02:06 24 Juni 2017
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    Deutsche Bank-Crash: Es geht nicht um „ob“, sondern um „wann“ - Experte

    © AP Photo/ Michael Probst
    Wirtschaft
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    Trotz der schwersten Krise, in der die Deutsche Bank steckt, schließt Bundeskanzlerin Angela Merkel weiterhin Staatshilfen für das Geldinstitut aus. Wie der Ökonom und Wirtschaftautor Marc Friedrich im Sputnik-Interview meint, kann sich die Kanzlerin Hilfen für die Deutsche Bank nicht verwehren.

    Herr Friedrich, die Deutsche Bank steht schlecht wie noch nie da. Was für Folgen würde es bei einem Crash der Deutschen Bank geben?

    Wenn die Deutsche Bank crashen würde, hätten wir am nächsten Tag oder innerhalb von wenigen Stunden kein Geld mehr. Geld und globales Finanzsystem würden kollabieren, weil die Deutsche Bank ein ganz großer Player ist. Diesbezüglich glaube ich nicht, dass es zum Äußersten kommt. Davor wird es eher eine Verstaatlichung geben und genau diese Entwicklung, die momentan bei der Deutschen Bank passiert, haben wir ja in unserem aktuellen Buch.

    Marc Friedrich (links) und Matthias Weik (rechts)
    © Foto: Friedrich-Weik / Christian Stehle, Asperg
    Marc Friedrich (links) und Matthias Weik (rechts)

    Wenn ich Sie also richtig verstehe, wird die deutsche Regierung der Deutschen Bank so oder so unter die Arme greifen?

    …müssen, ja klar. Wir können die Deutsche Bank nicht pleite gehen lassen, weil die Implikationen ein Vielfaches von dem sein werden, was Lehman Brothers 2008 war. Lehmann Brothers hatte gerade mal eine Bilanzsumme von 600 Milliarden. Die Deutsche Bank hat ungefähr 1,7 oder 1,6 Billionen. Das heißt, dagegen wird 2008 dann eher wie ein Kindergeburtstag aussehen. Weil die Deutsche Bank wirklich to big to fail ist, wird die wohl verstaatlicht werden müssen.             

    Aber im Moment scheint Bundeskanzlerin Merkel Staatshilfen ziemlich eindeutig auszuschließen, warum das?

    Ganz klar. Das ist nicht mehr zu vertreten. Das kann man dem Bürger oder dem Wähler auch nicht mehr verkaufen. Ich finde Staatshilfen auch schwierig und man sollte es eigentlich versuchen, das zu umgehen. Im Endeffekt wird dann aber auch die Frau Merkel einknicken und die Deutsche Bank verstaatlichen, bevor uns das ganze Geld- und Finanzsystem um die Ohren fliegt. Sie wird dazu gezwungen werden, ganz klar. Diesen Joker hat die Deutsche Bank, aber auch alle anderen systemrelevanten Banken, im Ärmel und den spielen die natürlich auch gerne aus. Eigentlich bin ich natürlich ein großer Freund der freien Marktwirtschaft und in der freien Marktwirtschaft gehören Risiko und Haftung immer zusammen. Man muss also Banken auch Pleite gehen lassen können, ganz klar.   

    Wie wahrscheinlich schätzen Sie denn eine derartige Pleite der Deutschen Bank ein?

    Relativ sicher. Die haben massive Probleme. Wir haben schon seit Jahren gesagt und auch immer wieder geschrieben, dass die Deutsche Bank ein Wackelkandidat ist. Jetzt bewahrheitet es sich. Die haben ein riesigen Derivateportfolio, das ist eine tickende Zeitbombe. Es weiß keiner, was da für Wetten drinnen sind. Die stehen außerhalb der Bilanz und das ist das 17-fache des deutschen BIP. Wenn die nur fünf Prozent davon abschreiben müssen, oder wenn die ausfallen, dann haben wir ein Riesenproblem in Deutschland. Das ist für mich ein Szenario, was definitiv eintreten wird. Die Frage ist nicht ob, sondern wann.

    Spekulationen gibt es auch über eine geplante Mehrheitsbeteiligung durch die Türkei, was ist an dieser Geschichte dran?

    Das ist eher Ablenkung. Das sind irgendwelche Finten. Ich glaube das nicht. Welcher Staat, welches Unternehmen, welche Bank möchte denn einen Wackelkandidaten wie die Deutsche Bank — mit 8000 Prozessen und 180 weiteren Aufsichtsbeschwerden — übernehmen? Kein normales oder gesundes Unternehmen würde sich das jemals ans Bein binden. Wer das macht, wäre ganzschön doof.

    Erst VW, Europa straft Apple ab, dann belangen die USA die Deutsche Bank. Inwieweit kann man da von einem Wirtschaftskrieg sprechen?

    Ganz klar kann man da von einem Wirtschaftskrieg sprechen. Geld regiert die Welt. Es geht immer nur um Geld. Alles, was passiert, geht immer um irgendwelche Vorteile. Irgendwelche Länder möchten irgendeinen Nutzen davon ziehen. Das ist bei Irland so mit den Apple-Milliarden, das ist bei Gazprom so mit Russland und das ist bei den USA so mit irgendwelchen anderen Geschichten: VW, oder Bosch, oder jetzt halt die Deutsche Bank. Es geht immer nur um Vormachtstellung im Bereich Wirtschaft. Natürlich haben wir einen Wirtschaftskrieg. Natürlich würden sich die amerikanischen Banken freuen, wenn die Deutsche Bank kollabiert oder zerschlagen würde und sie günstig dann Markenanteile abjagen könnte oder die Firma sogar übernehmen könnte.

    Was für Folgen könnte so ein Krieg noch nach sich ziehen?

    Das Logo der Deutschen Bank
    © AFP 2017/ Frank Rumpenhorst/DPA

    Ja, natürlich kann das eskalieren. Die Folgen kann jetzt keiner sehen, aber es wird nicht weniger werden. Es wird eher mehr werden. Wir sehen ja schon, dass die Deutsche Bank angeschossen ist, dass sie schon taumelt. Jetzt muss man halt abwarten, wie sich das weiter entwickelt. Wie gesagt, unser Szenario haben wir im Buch ganz klar niedergeschrieben und es erfüllt sich gerade. Ich denke deswegen, eine Pleite kann sich Deutschland nicht leisten, deshalb werden die verstaatlicht werden. Die Frage ist dann vielmehr, ob die Marktteilnehmer an den Finanzmärkten dem deutschen Staat, der ja schon zwei Billionen Schulden hat, es zutrauen, ein riesiges Unternehmen mit 1,6 Billionen Bilanzsumme und einem Derivateportfolio von über 40 Billionen Euro stemmen zu können. Da geht es um Vertrauen, und wenn das Vertrauen nicht gegeben ist, dann werden wir einen Dominoeffekt erleben, der sich gewaschen hat. Ich kann es nur noch mal wiederholen: Dagegen wird 2008 wie ein Sonntagsspaziergang aussehen.

    Ihr letztes Buch heißt  „Der Crash ist die Lösung“ — inwieweit wäre denn dieses Statement auf die Situation der Deutschen Bank anwendbar?

    Mit Der Crash ist die Lösung haben wir ganz klar gesagt, dass die Politik 2008 nichts gelernt hat. Es wurden keine Probleme gelöst, sondern die Probleme wurden lediglich mit viel billigem Geld in die Zukunft verschoben. Parallel wurden die Bürger durch eine Nullzinsphase enteignet. Wir prognostizieren, dass ja auch bald Negativzinsen kommen werden. Aus diesem Grund befürchten wir, dass es erst einen richtigen Schlag tun muss, damit die Politik gezwungen wird, die notwendigen Maßnahmen zu unternehmen, um unser Geldsystem zu reformieren und die Banken an die Kandare zu nehmen. Wir haben eins gelernt, wir müssen die Banken und die Finanzunternehmen regulieren. Wir können alles deregulieren, aber die Finanzwelt nicht, weil diese neigt nun mal zu Spekulation, zu Gier und zu Exzessen.

    Wenn das schief läuft, müssen wir — die Allgemeinheit — das mit Steuergeldern retten und da müssen wir Einhalt gebieten. Ansonsten ist die nächste Megakrise, der finale Kollaps definitiv vorprogrammiert. Das ist nur eine Frage der Zeit und momentan steuern wir mit Vollgas darauf zu. Das macht mir als überzeugter Kapitalist, aber auch als überzeugter Demokrat und Europäer große Sorgen. Nicht nur unser Wohlstand steht auf dem Spiel, sondern auch unsere Demokratien und unser Frieden.

    Die Wirtschaftsautoren Marc Friedrich und Matthias Weik prognostizierten in ihrem aktuellen Buch "Kapitalfehler – Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen" genau ein solches Szenario, mit dem sich jetzt die Deutsche Bank konfrontiert sieht.  

    Interview: Bolle Selke

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    Tags:
    Deutsche Bank, Angela Merkel, Marc Friedrich, Deutschland