Widgets Magazine
17:02 22 September 2019
SNA Radio
    Winter in Kiew

    Kiew ließ Gasnetz verkommen: Turkish Stream rettet Europa vor Winterkälte – Experte

    © Flickr/ Sergey Galyonkin
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Turkish Stream (88)
    232158
    Abonnieren

    Die neue Türkei-Pipeline ist für Russland eine Chance, das sogenannte dritte Energiepaket der EU zu umgehen, welches das South-Stream-Projekt auf Druck der USA unmöglich gemacht hatte. Europa rettet es womöglich vor harten Wintern, wie Rustam Tankajew vom russischen Verband der Öl- und Gasproduzenten im Sputnik-Interview erläutert.

    „Über diesen Verlust (des South Stream – Anm. d. Red.) jammern heute die Bulgaren“, so der Experte. So viele Arbeitsplätze, Transitgelder und Gelegenheiten für den Ausbau eigener Infrastruktur hätten sie dabei verloren. Der neue Turkish Stream werde darum vor allem in Südosteuropa sehnlich erwartet.

    Gut, dass Türkei nicht in der EU ist

    Die Türkei wiederum sei kein EU-Land und werde es schwerlich je werden, so Tankajew, „aber auf ihrem Boden befindet sich eine Erdgasbörse, ein Hub für Gashandel. Deswegen ist das Gas, welches dort verkauft wird, kein russisches mehr, sondern italienisches, griechisches, ungarisches usw. So wird keiner mehr Gazprom eine Monopolstellung vorwerfen und Gaslieferungen nach Europa verhindern können“.

    Und auch die Türkei selbst befreie die neue Pipeline von der Abhängigkeit vom Gastransit über die Ukraine, behauptet Tankajew. Das ukrainische Gastransportnetz würde dann schlichtweg überflüssig.

    EU will Schulden eintreiben

    Die Einwände der EU gegen Pipeline-Projekte, die ukrainisches Territorium als Transitland umgehen sollen, sind Tankajew zufolge auch nicht auf die Bekämpfung einer marktbeherrschenden Stellung zurückzuführen. Vielmehr sei die „Hauptsache, dass die EU-Mitgliedsstaaten der Ukraine Unsummen geliehen haben. Diese Schuld muss beglichen und die Zinsen müssen entrichtet werden. Geld hat die Ukraine nicht, auch keine Einnahmen außer dem Gastransit über ihr Territorium.“

    Nach der Inbetriebnahme der Pipeline Turkish Stream könne die Ukraine bis zu 700 Millionen Dollar Gewinn jährlich einbüßen, außerdem die Einnahmen aus für den Gastransit. Diese Summen seien zwar nicht groß, Tankajew beziffert sie in einer Höhe von etwa zwei Milliarden Dollar jährlich. Aber dieses Geld würde es dem komplizierten Finanzgefüge, das inzwischen in der Ukraine entstanden ist, irgendwie das Überleben sichern und eine Insolvenz vermeiden, „die allerdings faktisch schon eingetreten ist“.

    Vernachlässigte Leitungen bergen Gefahren

    Aber: „Die EU-Behörden berücksichtigen den technischen Zustand des ukrainischen Pipelinenetzes nicht“, erläutert der Experte. Die europäischen Erdgasgesellschaften seien sich dessen derweil „vollkommen bewusst und bereit, sich an allen Projekten zur Umgehung des ukrainischen Territoriums zu  beteiligen“. Kiew habe das Netzt seit langem vernachlässigt, so der Experte: „Um es funktionsfähig zu erhalten, müsste die Ukraine jährlich 200 Millionen Dollar investieren. Sie gibt aber nur 20 Millionen aus, also nur 10 Prozent vom Sollwert. Das ukrainische Gastransportnetz wird gegenwärtig nur zu 25% seiner ursprünglichen Kapazität zu Sowjetzeiten ausgelastet. Diese Zahl wird nach und nach sinken, seine Lebensdauer wird schon 2020 ablaufen.“ Tankajew formuliert es noch drastischer: Der Gastransit über ukrainisches Territorium werde bald gestoppt werden müssen – nicht, weil der Vertrag mit nicht verlängert würde, sondern weil das Gastransportnetz dann völlig „im Eimer“ sei. „Europa steht dann vor dem fürchterlichen Gespenst eines kalten Winters 2020/21. Der Gaspreis schnellt hoch, soziale Unruhen setzen ein. Und dafür wird bestimmt Russland verantwortlich gemacht“, vermutet Tankajew.

    Signalwirkung des Turkish Stream

    Der Fall „Turkisch Stream“ illustriert klar die Diskrepanz zwischen der Geschäftswelt und den stark an den USA orientierten politischen Eliten Europas. Letztere, wagt Tankajew eine Prognose, würden in nächster Zeit alles versuchen, um auch den Turkish Stream zu kippen. Das allerdings sei schon rein technisch nicht machbar.

    Natürlich bedeute, so Tankajew abschließend, der Turkish Stream keine völlige Umorientierung Russlands nach Osten. Dennoch gehe von diesem Projekt das eindeutige Signal aus, dass Russland gefragt ist und Partner hat.

    Übrigens: „Die Wetterdienste sagen sehr kalte Winter vorraus“, schließt der Experte.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Turkish Stream (88)

    Zum Thema:

    Turkish Stream: Ankara und Moskau machen Pipeline-Deal perfekt
    Turkish Stream: Bauarbeiten starten 2018 – Gazpromchef
    Moskau und Ankara unterzeichnen Regierungsabkommen über Gasprojekt Turkish Stream
    Putin-Besuch und Turkish Stream: Gaspipeline der Freundschaft
    Tags:
    Winter, Gas, Türkischer Strom, EU, Türkei, USA, Russland