13:34 31 März 2020
SNA Radio
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    20295
    Abonnieren

    Die deutschen Exporte sind im März auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben deutsche Unternehmen Waren im Wert von 118,2 Milliarden Euro ausgeführt, 10,8 Prozent mehr als im März 2016. Die Kritik daran aus dem Ausland wird immer lauter. Zu Recht, meint der Ökonom Heiner Flassbeck im Interview.

    Flassbeck war von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und von Januar 2003 bis Ende 2012 Chef-Volkswirt bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD). Er ist Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Makroskop.

    Herr Dr. Flassbeck, im März haben deutsche Unternehmen so viele Waren wie noch nie innerhalb eines Monats ins Ausland verkauft. Der Exportüberschuss wird in vielen Ländern stark kritisiert, wie zum Beispiel von Donald Trump. Ist diese Kritik berechtigt?

    Ja, im Prinzip ist sie berechtigt. Es kann keinen vernünftigen Freihandel geben, der allen nützt, wenn ein Land dauernd Überschüsse macht. Das ist absolut richtig. Die gesamte Theorie des Freihandels, die wir aus der ökonomischen Theorie seit über 200 Jahren kennen, setzt voraus, dass der Handel ziemlich saldenfrei ist. Das heißt also nicht, dass ein Land immer Überschüsse macht und ein anderes immer Defizite.

    Könnte denn theoretisch jedes Land Exportüberschüsse haben?

    Nein, das kann es natürlich nicht. Die Welt kann ja keinen Exportüberschuss haben. Der Exportüberschuss der Welt ist immer genau Null. Die Welt hat immer eine ausgeglichene Leistungsbilanz, denn sie handelt ja mit niemandem außerhalb. Deswegen muss es immer Defizite und Überschüsse geben. Das ist in der Tat das, was man ein Nullsummenspiel nennt. Der eine hat Überschüsse, der andere muss Defizite haben. Nun gibt es ein großes Land, was von sich behauptet, es müsse immer Überschüsse haben – nämlich Deutschland. Aber das kann im internationalen Zusammenspiel natürlich nicht funktionieren.

    Wem nutzt also der Exportüberschuss? Nur Deutschland und den Deutschen oder auch der Euro-Zone und der EU?

    Nein, der Euro-Zone nutzt er überhaupt nicht, denn Deutschland hat ja gegenüber der Euro-Zone auch einen Überschuss. Was man da redet, das nütze der Euro-Zone – das ist einfach ökonomischer Unfug. Es nützt der Euro-Zone überhaupt nicht. Es schadet ihr, es schadet den anderen, allen Defizitländern schadet es. Warum macht denn Deutschland solche Überschüsse und warum steht es relativ gut da? Überschüsse bedeuten, dass ich ein höheres Einkommen habe, dass ich Einkommen zusätzlich im Außenhandel gewinne. Defizit bedeutet, dass ich Einkommen und Arbeitsplätze verliere. Also Deutschland gewinnt Einkommen und Arbeitsplätze zusätzlich und die anderen Defizitländer verlieren. Warum sollen die Defizitländer dem die ganze Zeit zuschauen? Da gibt es ja keinen Grund für.

    Ein Exportüberschuss könnte auch den Export von Arbeitslosigkeit bedeuten?

    Das bedeutet der ganz sicher. Das ist nicht „könnte“ – sondern der bedeutet eindeutig den Export von Arbeitslosigkeit.

    Nun gibt es Stimmen, die sagen, dass die anderen Länder ja auch mehr produzieren und selbst mehr exportieren sollten, daran sei nicht Deutschlands schuld.

    Das stimmt eben so nicht. Das haben wir ja gerade festgestellt. Es können nicht alle Exportüberschüsse haben, also muss es irgendwas geben, wodurch sich Deutschland diese Exportüberschüsse erarbeitet oder bewirkt hat. Das kann man auch eindeutig feststellen: Das ist eine Unterbewertung. Es gibt eine zweifache Unterbewertung Deutschlands. Einmal ist der Euro schwach bewertet, weil die anderen in Europa schwach sind. Die anderen in Europa sind aber schwach, weil Deutschland auch innerhalb der Euro-Zone unterbewertet ist. Die Löhne sind in der Eurozone zu wenig gestiegen und damit hat Deutschland auch intern in der Euro-Zone ein großes Problem für die anderen Länder geschaffen, etwa für Frankreich, das ja jetzt so viel diskutiert wird. Nur in Deutschland will da niemand drüber reden. Man tut so, als könnte man das für die nächsten 100 Jahre verschweigen. Das wird aber nicht funktionieren.

    Aber Deutschland gilt ja angeblich als ein Hochlohnland, wie passt das mit diesen extremen Exportüberschüssen zusammen?

    Absolut gesehen – die absolute Höhe der Löhne hat aber keine Bedeutung. Es kommt auf die Löhne im Verhältnis zur Produktivität an. In Deutschland ist die Produktivität hoch und die Löhne sind absolut hoch, aber trotzdem sind in Deutschland die Löhne in den letzten 15 Jahren, vor allem in der Agenda-Zeit von Herrn Schröder, weniger gestiegen, als sie in der Währungsunion hätten steigen müssen. In der Währungsunion sollten die Löhne aller Länder um die eigene – also die nationale – Produktivitätszuwachsrate plus das europäische Inflationsziel steigen. Gegen diese einfache Regel hat Deutschland verstoßen, Frankreich nicht. Frankreich hat sich sklavisch und strikt an diese Regel gehalten und hat deswegen jetzt ein Problem. Deutschland hat unter seinen Verhältnissen gelebt und das war in der Währungsunion nicht so vorgesehen. Die deflationären Tendenzen, die es in der europäischen Währungsunion gibt, die kommen aus Deutschland, ganz eindeutig.

    Die Probleme in Frankreich sind also zum Teil in Deutschland verursacht worden?

    Ja, das kann man durchaus so sagen. Frankreich hat ein großes Problem: Es hat den falschen Nachbarn, ja.

    Bei einem hohen Exportüberschuss müsste man doch auch viel Wohlstand im eigenen Land haben. Wieso wird die Schere zwischen Arm und Reich trotz Exportüberschuss größer?

    Exportüberschuss bedeutet nicht unmittelbar, dass man viel Wohlstand hat. Das heißt ja nur, dass der Export gut läuft. Der Binnenmarkt in Deutschland ist ja ganz schwach gewesen. Deswegen hat das zehn Jahre lang überhaupt keinen positiven Effekt gehabt. Aber inzwischen wird die Wirkung dieser Exporte immer größer, weil sich diese Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auch bis vor fünf Jahren noch vergrößert hat und jetzt stillsteht. Da ist aber eben eine sehr große Lücke entstanden. Insofern ist der Wohlstand sozusagen dadurch zustande gekommen, dass die Löhne hinter der Produktivität zurück geblieben sind. Da ist es selbstverständlich, dass das dann negative Verteilungseffekte hat.

    Interview: Bolle Selke

    Zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Putin zu Bayerns Exporten nach Russland: „Interessant und unerwartet“
    Trotz Sanktionen: Russland exportiert mehr Kaffee nach Deutschland als Brasilien
    Gazprom brach schon 2016 historische Export-Rekorde nach Europa
    Import, Export und Kriegseinsatz: USA & Co. wollen Kampfdrohnen-Gebrauch regeln
    Tags:
    Kritik, Globalisierung, Problem, Export, Eurozone, EU, Heiner Flassbeck, Deutschland