22:45 23 Oktober 2018
SNA Radio
    Bau der Gaspipeline Nord Stream

    Neue Ostsee-Pipeline: Europäer wittern Politik, Russen verweisen auf Wirtschaft

    © AP Photo / Dmitry Lovetsky
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    281884

    Russlands Pläne, die Pipeline Nord Stream 2 unter Umgehung der Ukraine nach Europa zu bauen, haben laut russischen Experten nicht einen politischen, sondern einen wirtschaftlichen Hintergrund.

    Der russische Analyst Georgi Waschtschenko von Freedom Finance sagte der Zeitschrift „Expert“, die Abhängigkeit der europäischen Verbraucher von russischem Erdgas gehe auf objektive wirtschaftliche Gründe zurück. Die Liefermenge nach Europa nehme zu, die Pipeline Nord Stream habe praktisch ihre volle Leistung erreicht. 

    Alexej Miller, Chef des russischen Lieferanten Gazprom, hatte bereits Ende Dezember gesagt, die Nord-Stream-Pipeline funktioniere bereits „sogar zu mehr als 100 Prozent“: „Mehr als 150 Millionen Kubikmeter Gas täglich liefern wir derzeit durch diese Pipeline.“

    „In den Ländern, die zu unseren maßgeblichen Partnern zählen, nimmt der Verbrauch zu – dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass das geplante Projekt Nord Stream 2 auf dem europäischen Markt äußerst gefragt ist“, so Miller damals. 

    Die Pläne für die neue Pipeline stoßen insbesondere in Warschau auf scharfe Kritik. Dass dieses Projekt für Polen inakzeptabel sei, bestätigte Ministerpräsidentin Beata Szydlo in der laufenden Woche nach ihrem Treffen mit Angela Merkel. 

    Der polnische Regierungssprecher Rafal Bochenek erläuterte im polnischen Radio, Nord Stream 2 trage nicht zur Energiesicherheit der EU bei, sondern zu deren Abhängigkeit von Russland. „Der Bau von Nord Stream 2 wird dazu führen, dass die Ukraine noch mehr  im russischen Einflussbereich landet“, so Bochenek. 

    Ukrainischer Gastransit gen Westen schrumpft – Nord-Stream-Transport wächst

    Laut Bochenek sieht auch Merkel eine politische Dimension beim russischen Pipeline-Projekt: „Frau Kanzlerin unterstreicht vor allem den kommerziellen Aspekt dieses Projekts. Doch während ihres Gesprächs mit Frau Ministerpräsidentin sagte sie, dass sie auch einen politischen Aspekt sehe, der für die Ukraine schädlich sein könne.“

    Die russische Position ist anders. Gazprom-Vize Alexander Medwedew sagte Ende Januar: „Das Projekt Nord Stream 2 wird nicht deshalb umgesetzt, weil wir die Ukraine um ihre Deviseneinnahmen aus dem Transit bringen wollen, sondern weil wir vorhaben, Gas auf dem kürzesten und effizientesten Weg zu liefern.“

    Die Nord-Stream-2-Pipeline soll ebenso wie Nord Stream durch die Ostsee von Russland nach Deutschland verlegt werden, um 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich auf diesem Weg zu transportieren. 

    Putin zu Nord Stream 2: Erklärung zu angeblicher Gas-Abhängigkeit von Moskau „dumm“

    Anton Polischkis, Geschäftsführer von Lores Consulting, prognostizierte für die Zeitschrift „Expert“, Gazprom habe trotz der geplanten Gas-Expansion der USA nach Europa genug Zeit, um das Projekt Nord Stream 2 umzusetzen. 

    Die Absicht der US-Anbieter und ihrer Lobby im Senat, mehr Gas zu exportieren, bedeute keineswegs eine strukturelle Umgestaltung des europäischen Energiemarkts. Weder den USA noch der EU stehe vorerst eine erforderliche Infrastruktur zur Verfügung, um Erdgas nach Europa massiv zu transportieren. Unter anderem gebe es nicht genug Tankschiffe für diese Zwecke. Es werde sehr schwer fallen und Jahre in Anspruch nehmen, eine ganze Branche zu schaffen, um Flüssigerdgas aus den USA zu bringen und in Europa zu verteilen, so Polischkis.  

    Er prognostizierte, der Erdgas-Export aus den USA werde in den nächsten Jahren zwar steigen, dieses Gas werde jedoch meistens nicht auf den übersättigten EU-Markt kommen, sondern nach Asien, wo die Nachfrage hoch und das Angebot niedrig sei. Innerhalb des nächsten Jahrzehnts habe Gazprom also kaum Flüssigerdgas-Lieferungen aus Amerika zu befürchten. 

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Gazprom-Chef nennt Betriebsstart für Nord Stream 2
    Moskau bezeichnet Haltung Warschaus gegenüber Nord Stream 2 als politisiert
    Nord Stream 2 geht auf Grund: Vorvertrag über Bau des ersten Rohrs unterzeichnet
    Nord Stream 2 – ist der Weg wirklich „Politiker-frei“?
    Tags:
    Gas, Gazprom, Alexander Medwedew, Angela Merkel, USA, Deutschland, Polen, Russland