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    Hans-Olaf Henkel: Wir sind mit dem Euro in die Sackgasse gefahren!

    © AFP 2019 / DPA / Patrick Pleul
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    Der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, der mittlerweile für die Partei ALFA im EU-Parlament sitzt, stimmt der Meinung des Ökonomen Hans-Werner Sinn zu, Italien werde aus der Eurozone austreten. Der Euro sei für viele Länder das größere Übel im Vergleich zu einer Rückkehr zur Ursprungswährung, meint er im Sputnik-Interview.

    Herr Henkel, nach Ansicht des namhaften Ökonomen Hans-Werner Sinn wird ein Austritt Italiens aus der Euro-Zone immer wahrscheinlicher. Sehen Sie das auch so?

    Rom
    © AFP 2019 / Filippo Monteforte

    Ja und nein. Ich unterstütze und teile seine Einschätzung, was Italien betrifft: Der derzeitige Ministerpräsident macht immer mehr Schulden für immer mehr Wahlgeschenke. Er hält sich überhaupt nicht mehr an die Vorgaben der Europäischen Kommission, was die Staatsverschuldung betrifft. Insofern ist Italien ein ausgesprochener Wackelkandidat.

    Wo ich Herrn Sinn etwas wiedersprechen möchte, ist in seiner Einschätzung, dass das auch passiert. Wir haben es ja in der Vergangenheit mit ganz anderen Situationen zu tun gehabt, wenn wir an die vielen gebrochenen Versprechungen verschiedener Griechischer Regierungen, Reformen einzuführen, denken. Trotzdem ist Griechenland immer drin geblieben. Deshalb vermute ich mal, dass die deutsche Bundesregierung und Herr Schäuble vorneweg unter allen möglichen Hinweisen auf den Zusammenhalt in Europa oder die historische Schuld Deutschlands weiterhin dafür sorgt, dass zu Lasten zukünftiger deutscher Steuerzahler tatsächlich Italien auch weiterhin in der Einheitswährung bleibt.

    Wie wäre denn die Lösung für Italien? Eine Rückkehr zur Lira? Oder was könnte man tun, um dem Land zu helfen?

    Wenn ich italienischer Ministerpräsident wäre, dann würde ich das genau tun. Ich habe auch damals vorgeschlagen, dass die Griechen das tun und ich finde wir sollten diesen Ländern auch die Möglichkeit geben, diesen Austritt einigermaßen leicht zu vollziehen.

    Das heißt, all die Länder, die die Bürgschaften gegeben haben, müssten auf einen Teil der angehäuften Verbindlichkeiten bei der Europäischen Zentralbank verzichten, um den Austritt zu ermöglichen.

    Aber eins ist klar: Wenn Italien geht, dann müssen auch Frankreich gehen und Spanien, und Portugal — auch diese Länder halten sich nicht mehr an die Reformzusagen. Letztlich bleibt dann ein Kerneuroverbund übrig, der mehr oder weniger dem europäischen  Währungssystem entspricht, das wir schon vor der Einführung des Euro hatten. Ich habe es immer „Nordeuro“ genannt, das wären Österreich, Deutschland, Holland und ähnliche Länder, mit einer ähnlichen und gleichen Wirtschafts- und Fiskalkultur.

    Warum versucht man Italien zu halten? Weil sonst die anderen Länder folgen würden?

    Sitz der Bank im Palazzo Salimbeni in Siena
    © AFP 2019 / Ciuseppe Cacace

    Ich bin immer schon der Meinung gewesen, dass der Euro falsch war, zumindest seit Mai 2010, seit dem ersten Rettungspaket und dem Bruch des Maastricht-Abkommens, bin ich der Meinung, dass der Euro in die falsche Richtung läuft. Man hat all die Versprechungen, die man uns damals bei der Aufgabe der D-Mark gegeben hat, gebrochen. Jetzt ist es besser, diese Länder wieder zu ihren eigenen Währungen zurückkehren zu lassen, weil sie dann abwerten können. Die italienische Lira könnte abwerten, genauso wie die griechische Drachme.

    Das heißt, diese Länder wären dann sehr schnell wieder wettbewerbsfähig. Die dramatische, Arbeitslosigkeit insbesondere der Jugend im Süden Europas, könnte bekämpft werden. Das kann man nur machen, indem man sicherstellt dass die Währungen der Kultur der Länder entsprechen. Aber unsere Europolitiker machen derzeit ja genau das Gegenteil, sie wollen die unterschiedlichen Kulturen den Bedürfnissen einer Währung anpassen und das kann nicht funktionieren, da hat Herr Professor Sinn natürlich völlig Recht.

    Wenn wir nach Osteuropa schauen — wie schlagen sich die Länder dort, wie sehen Sie die Perspektive dieser Länder?

    Wenn man sich die wirtschaftliche Entwicklung der Länder in der EU ansieht, die nicht im Euroverbund sind, und mit der Eurozone vergleicht, dann stellt man fest, dass diese Länder viel besser abschneiden. Und es ist ja kein Zufall, dass von den neuen Ländern die in der EU sind, den Euro aber nicht haben, nur noch die rumänische Bevölkerung den Euro will. Die anderen wollen ihn nicht, auch nicht die Polen oder die Schweden oder Dänemark. Ich glaube, es ist ein großer Vorteil für die osteuropäischen Länder, nicht im Euroverbund zu sein, das Schicksal ihrer Währung in den eigenen Händen zu haben, ihre Wettbewerbsfähigkeit selbst kontrollieren zu können und vor allen Dingen sich nicht an den wahnwitzigen Rettungspaketen von viel reicheren Ländern beteiligen zu müssen.

    Aber was ist dann der Grund dafür, dass man den Euro als Währung unbedingt aufrechterhalten möchte?

    Da gibt es zum einen den politischen Grund — man ist der Meinung, der Euro würde den Frieden in Europa sichern müssen. Aber wir hatten auch vor dem Euro Frieden in Europa und ich meine, dass der Hauptgrund für den Frieden in Europa die Demokratien sind, denn es hat noch nie in Europa eine Demokratie eine andere angegriffen. Also wir brauchen nicht den Euro für den Frieden. Im Gegenteil, wir stellen fest, dass er zunehmend zu Zwist und Zwietracht führt.

    Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Im Jahre 2010 waren die Deutschen die beliebteste Nation in Griechenland und wenn Frau Merkel heute nach Athen fährt, dann muss sie immer von tausenden Polizisten beschützt werden.

    Ein weiterer Grund, ist — und da ist auch was dran. Die Rückabwicklung wäre sehr kompliziert und könnte auch mit gewissen Schwierigkeiten für Deutschland verbunden sein, denn wir würden dann aufwerten. Das ist richtig, aber ich sage immer, wir sind in eine Sackgasse gefahren und wenn man in einer Sackgasse ist, dann muss man eben umkehren und je später man umkehrt, desto länger wird es dauern.

    Ich bin der Meinung, dass wir jetzt umkehren sollten, denn je später wir umkehren, desto schwieriger wird es. Aber umkehren werden wir.

    Und der dritte Grund ist, dass Politiker keinen Fehler zugeben können. Das haben wir ja bei Frau Merkel in der Flüchtlingskrise gemerkt. Sie geben keinen Fehler zu und überlassen es dann ihren Nachfolgern, mit der Katastrophe fertig zu werden. Ich selbst war mal für den Euro, ich sehe, dass das falsch war, ich konnte mir nie vorstellen, dass die Politiker sich so brutal über die Versprechungen hinwegsetzten, die sie uns damals bei der Einführung des Euro gegeben haben. Aber ich sehe meinen Fehler und habe aus ihm gelernt.

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    Tags:
    EU, Hans-Olaf Henkel, Griechenland, Deutschland, Italien