09:57 05 April 2020
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    Polen wird im Falle der Errichtung eines Kanals durch die Frische Nehrung seine Abhängigkeit von Russland endgültig überwinden, erklärte der Vorsitzende der polnischen Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“, Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski. Ist dieses Projekt aber wirklich sinnvoll oder verfolgt es nur propagandistische Ziele?

    Das Frische Haff ist von der Ostsee durch eine Nehrung getrennt. Sein nördlicher Teil gehört Russland und der Rest Polen. Der Grenzverkehr wird durch einen speziellen Vertrag zwischen Moskau und Warschau geregelt. Das gibt Kaczynski und seinen Parteikollegen den Anlass, von einer „Abhängigkeit von Russland“ zu sprechen.

    Der Bau des neuen 1,3 Kilometer langen und fünf Meter tiefen Kanals könnte schätzungsweise 220 Millionen US-Dollar kosten.

    Experten zufolge ist diese Aufgabe rein technisch ziemlich leicht, denn die Frische Nehrung ist höchstens sieben bzw. acht Kilometer breit. Doch diese Frage wurde immer wieder bei diversen politischen oder kommerziellen Streitigkeiten aufgeworfen – besonders vor der Verabschiedung eines Abkommens, das einen erleichterten Ostsee-Zugang für polnische und russische Schiffe vorsieht.

    Obwohl die Autoren des Entwurfs betonen, der direkte Zugang zur Ostsee würde Güterlieferungen unter Umgehung des russischen Gebiets Kaliningrad ermöglichen, behaupten russische und polnische Unternehmer vor Ort (Gebiet Kaliningrad, die Woiwodschaften Ermland-Masuren und Pommern), der wirtschaftliche Zweck dieses Projekts sei äußerst fraglich.

    Die Entscheidung zum Kanalbau sei „zu 95 Prozent durch die Politik bedingt“, sagte der Abgeordnete der russischen Staatsduma (Parlamentsunterhaus), ehemaliger Aufsichtsratschef des Kaliningrader Seehafens, Andrej Kolesnik, gegenüber Sputnik Polen. „Einen Kanal durch die Frische Nehrung zu bauen, ist eine wahnsinnige Idee. Zu 90 oder sogar zu 100 Prozent ist das eine politische Entscheidung. Da gibt es gar keine Wirtschaft. Erstens wird der Kanalbau äußerst kostspielig sein. Zweitens ist auch sein Betrieb ein teurer Spaß. Für all das werden die Schiffseigentümer in dieser oder jener Form draufzahlen müssen. Natürlich werden die Güterlieferungen nach Elblag wegen der zusätzlichen Tarife noch weniger attraktiv als nach Gdansk oder Gdynia.“ Zudem wäre dieses Projekt äußerst umweltschädlich, und zwar nicht nur für das Frische Haff, sondern auch für die Danziger Bucht, denn dabei gehe es um ein einheitliches Ökosystem, warnte der Parlamentarier. „Solche Entscheidungen, bei denen weder der Wirtschafts- noch der Umweltaspekt berücksichtigt werden und die nur durch die Politik bedingt sind, haben keine Zukunft.“

    Übrigens hatten die Autoren dieses Projekts mit Finanzhilfen seitens der EU-Führung gerechnet. Allerdings wurden ihnen diese nach heftigen Protesten von Umweltschutzaktivisten verweigert. Bei der Umweltschutzstiftung WWF sagte man, der Kanalbau würde „negative Folgen“ für die Umsetzung der wichtigsten Umweltdirektiven der Europäischen Union haben.

    „Umweltexperten aus verschiedenen Ländern verwiesen öfter darauf, dass die Umsetzung eines solchen Projekts schlimme Folgen für die Umwelt hätte“, sagte der Leiter der Kaliningrader regionalen Abteilung der Umweltinitiative „Grüne Front“, Oleg Iwanow, gegenüber Sputnik Polen. „Man hätte die Meinung der Umweltexperten, darunter der polnischen, berücksichtigen müssen, die sehr beunruhigt über den Kanalbau sind und gegen dieses Projekt sind. Die Natur kann man nicht betrügen. Es ist kein Zufall, dass sich die EU weigerte, daran teilzunehmen. Man kann ja lange vermuten, was mit der Nehrung passieren könnte, ob die Ostsee die Ufern überschwemmen würde usw., aber eins ist sicher: Wenn es noch eine Straße zur Ostsee gibt, wird das Wasser im Frischen Haff ein anderes Salzgehalt haben“, so der Experte. „Das würde aber seine Umweltbalance verändern, und der Fisch könnte in die Ostsee migrieren. Am Ende hätte das schlimme Folgen für den regionalen Fischfang.“

    Darüber hinaus ist die Frische Nehrung der Ort, wo Zugvogel einen Halt machen und wo es etwa 20 Pflanzenarten gibt, die auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen.

    Das bedeutet, dass Polen auf Initiative der Regierungspartei einen wirtschaftlich unrentablen und umweltgefährlichen Kanal bauen will, nur um Russland dadurch zu verärgern.

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    Tags:
    Jaroslaw Kaczynski, Kaliningrad, Russland, Polen