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    Zu heikel? Westdeutschland bekommt kein russisches Gas

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    Die Gasversorgung von mehr als fünf Millionen deutschen Haushalten ist gefährdet, da die Niederlande ihre Gaslieferungen an Deutschland einstellen. Anstelle einer kürzeren und preiswerteren Anbindung an die russische Pipeline Nord Stream soll nun für 600 Millionen Euro eine Pipeline zur Versorgung mit Flüssiggas aus den USA gebaut werden.

    Europas Erdgasreserven sind bald aufgebraucht. Das große Erdgasfeld in der Nähe des holländischen Groningen versiegt langsam. Nach einem Erdbeben im Jahre 2012 und folgender Proteste beschloss die niederländische Regierung, den Gasexport in absehbarer Zeit, spätestens bis 2030, auslaufen zu lassen.

    Deutschland bezieht etwa ein Drittel seines Gasbedarfes aus den Niederlanden. Vor allem der Westen und Norden Deutschlands wird mit holländischem Gas versorgt. Die meisten der mehr als fünf Millionen betroffenen Haushalte in Deutschland befinden sich in Nordrhein-Westfalen (NRW). Der dortige Betreiber Thyssengas sucht nun nach alternativen Quellen und muss aufgrund unterschiedlicher Brennwerte verschiedener Gassorten wohl auch die Endgeräte in allen Haushalten umrüsten. Allein die Umrüstung soll bis 2030 2,2 Milliarden Euro kosten. Es ist davon auszugehen, dass die Kosten in vielen Fällen auf die Verbraucher umgelegt werden.

    Aus den Niederlanden wird energiearmes Erdgas, sogenanntes L-Gas (Low-Caloric-Gas), bezogen. Da die Förderung von L-Gas nun eingestellt wird, muss auf H-Gas (High-Caloric-Gas) umgestellt werden.

    Der ehemalige Geschäftsführer von Thyssengas Axel Botzenhardt favorisierte für die Versorgung mit H-Gas eine Zusammenarbeit mit dem russischen Konzern Gazprom und eine Anbindung an die Ostsee-Pipeline Nord Stream, über die russisches Gas nach Deutschland geliefert wird. Nachdem Thyssengas, das im Westen Deutschlands ein Leitungsnetz von 4200 Kilometern betreibt, im vergangenen Jahr von der Firma Électricité de France (EDF) und dem holländischem Fond DIF für rund 700 Millionen Euro gekauft wurde, musste Vorstandschef Botzenhardt Anfang dieses Jahres seinen Posten verlassen.

    Nun ist als neue Gasquelle der Import von Flüssiggas in Tankern aus den USA und den Golfstaaten geplant. Dieses Gas würde dann von dem Flüssig-Erdgas-Terminal in Zeebrügge in Belgien über die Niederlande nach Deutschland gelangen. Allerdings muss dafür noch eine rund 220 Kilometer lange Pipeline von der belgischen Grenze bis ins Münsterland gebaut werden. Dagegen formieren sich bereits Bürgerproteste aus der Landwirtschaft, von Naturschützern und von Anwohnern. Nichtsdestotrotz ist die Planung bereits weit fortgeschritten und Thyssengas steht kurz vor Baubeginn. Die Gaspipeline namens „Zeelink“ soll 2021 in Betrieb gehen. „Zeelink“ ist derzeit das größte Einzelprojekt im Gassektor Deutschlands.

    Das 600 Millionen Euro teure Projekt wird über die Bundesnetzagentur, also letzten Endes über die Verbraucher finanziert.

    Für eine Anbindung des Netzes von Thyssengas an Nord Stream müsste dagegen eine nur etwa 100 Kilometer lange Pipeline für Kosten von etwa 300 Millionen Euro gebaut werden. Damit könnte Gas aus dem Speicher im niedersächsischen Rehden, an dem Gazprom beteiligt ist, in die Speicher von Thyssengas im westfälischen Epe transportiert werden. Von Rehden führt wiederum bereits eine Pipeline zu Nord Stream nach Greifswald. Diese Pläne scheinen aber nun vom Tisch zu sein.

    Warum wird nun eine doppelt so teure und doppelt so lange Pipeline gebaut?

    Aktuell bekommt Deutschland neben der Einfuhr aus den Niederlanden Gas über die Nordsee aus Norwegen und über die Ostsee aus Russland. Über „Zeelink“ soll nun auch die Möglichkeit gegeben sein, Flüssiggas aus den USA, den Golfstaaten oder sogar aus Nordafrika einzukaufen.

    Der Gasmarkt ist kompliziert und international. Der Rohstoff wird an Börsen gehandelt und verteilt. Die Niederlande können zwar selbst bald kein Gas mehr liefern, sind aber mit einem Fond sowohl an Thyssengas als auch mit der Royal Dutch Shell an der Finanzierung von Nord Stream 2 beteiligt. Da es sich bei Gasgeschäften meist um langfristige Investitionen handelt, sind diese besonders attraktiv. Es bleibt zu klären, inwieweit in Nordrhein-Westfalen bei der Entscheidung für Flüssiggas aus den USA und den Golfstaaten anstelle russischen Gases über eine direkte Pipeline Lobbyarbeit und Politik eine Rolle gespielt haben.

    Da der Gasbedarf in Deutschland und Europa wächst, dürfte der Westen jedoch nicht um einen Ausbau des Handels mit dem Nachbarn Russland, das die weltweit größten Gasreserven hält, herumkommen. Es ist unwahrscheinlich, dass langfristig die umständliche und teure Versorgung über Flüssiggastanks aus den USA ausreichen und sich rechnen wird.

    Denkbar wäre auch, beide Leitungen, sowohl „Baltic Link“ als auch „Zeelink“ zu bauen, um eine optimale Versorgungssicherheit zu garantieren. Damit könnte Thyssengas und NRW auch zu einem bedeutenden Gasumschlagplatz aufsteigen. Im aktuellen „Netzentwicklungsplan Gas“ der Bundesregierung, der jetzt verabschiedet werden soll und der für die nächsten zehn Jahre gilt,  taucht ein entsprechender Ausbauplan jedenfalls nicht auf. Eine entsprechende Erweiterung des Netzes muss einen komplizierten Entscheidungsprozess durchlaufen, dem alle 14 Gastransportunternehmen in Deutschland zustimmen müssen. Während „Zeelink“ diese Hürde mühelos genommen zu haben scheint, gab es wohl bei der Pipeline zur Anbindung  an Nordstream 2, die intern „Baltic Link“ genannt wurde, Widerstand.

    Beim Bau von Gasleitungen und der Festlegung auf Versorgungsquellen handelt es immer um strategische und damit um politische Entscheidungen auf Jahrzehnte. Vielleicht erschien manchen die Bindung an russisches Gas als zu heikel? Dies passt zur allgemeinen politischen Diskussion über Nord Stream 2 und die Abhängigkeit von Russland als Energielieferanten. Deutschland bezieht sein Gas bereits zu etwa 38 Prozent aus Russland.

    Allerdings hat sich bisher bei der Bundesregierung immer Pragmatismus durchgesetzt und die Versorgungssicherheit der Bürger hatte absolute Priorität. Und Russland beziehungsweise damals die Sowjetunion haben sich selbst zu Zeiten des Kalten Krieges immer als zuverlässige Lieferanten erwiesen.

    Armin Siebert

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    Tags:
    Einstellung, Gaslieferung, EU, Royal Dutch Shell, Gazprom, Russland, USA, Niederlande, Deutschland
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