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    Röhren für die Gaspipeline Turkish Stream

    Energieexperte: Gaspipeline Turkish Stream ist vor allem für Russland ein Gewinn

    © Foto: TurkStream
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    Die Türkei und Russland haben Verträge über den Bau der Gaspipeline Turkish Stream durch das Schwarze Meer unterzeichnet. Gleichzeitig bahnt sich der Bau der Leitung Nord Stream 2 durch die Ostsee an. Was bedeutet dies für die europäische Gasversorgung? Sputnik im Gespräch mit dem Energie-Experten Roland Götz.

    Herr Götz, die Türkei ist — nach der EU — der wichtigste Abnehmer russischen Gases. Wie ist das Potential des türkischen Marktes für Russland?

    Das Potential des türkischen Marktes für Russland ist relativ groß. Die Türkei ist ein aufstrebender Staat mit guten Wachstumsaussichten. Die Blue-Stream-Pipeline durch das Schwarze Meer, von der russischen Südküste in die Türkei, deckt bereits fast die Hälfte des türkischen Erdgasbedarfs ab.

    Nun wurde der Vertrag über die Gas-Pipeline Turkish Stream zwischen Russland und der Türkei  unterzeichnet. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten?

    Vor allem für die russische Seite ist es ein Gewinn. Turkish Stream löst ja quasi South Stream ab, die Pipeline, die ursprünglich durch das Schwarze Meer nach Bulgarien gelegt werden sollte. Für die Versorgung der Türkei ist Turkish Stream nicht so wichtig, da es ja bereits eine Pipeline von Russland über die Ukraine und Bulgarien in die Westtürkei gibt.

    Wird über Turkish Stream auch Gas in die EU gelangen?

    Zukünftig vielleicht. Es gibt die Absicht, Turkish Stream über die Anfangskapazität von bis zu 15 Milliarden Kubikmeter im Jahr hinaus zu erweitern, also weitere parallele Pipelines zu verlegen. Das dürfte aber erst in einigen Jahren der Fall sein. Das würde dann Erdgas über Griechenland, Albanien und Italien oder eventuell auch über Bulgarien weiter nach Westeuropa bringen.

    Das South-Stream-Projekt wurde von der EU verhindert. Könnte es auch Turkish Stream behindern?

    Turkish Stream endet auf türkischem Hoheitsgebiet, so dass die EU hier keine direkte Mitsprache hat. Allerdings wenn es um die Weiterleitung des Gases beispielsweise über Griechenland geht, kämen EU-Regeln zur Anwendung. Bislang scheint es aber noch keine Einwände von Seiten der EU zu geben. Die EU könnte allerdings auch hier, wie schon bei Nord Stream, darauf bestehen, dass die Pipelines jemand anderem gehören, als die Gasfelder, also dass hier der Besitz getrennt ist. Und zweitens kann die EU fordern, dass auch andere Mitlieferanten von Erdgas diese Pipelines nutzen dürfen.

    Derweil bahnt sich der Bau von Nord Stream 2, der Pipeline durch die Ostsee, an. Einige Politiker wollen auch dies gern politisch verhindern. Rechnen Sie hier noch mit Zwist oder bürokratischen Fallstricken?

    Das ist zunächst einmal eine recht schwierige juristische Frage, ob auf Nord Stream überhaupt EU-Regeln angewendet werden können. Die Befürworter beziehen sich darauf, dass Nord Stream bei Greifswald aufs EU-Festland trifft. Die Gegner berufen sich darauf, dass es sich um eine Meerespipeline handelt und deshalb EU-Recht nicht anwendbar ist. Dieser Streit ist noch nicht abschließend geklärt.

    Es gibt auch ein gewisses politisches Ringen um Nord Stream. Deutschland, vor allem das Wirtschaftsministerium, setzt sich stark dafür ein. Das Bundeskanzleramt hat sich bisher auch positiv geäußert. In der politischen Öffentlichkeit gibt es aber eine heftige Diskussion über Nord Stream, wobei hier weniger sachliche, als politische Argumente eine Rolle spielen, die sich vor allem auf die Auswirkungen von Nord Stream auf die Ukraine beziehen. Der EU wäre es am liebsten, wenn nach wie vor ein großer Teil des russischen Erdgases über die Ukraine in die EU geleitet wird. Das ist das politische Problem an Nord Stream. Ökonomisch gesehen wäre es für die EU gleich, da sind sich alle Experten einig.

    2019 enden die laufenden Transitverträge mit der Ukraine. Wenn Turkish Stream und Nord Stream 2 fertig sind, wäre die Ukraine dann raus als Transitland?

    Rein technisch gesehen, weitestgehend ja. Die beiden zusätzlichen Pipeline-Stränge durch die Nordsee, wenn sie denn bis 2019 fertig sind, und Turkish Stream in seiner ersten Ausbaustufe würden den gegenwärtigen Transit durch die Ukraine von etwa 50 Milliarden Kubikmetern aufnehmen können. Allerdings würde es bis zur vollen Auslastung der Kapazität wohl noch ein paar Jahre dauern. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass der Transit durch die Ukraine auch nach 2019 aufgrund einer Vereinbarung zwischen Gazprom und der ukrainischen Seite in einem gewissen Ausmaß aufrechterhalten wird. Bislang gibt es dazu aber noch keine Verhandlungen zwischen ukrainischer und russischer Seite.

    Interview: Armin Siebert

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    Gas, Türkischer Strom, EU, Russland, Türkei