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    Arm trotz Job! – LINKE: „Ein Armutszeugnis für Deutschland“

    © AP Photo / Martin Meissner
    Wirtschaft
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    Zu wenig Geld trotz Job - das zeigen Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Demnach war 2015 fast jeder zehnte Beschäftigte von Armut bedroht. Die LINKE macht dafür klar die Bundesregierung verantwortlich. "Ein Armutszeugnis für ein so reiches Land", sagt die Arbeitsmarktpolitische Sprecherin der LINKE-Fraktion, Sabine Zimmermann.

    Frau Zimmermann, die LINKE hat die jüngsten Zahlen ausgewertet und diese bescheinigen Deutschland ein sehr düsteres Bild: Arm trotz Arbeit, ist das nicht eigentlich paradox?

    Das ist richtig. Viele Menschen hierzulande arbeiten Vollzeit und müssen trotzdem soziale Leistungen beziehen und aufstocken. Ich finde es einfach ungerecht, dass Menschen von ihrer Hände Arbeit nicht leben und ihre Familien nicht ernähren können.

    Nun hat sich die Zahl der von Armut bedrohten Arbeitnehmer in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt — von 5,5 Prozent auf knapp zehn Prozent. Ist da eine verfehlte Politik der Hintergrund, oder gibt es weitere Gründe für diese Entwicklung?

    Wir haben mit der Agenda 2010 einen enormen Wandel am Arbeitsmarkt erlebt: weg vom gut bezahlten Vollzeitarbeitsverhältnis, hin zu prekärer Beschäftigung. Vor allen Dingen Teilzeit und Befristungen sind auf der Tagesordnung. Wir wissen auch, dass den Leiharbeitnehmern nur 50 Prozent des vollen Lohns gezahlt werden, den die Stammbelegschaft bekommt.

    Hier hat sich ein riesiger Niedriglohnmarkt entwickelt. Der zwingt die Menschen dazu, nicht nur einen Job zu haben, sondern zwei oder drei — und von denen sie dann auch nicht leben können. Das ist ein Armutszeugnis für ein so reiches Land.

    Deutschland und speziell die Bundesregierung sind sehr stolz auf den weiter fortschreitendes Wirtschaftswachstum. Findet dieser Aufschwung dann sozusagen auf dem Rücken der Arbeitnehmer statt?

    Ganz genau so ist es. Denn schauen wir uns mal an, wie das Arbeitsvolumen aussieht, also wie viele Stunden wirklich in den Jahren gearbeitet worden sind: Wir haben fast das gleiche Arbeitsvolumen, wie im Jahr 1994. Das heißt also, dass die Arbeit hierzulande nur auf mehrere Schultern verteilt worden ist. Und wenn ich zum Beispiel mit einem Leiharbeiter aus meinem Wahlkreis spreche, der sagt mir dann, dass er davon gleich drei Jobs hat.

    Es ist also nicht mehr ein Vollzeitlohnverhältnis, bei dem man seinen Lohn verdient, danach nach Hause geht und sich um die Familie kümmern kann. Jetzt haben viele Menschen zwei oder drei Jobs und Arbeit fast rund um die Uhr ist dann Standard. Und vor allen Dingen ist es Arbeit zu jedem Preis, denn viele Menschen verdienen pro Stunde so wenig, dass es reiner Hohn ist, dann überhaupt noch arbeiten zu gehen.

    Können Sie dann Menschen verstehen, die sagen: "Ich bleibe lieber zu Hause, lasse mich vom Staat unterstützen, Arbeit lohnt sich ja gar nicht mehr"?

    Wir müssen einfach dafür sorgen, dass die Löhne hierzulande höher werden. Es ist Realität, dass die Menschen seit vielen Jahren immer weniger Geld in den Taschen haben. Das führt im Endeffekt dann auch dazu, dass sie den Rechtspopulisten Glauben schenken. Aber das ist nicht die Antwort auf die Frage der Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen. Wir brauchen einfach wieder mehr gut bezahlte Arbeitsplätze in Vollzeit und der Mindestlohn muss sich erhöhen.

    Mit 8,50 Euro, oder bald 8,84 Euro pro Stunde, kann man nicht leben. Damit kommt man nicht aus der Bedürftigkeit heraus. Dieser Lohn ist so niedrig, dass sie später in die Altersarmut fallen. Wir brauchen eine Erhöhung des Mindestlohns auf mindestens 20 Euro, denn 11,68 Euro — so sagt es das Bundesministerium selbst — muss man pro Stunde mindestens verdienen, um später nicht in die Altersarmut zu kommen. Diese Ungerechtigkeit muss endlich abgeschafft werden.

    Auch viele junge Menschen werden bei dem Arbeitseintritt in Leiharbeit und Befristung gedrängt. Wie sollen die denn bei solch einer unsicheren Zukunft eine Familie gründen? Wir brauchen also eine Veränderung auf dem Arbeitsmarkt.

    Welche Anreize könnten denn für Arbeitgeber geschaffen werden, um beispielsweise einen höheren Mindestlohn zu unterstützen? Denn eine Abwanderung ins billigere Ausland könnte durchaus lukrativer sein…

    Wir haben die Fachkräfte hier in Deutschland und diese Fachkräfte müssen auch entsprechend bezahlt werden. Da kommt auch kein Arbeitgeber drum herum, dass er seine Leute anständig bezahlt. In vielen Unternehmen klappt das mit der ordentlichen Bezahlung. Aber es gibt eben auch viele schwarze Schafe, die sich diesen Niedriglohnsektor zu Eigen gemacht haben und die Arbeitnehmer auspressen, wie eine Zitrone. Es ist doch eine Form von Anstand, dass meine seine Leute anständig bezahlt! Denn diese Menschen erarbeiten ja auch die Werte des Unternehmens. Es ist wichtig, dass man für gute Arbeit auch gutes Geld bekommt.

    Interview: Marcel Joppa

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    Tags:
    Armut, Die LINKE-Partei, Deutschland