20:56 23 November 2020
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    Düsseldorf ist laut Gerhard Eschenbau, dem Vize-Hauptgeschäftsführer der IHK der Stadt, der größte Russland-und-China-Hub in Deutschland. Während einer Podiumsdiskussion in Rahmen der 13. Düsseldorfer Tage in Moskau hat er aufgerufen, darüber nachzusinnen, ob man eine neue Seidenstraße daraus machen kann.

    „Die One-Belt-One-Road-Strategie ist ja mehr als nur von Chongqing nach Duisburg zu fahren. Dazwischen gibt es eine ganze Menge Territorium. Vieles davon liegt auf dem Gebiet der Russischen Föderation“, stellte er fest. „Logistik ist immer eine Voraussetzung für die Industrieentwicklung. Das war viel zu wenig für eine strategische Diskussion bedacht worden. Wir stellen auch mit Interesse und Freude fest, dass wir immer mehr auch russische Unternehmen als Gesprächspartner in Düsseldorf haben. Und wenn man über die Diversifizierung der Geschäfte spricht, würde ich die Internationalisierung hervorheben als eine zentrale Herausforderung für deutsche und russische Unternehmen.“

    Etwa 82 Prozent aller Deutschen wünschten sich engere Beziehungen zu Russland, meinte während der Diskussion Günther Horzetzky, Staatssekretär des NRW-Wirtschaftsministeriums. Und etwa 62 Prozent der Russen, wünschten sich engere Beziehungen zu Deutschland. „In den beiden Gesellschaften gibt es eine gute Basis für die Zusammenarbeit. Nicht von ungefähr kommt ein Drittel der 5600 deutschen Unternehmen in Russland aus Nordrhein-Westfalen“, so Eschenbau. „Trotz der Sanktionen zeigt es, dass wir nach wie vor ein ganz großes Interesse an der Intensivierung unserer Beziehungen haben. Ein deutsches Sprichwort sagt, nach Regen kommt Sonnenschein, und er kommt ganz sicher.“

    Für Russland liege viel daran, unterstrich Sergej Tscherjomin,  der Minister für außenwirtschaftliche Beziehungen der Stadt Moskau, dass die deutschen Unternehmer bei allen heutigen Schwierigkeiten Russland nicht verlassen. Dennoch stellte er fest, dass der Wirtschaftsverkehr zwischen Russland und Deutschland seit sechs Monaten um 14 Prozent geschrumpft sei. 60 Prozent der außenwirtschaftlichen Beziehungen seien aufgrund der Sanktionen verlorengegangen.

    «Länder des Ostens nehmen die Nische ein, die von den deutschen Unternehmen geräumt wurde. Die Europäische Union hat einen Kurs auf die Diversifizierung ihrer außenwirtschaftlichen Beziehungen angekündigt, da sie von Energielieferungen und dem russischen Metall nicht abhängen will. So muss Russland seine außenwirtschaftlichen Beziehungen mit Hilfe von China, Südkorea, Singapur und Japan auch diversifizieren.“

    Trotzdem meinte der Moskauer Beamte, dass man das nicht aufgeben dürfe, woran man jahrzehntelang gebaut habe. „Die Berliner Mauer ist gefallen, auch die Sanktionen werden einmal ein Ende haben, weil sie die negativen Folgen nicht nur für Russland, sondern auch für Europa haben. Der EU haben sie bereits 100 Milliarden Euro und zwei Millionen Arbeitsplätze gekostet“, äußerte Tscherjomin beunruhigt.

    Der russische Markt sei im Moment bei weitem nicht ausgefüllt, so Peter Gebhardt, Direktor für Entwicklung des Forschungs- und Entwicklungsinstituts für Hüttenwerksmaschinenbau Moskau, das eines der Technoparks in Moskau für die Ansiedlung der Unternehmen aus aller Welt aufbaut. „Großunternehmen wie DMG MORI haben sich in Uljanowsk an der Wolga bereits angesiedelt und produzieren schon, aber gerade für mittelständische Unternehmen aus Deutschland ist Moskau als Standort äußerst interessant.“

    Hintergrund sei dabei, erläutert der Wirtschafter, dass Russland stark zentralisiert regiert werde. „Zahlreiche deutsche Unternehmen, haben bei ihrer Lokalisierung nicht verstanden, dass man in Moskau präsent sein muss, wenn man in Russland Erfolg haben will. Sie haben sich direkt neben ihrem Hauptabnehmer angesiedelt, aber letztendlich mussten sie eine Vertretung auch in Moskau eröffnen, weil die Entscheidungen in Moskau gefällt werden.“

    Gebhardt hat auch auf das Problem der fehlenden Kader hingewiesen. „Es gibt zwar sehr viele gut ausgebildete Ingenieure, aber es fehlen die Facharbeiter. Im Maschinenanlagenbau fehlen die Leute, die einfach an eine Drehbank gehen können, um das entsprechende Teil herzustellen.“ Die deutschen Unternehmen starten deswegen zusammen mit der Moskauer Industrie- und Handelskammer das duale Bildungssystem, wie es in Deutschland bekannt ist.

    Ungeachtet den Sanktionen sei es für deutsche Unternehmen äußerst interessant, sich in Russland gerade jetzt anzusiedeln und die Produktion zu lokalisieren, ist sich der erfahrene Wirtschaftsberater sicher. „Der Markt bleibt noch riesengroß. Das Witzige an der Situation ist aber, dass sich deutsche Unternehmen sehr an die Sanktionen halten, hinterm großen Teich sitzen und sehen, wie die Nischen eingenommen werden, die deutsche und europäische Unternehmen verspielen.“

    Gebhard erinnert daran, dass die Bürokratie in Russland sich äußerst verkürzt habe. Die Horrorgeschichten, dass man hier übern Tisch gezogen werde und Jahre brauche, um irgendwas zu erreichen, seien bei weitem nicht mehr da. „Es ist viel leichter geworden. Russland und Moskau unternehmen im Moment alles, um die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, damit sich ausländische Unternehmen hier ansiedeln können.“

    Nikolaj Jolkin

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    Sanktionen, Peter Gebhardt, Sergej Tscherjomin, Günther Horzetzky, Europäische Union, Deutschland, Russland