19:42 23 September 2018
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    „Immer mehr Verlierer“ - Finanzexperte Wolff: Globalisierung verändert ihr Gesicht

    © AP Photo / Matthias Schrader
    Wirtschaft
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    Adidas verlegt seine Produktion zurück nach Deutschland. Ist die Globalisierung am Ende? Billiglohnländer werden zunehmend politisch instabil. Auch im Westen sehen sich nicht alle als Gewinner der Globalisierung. Und Vizekanzler Gabriel erklärt TTIP für de facto gescheitert. Wie das alles zusammenhängt, erklärt der Finanzexperte Ernst Wolff.

    Herr Wolff, adidas will seine Produktion aus den Billiglohnländern zum Teil wieder zurück nach Deutschland verlegen. Wie bewerten Sie das?

    Für mich ist das einfach der nächste logische Schritt, um den Gewinn für adidas und die Investoren zu erhöhen. Der große Verlierer werden die Arbeiterinnen und Arbeiter in Südostasien sein, die ihre Arbeitsplätze verlieren und vermutlich auch keinerlei soziale Absicherung haben werden. 

    Der deutsche Arbeitsmarkt dürfte allerdings nicht allzu viel davon haben, da die Produktion der Turnschuhe hier weitestgehend vollautomatisiert ablaufen wird.

    Richtig, hier in Deutschland wird kein einziger Arbeitsplatz geschaffen. Es gibt eigentlich auf allen Seiten Verlierer, gewinnen werden nur ganz wenige Leute, deren Portemonnaie dadurch etwas voller wird.

    Geht die Ära der Globalisierung zu Ende, kommt es zu einer Umkehrung?

    Fechtkunst (Symbolbild)
    © Sputnik / Alexei Filippov

    Ich glaube nicht, dass wir vor einer Umkehrung stehen, aber ich denke, dass die Globalisierung gerade ganz gewaltig ihr Gesicht verändert. Das hat vor allem auch einen technischen Grund. Weltweit ist die Entwicklung von Robotern und 3D-Druckern vorangeschritten und das bedeutet, dass eine ganze Menge von Niedriglohnarbeitsplätzen, vor allem in Südostasien, durch diese Maschinen ersetzt werden können. Für die Unternehmen ist es natürlich wesentlich günstiger, ihre Waren wieder hier produzieren  und von Maschinen herstellen zu lassen, weil sie dann wiederum die Löhne sparen können. Außerdem können sie dann rund um die Uhr und ungeachtet irgendwelcher Feiertage durchproduzieren.

    Hat dies also rein wirtschaftliche Gründe und nicht etwa politische Instabilität in manchen Produktionsländern?

    Beides kommt zusammen. Es hat auf jeden Fall wirtschaftliche und technische Gründe, um die Gewinne zu erhöhen. Das bedeutet auch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit, gerade auch bei politischen Unsicherheiten und Unruhen.

    Es gibt eine ganz interessante Studie von Zbigniew Brzezinski, der grauen Eminenz der amerikanischen Politik. Er hat im April dieses Jahres einen Aufsatz veröffentlicht und darin den Amerikanern empfohlen, ihre Politik neu auszurichten. Er hat geschrieben, dass die größte Gefahr in nächster Zeit die Gefahr von Volksaufständen und sozialen Unruhen in den Schwellen- und Entwicklungsländern sei. Das hat direkt damit zu tun, dass dort ganz viele Arbeitsplätze abgebaut und durch 3D-Drucker in den Industrieländern ersetzt werden. Es wird also nicht ohne soziale Folgen vonstattengehen und deswegen werden viele Konzerne versuchen, ihre Produktionskapazitäten möglichst bald aus diesen Ländern abzuziehen.

    Für die Umwelt sind das wohl eher gute Neuigkeiten, da jetzt lange Transportwege wegfallen.

    Auf jeden Fall! Gerade der 3D-Drucker wird die Weltwirtschaft revolutionieren, denn damit kann man faktisch jede Ware an jedem Ort der Welt herstellen. Das heißt, dass die ganzen Transporte im Endeffekt wegfallen – das wird ein Riesenproblem für die Logistikbranche werden. Ganze Flotten von Containertankern werden wegfallen. Es wird auf jeden Fall aber auch einen anderen Effekt haben, dass nämlich die Besitzer der jeweiligen Lizenzen die großen Gewinner sein werden. Denn alles, was mit 3D-Druckern produziert wird, wird nach bestimmten Plänen und Lizenzen hergestellt.

    Im Westen regt sich ja inzwischen auch Widerstand gegen die Globalisierung. Nicht jeder hierzulande fühlt sich als global vernetzter Gewinner. Sehen Sie das auch so?

    Auf jeden Fall. Die Verlierer der Globalisierung sind nicht nur die Arbeiter in Südostasien und Südamerika, sondern seit langem auch die Arbeiter und der Mittelstand in den USA und in Europa. Die Globalisierung hat ja dazu geführt, dass Arbeitsplätze ausgegliedert und Arbeitskräfte zu viel schlechteren Konditionen in China, Bangladesch und Pakistan eingestellt wurden. Das wiederum hat einen großen Druck auf das Lohngefüge in Europa und Amerika ausgeübt. Deswegen haben die Löhne in Europa und Amerika stagniert und waren teilweise sogar stark rückläufig.

    Ich habe ein Beispiel zur Hand: Der Einstiegslohn bei General Motors lag vor 25 Jahren bei 28 Dollar. Heute liegt er bei 12 Dollar die Stunde. Die Arbeiter sind die großen Verlierer, aber auch der Mittelstand.  Wenn Sie einen mittelständischen Betrieb mit 300-400 Angestellten haben, dann ist es für Sie nicht so einfach, die ganze Produktion nach Südostasien auszulagern. Für einen großen Betrieb mit 50.000-80.000 Angestellten ist das ein Klacks. Aber die mittelständischen Unternehmen mussten in den Heimatländern bleiben und auch weiterhin höhere Löhne zahlen als die großen Konzerne in Südostasien oder Südamerika.

    Auch Präsidentschaftskandidat Trump ist ein Globalisierungsgegner. Inwieweit ist das auch ein politischer Aspekt?

    Das ist auf jeden Fall ein politischer Aspekt, allerdings befindet sich Donald Trump im Wahlkampf und da reden Politiker immer wie im Delirium. Die Globalisierungsgegnerschaft von Trump ist für mich überhaupt nicht durchschaubar. Der Mann verspricht den Leuten, dass er die Arbeitsplätze nach Amerika zurückbringt, aber er sagt nicht, zu welchen Bedingungen.

    Ich kenne keinen Konzernchef, der freiwillig einen Arbeitsplatz aus Asien wieder in die USA zurückverlagert und dort wieder die ortsüblichen Löhne zahlt. Das ist alles Augenwischerei und ich denke, dass Trump einfach nur auf einer populistischen Welle reitet.

    Vizekanzler Gabriel hat am Wochenende gesagt, dass TTIP gescheitert sei. Wie bewerten Sie das?

    Ich glaube, dass er auch im Wahlkampfmodus ist, weil ja jetzt die Landtagswahlen anstehen. Ich denke, dass er da auch ein bisschen auf der populistischen Welle reitet. Er weiß ganz genau, dass TTIP von vielen Deutschen abgelehnt wird. Er hat jetzt deren Seite aufgegriffen, indem er gesagt hat, TTIP sei eigentlich gescheitert. Zugleich sagte er aber auch, dass CETA, also das Abkommen mit Kanada, auf jeden Fall durchgehen wird. Was er den Leuten nicht sagt, ist, dass er, Sigmar Gabriel, nur ein ganz kleines Licht ist, das nicht darüber entscheiden wird, ob TTIP durchkommt oder nicht.

    Genauso wenig entscheiden das Angela Merkel oder die Bundesregierung. Ob TTIP kommt oder nicht wird in Washington entschieden und nicht in Berlin.

    Aber immerhin ist das der Wirtschaftsminister der größten Volkswirtschaft Europas.

    Das stimmt, aber auch die größte Volkswirtschaft Europas ist vom Dollarsystem abhängig und kann sich nicht einfach gegen den Willen der Amerikaner durchsetzen. Ich schließe mit Ihnen eine Wette ab: Solange Merkel und Gabriel das Kabinett stellen, solange die CDU/SPD-Regierung an der Macht ist, wird TTIP noch in dem Zeitraum durchkommen, da bin ich mir sicher.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    3D-Drucker, US-Präsidentschaftswahl 2016, EU, TTIP, Adidas, Donald Trump, Zbigniew Brzezinski, Ernst Wolff, USA, Deutschland