00:16 04 Dezember 2020
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    Leiharbeit, wachsende Alters- und Kinderarmut, Arbeitslosigkeit. Der Arbeitsmarktexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Karl Brenke, erörtert im Gespräch mit Sputnik die Lage am Arbeitsmarkt.

    Die deutsche Wirtschaft wächst — doch mit ihr auch die Armut. 6,2 Millionen Menschen in Deutschland sind 2016 auf Hartz IV–Leistungen angewiesen. Davon fast zwei Millionen Kinder bis 15 Jahren, wie es nun in der neuen Bertelsmann-Studie zu lesen ist.

    Offiziell sind 2,7 Millionen erwerbsfähige Personen ohne Arbeit. Doch die Dunkelziffer liegt höher.

    „Wir können zwar feststellen, dass wir eine sinkende registrierte Arbeitslosigkeit haben, aber doch einen Anstieg bei den Arbeitslosenmaßnahmen haben. Und hätten wir diese Maßnahmen nicht, hätten wir auch steigende Arbeitslosenzahlen“, bemerkt Karl Brenke, der Arbeitsmarktexperte vom DIW, im Gespräch mit Sputnik.

    Böse Zungen munkeln, dass der Anstieg der Weiterbildungsprogramme auf die bevorstehenden Bundeswahlen 2017 zurückzuführen ist. Somit werden fast eine Million Personen (ca. 800.000) in Maßnahmen beschäftigt und gelten damit nicht als arbeitslos. Fast eine Million (961.000) sind als Leiharbeiter beschäftigt. Eine Million Rentner sind auf eine Grundsicherung im Alter angewiesen.

    „Die Zahlen sind sehr hoch, aber wir haben in den letzten Jahren eine gute Arbeitsmarktentwicklung gehabt auf Grund derer wir auch einen Abbau der Arbeitslosenzahlen gesehen haben. Zwar nicht sehr stark, gleichwohl ist das Problem gravierend und so eine reiche Gesellschaft wie Deutschland hat einen viel zu hohen Anteil an Personen, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Das Armutsrisiko ist ein Arbeitslosigkeitsrisiko und das Arbeitslosigkeitsrisiko ist auf eine mangelnde Qualifikation zurückzuführen“, meint der Experte.

    Doch das Armutsrisiko ist nicht nur ein Arbeitslosenrisiko. Vergessen wir nicht die Menschen, die noch oder schon nicht erwerbsfähig sind. Die Zahl der Kinder und  Jugendlichen, aber auch der Rentner die auf staatliche Leistungen angewiesen sind, steigt stetig.

    „Dadurch, dass sehr viele Personen eine unvollständige Erwerbsbiografie hatten,  haben sehr viele von denen keine Rentenansprüche sammeln können. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter verdoppelt und es wird zunehmen“, ist sich Karl Brenke sicher.

    Der Experte ist sich auch deshalb sicher, da sich auf Grund schlechter Beschäftigungschancen viele, die sich in den letzten Jahren selbstständig gemacht hätten, oftmals sehr geringe Einkommen erzielt und hätten somit keine Rentenbeiträge zahlen können.

    Nun sagt die Regierung der Armut in Deutschland den Kampf an und hebt den Hartz IV-Regelsatz bei erwerbsfähigen Singles 2017 von 399,00€ auf satte 409,00€ an. Ein spürbarer Effekt dieser Anhebung wird wohl eher ausbleiben. Karl Brenke zufolge könne man diesem Trend nur mit vermehrten Investitionen ins Bildungswesen entgegensteuern. Hier allerdings sei noch viel zu tun.

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    Tags:
    Armut, Wirtschaft, Karl Brenke, Deutschland