weiter ausgesaugt.

    Sind Aktien aus Schwellenländern zu empfehlen?

    Der Aktienmarkt in diesen Ländern ist genauso manipuliert wie bei uns. Diese Aktienmärkte spiegeln schon lange nicht mehr die wirtschaftliche Entwicklung wieder. Ich würde jedem raten, da ganz besonders vorsichtig zu sein, weil die Aktienmärkte von großen Playern am Markt beherrscht werden. Als kleiner Anleger kann man da wirklich nur verlieren.

    Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft verlangsamt sich, ist aber im Vergleich zu den entwickelten Ländern immer noch beeindruckend.

    Ja, auf jeden Fall. Das lässt sich aber auch schwer vergleichen. China ist momentan der größte Handelspartner von 120 Ländern. Im Vergleich sind die USA nur der größte Handelspartner von 70 Ländern. Aber China ist sehr abhängig von Export. Was ganz wichtig ist: Das Wachstum ist absolut kreditbetrieben. Und die Kreditwirtschaft in China ist definitiv fragwürdiger als bei uns. Außerdem muss man sagen, dass der Aktienmarkt in China viel mehr manipuliert ist, als hier bei uns. Darüber hinaus gibt es auch riesige Blasen in China. Eine Blase herrscht an den Immobilienmärkten. Es gibt viele Faktoren, die Unsicherheiten beinhalten.

    Trotzdem hat sich China in den letzten Jahren ohne Frage weit entwickelt und damit die USA möglicherweise an wirtschaftlicher Macht eingeholt.

    Ist Russlands Wirtschaft auf dem Weg der Erholung?

    Auf jeden Fall. Man kann Russland jetzt nicht mit Brasilien oder Südafrika vergleichen. Der Ölpreis ist für Russland ungeheuer wichtig. Das Übermaß an Abhängigkeit vom Ölpreis ist in den letzten Jahren eigentlich kaum zurückgegangen. Was bei Russland noch eine wichtige Rolle spielt, ist das Russland eine sehr geschickte Außenpolitik betreibt und Handelsbeziehungen zu China und anderen Ländern intensiviert und sich dadurch ein bisschen am Markt erholt hat.

    Wie steht’s um Brasilien, wo ja gerade die Olympiade stattfindet?

    Brasilien steckt derzeit in der schwersten Wirtschaftskrise seit 100 Jahren. Das Land befindet sich seit drei Jahren in einer Rezension, die Reallöhne befinden sich im freien Fall, es gibt eine Arbeitslosigkeit von elf Prozent und diese ganzen sozialen Unruhen kommen ja nicht von irgendwo her. Durch die Olympiade wird die soziale Realität nur mit einem Zuckerguss übergossen. Die wirtschaftliche Realität, die dahinter steht, sieht für Brasilien überhaupt nicht gut aus.

    Die BRICS-Staaten haben ja eine eigene Bank gegründet. Steht die langsam auf eigenen Füßen?

    Ja, so ganz langsam entwickelt sie sich schon und wird von den Amerikanern überaus argwöhnisch betrachtet. Das Problem ist, dass die New Development Bank  innerhalb des Dollar-Systems funktioniert und deshalb auch dem Dollarsystem unterworfen ist. Wir dürfen nicht vergessen: Das Weltfinanzsystem ist ein Dollarsystem und die einzige Organisation auf der Welt, die den Dollar drucken darf, ist die Federal Reserve Bank in den USA. Die Amerikaner haben es in den letzten Jahren wirklich geschafft, sich die ganze Welt zum Untertanen zu machen.

    Wäre es möglich, sich von der US-Finanzwirtschaft abzukoppeln und eine andere Leitwährung festzulegen?

    Das werden die Amerikaner mit aller Macht verhindern. Es hat ja Versuche gegeben, aus diesem System auszubrechen und die sind ganz blutig geendet. Saddam Hussein beispielsweise wollte sein Öl nicht mehr in Dollar, sondern in Euro verkaufen. Muammar al-Gaddafi wollte eine goldgedeckte Währung einführen. Das hat dazu geführt, dass die beiden heute nicht mehr auf der Welt sind. Mit anderen Worten, die Amerikaner versuchen alles, um dieses System aufrechtzuerhalten.

    Russland versucht ja auch gerade wieder mit der Türkei eigene Wirtschaftskorridore aufzubauen.

    Ja, die Entwicklung der Türkei ist interessant. Die Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan haben kürzlich auf ihrem Treffen vereinbart, dass der Handel zwischen beiden Ländern in Rubel und Lira vonstattengehen soll. Das ist eine ähnliche Kriegserklärung an die USA, wie sie Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi damals erteilt haben. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Aktien, Rohstoffe, Weltwirtschaft, Dollar, Muammar al-Gaddafi, Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin, Südafrika, Indien, USA, Brasilien, China, Russland