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15:55 14 Oktober 2019
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    Thilo Sarrazin

    Thilo Sarrazin rechnet ab – mit Euro, EU und Merkel

    © AP Photo / Katja Lenz/dapd
    Wirtschaft
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    Der ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin spricht im Interview mit „Focus-Money“ über den Anfang vom Ende der Euro-Zone, die Verantwortung(-slosigkeit) der Politiker und die drohenden Folgen für Deutschland.

    Der Euro habe den meisten Staaten nur geschadet: Frankreich, Griechenland, Spanien und Portugal sind Beispiele dafür. Das jüngste Referendum in Italien bestätigte zudem eine klare Anti-Euro-Stimmung. „Es könnte jederzeit ein Scherbengericht für den Euro geben. Allerdings müssten sich mehrere Euro-Gegner durchsetzen. Beppe Grillo in Italien und Marine Le Pen in Frankreich. Sollten beide gleichzeitig den Euro verlassen wollen, dann knallt es natürlich“, prognostiziert der Volkswirt. „Der Austritt von Italien wäre durchaus ein Himmelfahrtskommando.“

    „Ich vergleiche den Euro mit einer wackligen Brücke“, so Sarrazin. „Wenn sie die statische Belastbarkeit überschritten hat, kann sie übermorgen zusammenbrechen. Aber sie kann auch noch fünf Jahre starken Verkehr aushalten.“

    Dabei warnt er auch vor konkreten Konsequenzen: Deutschland würde gewiss Hunderte Milliarden Euro verlieren. Ein völliger Zusammenbruch drohe der Bundesrepublik allerdings nicht: „Wir sind ja Gläubiger. Und die werden nie in den Abgrund gerissen, sie werden nur ärmer“, meint Sarrazin.

    Die langfristigen Folgen hält der Politik- und Wirtschaftsexperte „für weniger schrecklich als das aktuelle System“, durch das man die Währung nicht mehr abwerten könne, was früher durch die Wechselkurse möglich war. „Dieses Fixkurs-System ist eine Katastrophe“, konstatiert der Volkswirt. 

    „Der Euro hat uns einen viel zu tiefen Wechselkurs beschert. Dadurch befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer Scheinblüte“, so Sarrazin. Ohne Transferunion gebe es keine Möglichkeit, den Euro zu retten.

    Neuer Wind aus Amerika?

    Nach Donald Trumps Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl wehe nun „ein neuer Geist durch Europa“: Die EU mische sich überall ein, weswegen sich auch Frust über die Eliten und Medien breitmache. Die Unzufriedenheit werde durch die Einwanderungspolitik noch zusätzlich verstärkt: „Wenn wir unser kulturelles und soziales Modell bewahren wollen, dann dürfen wir Masseneinwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten nicht zulassen. Jeder Flüchtling, der es über die Grenze nach Europa schafft, motiviert zehn andere, es ihm gleichzutun“, so der ehemalige SPD-Politiker.

    Laut Sarrazin sind die EU-Spitzenpolitiker allerdings gar nicht in der Lage, ihre Politik zu überdenken. Beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie EU-Parlamentspräsident Martin Schulz seien schlicht „gefangen zwischen Illusion und Hoffnungen“ und wüssten nicht, was sie tun.

    „Wenn sich etwas ändert, ist das grundsätzlich positiv. Aber es ist die Frage, ob es langfristig etwas bringt. Eines steht fest: So wie jetzt kann es in Europa nicht weitergehen. Wir sind in einer Sackgasse. Entweder stutzen wir die Länder zu Bundesländern zurecht unter einer zentralen Führung in Brüssel. Oder wir stärken die Nationalstaaten“, fordert Sarrazin.

    Ausweg á la Schweiz?

    Deutschland könne als Nationalstaat durchaus erfolgreich sein, so der ehemalige SPD-Politiker, der die Bundesrepublik in diesem Zusammenhang mit Schweden und der Schweiz vergleicht. Ohne Euro-Zone, ohne „die Geiselhaft der Gemeinschaftswährung“ würde Deutschland besser dastehen, ist der Volkswirt überzeugt.

    Die Politik der Europäischen Zentralbank habe eine „völlig falsche Mentalität“ geweckt, wodurch die Kräfte nicht mehr selbst ihre Angelegenheiten regelten. „Die Haftungsunion funktioniert wie eine Kreissäge, die die Produktivität der Krisenländer stutzt. Normalerweise kommt jedes Land allein zurecht“, sagt Sarrazin.

    Er selbst wolle jedoch keine Prognosen dazu abgeben, wie lange die Gemeinschaftswährung noch existieren werde. Es ließen sich nur „die verheerenden Risiken analysieren“, schließt er. 

    Sarrazin ist ehemaliger SPD-Politiker, Volkswirt und Buchautor. Von 1975 bis 2010 war er im öffentlichen Dienst tätig, von 2000 bis 2001 in leitender Position bei der Deutschen Bahn AG. 2010 machte er mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von sich reden, in dem er viele der auf Deutschland zukommende Probleme in den Bereichen Migration und Integration vorhersagte und analysierte.

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    Tags:
    Eurozone, Europäische Zentralbank (EZB), Martin Schulz, Donald Trump, Angela Merkel, Thilo Sarrazin, Europäische Union, Frankreich, Italien, USA, Deutschland