07:09 20 November 2019
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    US-Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz (2001)

    „Entschlossenheit fehlt“: Top-Ökonom Stiglitz prognostiziert Euro-Zerfall

    © Bloomberg/Screenshot
    Wirtschaft
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    Wirtschaftsnobelpreisträger und Star-Ökonom Joseph Stiglitz rechnet mit einem baldigen Ende der Euro-Zone in ihrer heutigen Form, wie er in einem „Welt“-Interview sagte. Ihm zufolge zeigen die EU-Mitgliedsstaaten zu wenig Reformwillen, Entschlossenheit und Solidarität, um die Währungsunion aus der Krise zu holen.

    Die Währungsunion brauche tiefgreifende Reformen wie die Schaffung einer Bankenunion oder einer gemeinsamen Einlagensicherung, sonst werde sie generell schon bald nicht mehr funktionieren, erläutert der Nobelpreisträger. Jedoch rechne er nicht damit, dass die Politik die Euro-Zone langfristig aus der Krise herausholen kann. Grund dafür sei der Unwillen der EU-Mitgliedsstaaten, notwendige Reformen umzusetzen.

    „Die Entschlossenheit fehlt. Mir macht die Geschwindigkeit Sorgen, mit der die Entscheidungen in Europa ablaufen. Die Politik einigt sich darauf, was getan werden muss, aber dann wird blockiert, getrödelt und sich Zeit gelassen“, sagte Stiglitz gegenüber der Zeitung. Es fehle schlicht die nötige Solidarität „über Grenzen hinweg“ in Europa.

    „Es wird in zehn Jahren noch eine Euro-Zone geben, aber die Frage ist, wie sie aussehen wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie immer noch 19 Mitglieder haben wird. Es ist schwer zu sagen, wer dann noch dazugehören wird“, so der Top-Ökonom. 

    Die einzigen realistischen Optionen seien die Auflösung der Gemeinschaftswährung oder der Bruch in „Nord-Euro“ und „Süd-Euro“. Sonst könne man „die lahmende Wirtschaft“ in Europa nicht mehr in Schwung bringen. Sollte es aber künftig tatsächlich eine kleinere Euro-Zone geben, wäre Italien wohl kein Teil davon, meint Stiglitz. 

    „Wenn ich mich mit Italienern unterhalte, spüre ich, dass die Menschen dort zunehmend enttäuscht sind vom Euro“, betont Stiglitz. „Den Italienern wird gerade klar, dass Italien im Euro nicht funktioniert. Das ist für die Italiener emotional wirklich schwierig, und sie haben sich lange geweigert, diese Einsicht zu akzeptieren.“ Ebenso würden sich Wissenschaftler und führende Politiker des Landes enttäuscht fühlen.

    Italiens Wirtschaft befinde sich in einer tiefen Krise. Die Banken des Landes kämpfen mit gewaltigen Beständen fauler Kredite und die Wirtschaft wächst seit fast zehn Jahren nicht mehr, schreibt die „Welt“. Zudem sei die Arbeitslosigkeit stark gestiegen. In der Vergangenheit hatte Stiglitz Portugal und Griechenland geraten, aus der Euro-Zone auszutreten. Jetzt denkt er, dass Italien bald aus ähnlichen Gründen selbst aussteigen könnte.

    In den USA, wo einst die Krise begann, erhole sich die Wirtschaft derweil wieder, „während die Euro-Zone vor sich hindümpelt“, so Stiglitz. Obwohl beide Wirtschaftsräume ähnlich aufgestellt seien und über ein ähnliches Humankapital, ähnliche Bodenschätze sowie ähnliche Institutionen verfügen, unterschieden sie sich in einem großen Punkt – dem Euro.

    Joseph Stiglitz war früher Chefökonom der Weltbank. Der Amerikaner erhielt 2001 den Nobelpreis für Wirtschaft.

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    Tags:
    Euro, Joseph Stiglitz, Italien, Europäische Union