07:38 16 Juni 2019
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    Getreideernte

    Autarkes Russland entwickelt sich zur Kornkammer der Welt - Zeitung

    © RIA Novosti . Sergey Venyavsky
    Wirtschaft
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    Russland steigt erneut auf zur Kornkammer der Welt auf, schreibt der Schweizer „Tages-Anzeiger“. Das Land hat es Expertenmeinungen zufolge geschafft, die USA beim Export von Weizen zu übertreffen. In diesem Jahr sei es durchaus möglich, dass auch die EU vom Podestplatz des weltgrößten Weizenexporteurs zu stoßen.

    Russland ist demnach erneut auf dem Weg, der weltweit größte Weizenexporteur zu werden. Bis zur Machtübernahme durch die Kommunisten im Jahr 1917 lag das Land bereits auf dem ersten Platz.

    „Das Land der Zaren hat 2016 erstmals seit Jahrzehnten die USA beim Export von Weizen übertroffen – und wird dieses Jahr die Europäische Union vom Thron als weltgrößter Weizenexporteur stoßen, prognostiziert das US-Agrarministerium USDA“, schreibt der „Tages-Anzeiger“.

    Unter Druck geraten demnach die US-amerikanischen Bauern, die lange Zeit den globalen Getreidemarkt dominierten, sowie Produzenten aus Südamerika. Brasilien löste die USA schon im Jahr 2012 als weltweit größten Soja-Exporteuer ab. Das Land hat laut dem Blatt nun auch seine Mais-Lieferungen erhöht und wurde zum zweitgrößten Exporteuer nach den USA. Der Anteil Amerikas im Export von Weizen, Soja und Mais sei seit den 1970er Jahren um fast die Hälfte geschrumpft.

    Globale Getreidevorräte auf Allzeithoch

    Für die Konsumenten sind das gute Neuigkeiten: Aufgrund der Tatsache, dass flächengroße Länder wie Brasilien und Russland günstige Erzeugnisse auf den globalen Markt bringen, könne die Lebensmittelindustrie weiter Rohstoffe zu niedrigen Preisen erhalten. 

    Dabei hätten erst kürzlich späte Schneefälle und starker Regen in den USA zu einem Preisauftrieb geführt. Davor hätten schon Maisschädlinge aus afrikanischen Ländern einen Preisanstieg provoziert. Diese Schwankungen seien jedoch nur kurzfristig verzeichnet worden. Im Allgemeinen hätten sich die Preise nämlich von jenen Tiefen noch nicht loslösen können, in die sie abgerutscht seien, nachdem vor fünf Jahren die wirtschaftliche „Spekulationsblase“ im Rohstoffsektor geplatzt war. Mais und Weizen seien heute im Großhandel für weniger als die Hälfte zu bekommen als noch vor fünf Jahren „in der fiebrigen Endphase der Spekulationswelle“, schreibt der „Tages-Anzeiger“. Im Hinblick auf die Preise von Sojabohnen habe sich die Situation nur minimal verbessert.

    Dementsprechend weniger sollen Landwirte in den USA und in der EU nun verdienen. Die Chancen dafür, dass der Preis letztlich wieder steigt, seien eher gering, schreibt das Blatt ferner. Die weltweiten Getreidevorräte hätten ein Allzeithoch erreicht. Aktuell seien sie fast zwei Drittel größer als vor neun Jahren und würden weiterhin wachsen, wie Daten der Londoner Branchenorganisation „International Grain Council“ zeigen. Der globale Getreidekonsum werde die Produktion künftig lediglich in einzelnen Jahren übersteigen, und selbst dann nur minimal.

    Die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sei somit für die kommenden Jahren gesichert – vorausgesetzt es komme zu keinen Wetterkatastrophen, die klarerweise alle Berechnungen über den Haufen werfen würden.

    Danach sehe es vorerst aber nicht aus. Auch in diesem Jahr rechne man mit Rekordernten. Zudem würden die großen Exportländer immer mehr anbauen, heißt es. Und weil Soja mit Blick auf den Preis unter keinem derart großen Druck wie andere Kulturen stehe, hätten amerikanische Landwirte damit eine rekordverdächtige Fläche von rund 35 Millionen Hektar bepflanzt – und auf diese Weise selbst zum Preisdruck beigetragen, stellt der „Tages-Anzeiger“ fest. 

    Russland „zusehends autarker“

    Wie es in dem Bericht ferner heißt, zeigt sich am Beispiel Russlands, wie hart der Markt für die Produzenten in den USA und in der EU werde. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sei die Kollektivwirtschaft (die Kolchosen, Staatsbetriebe) zunächst in die Rapuse gekommen. Als dann vor zehn Jahren der Kauf und Verkauf von Ackern im Land liberalisiert worden seien, seien viele russische Banken und Investoren ins Agrargeschäft eingestiegen. Jetzt, wo die Branche modernisiert sei, werde die Größe eines Unternehmens zum Vorteil. An der Schwarzmeerküste und im Wolga-Becken seien riesige landwirtschaftliche Flächen entstanden. Eine davon werde mit GPS-gesteuerten Traktoren im Dreischichtbetrieb auf einer Fläche von 40.000 Hektar bearbeitet.  

    Ernte in Sibirien
    © Sputnik / Aleksandr Kryashew
    Seit der Liberalisierung seien die Getreideerträge in Russland um 60 Prozent gestiegen, während die Anbauflächen für Mais verdreifacht worden seien, heißt es. Die von der EU und den USA gegen Russland verhängten Sanktionen nach dem Beitritt der Schwarzmeerhalbinsel Krim zu Russland im Jahr 2014 hätten zu einem schnelleren Wachstum geführt. Der „Tages-Anzeiger“ betont, dass Russland durch sein Lebensmittelembargo gegen den Westen – als Antwort auf die Strafmaßnahmen – „zusehends autarker“ werde.

    In jenen Bereichen, in denen die in Inlandnachfrage vollständig gesättigt sei, dränge Russland auf die Weltmärkte und demonstriere „dank dem billigen Rubel und den tiefen Produktionskosten“ auf diese Weise seine Wettbewerbsfähigkeit, schreibt die Schweizer Zeitung. Diese Faktoren spielten aber auch anderen großen Exportländern in die Hände. Die Ukraine beispielsweise baue aktuell doppelt so viel Mais an als noch vor zehn Jahren. Brasilien und Argentinien würden ebenso ihre Getreideproduktion rasant erhöhen. 

    Viele amerikanische Bauern hätten sich angesichts der aktuell niedrigen Preise nicht dazu entschieden, ihre Getreidespeicher zu leeren. Die Lebensmittelindustrie versuche wiederum so wenige Rohstoffe zu kaufen – in der Hoffnung, dass die Preise weiter fallen. Wenn die Ernten in diesem Jahr erneut derart groß ausfallen, wie die Prognosen meinen, hätten es weniger starke Hersteller schwer. Experten in den USA prognostizieren laut der Zeitung Konkurswelle unter Landwirten.

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    Tags:
    Weizen, Soja, Mais, Exporte, Getreideausfuhren, Sanktionen, Lebensmittel, Europäische Union, Krim, Argentinien, Brasilien, Ukraine, Russland, USA