02:34 21 April 2019
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    Siegfried Wolf (Mitte) mit Russlands Präsident Wladimir Putin (links) im Motorenwerk Autodiesel der GAZ Group in Jaroslawl, November 2016

    Siegfried Wolf: „In Landwirtschaft braucht Russland uns Europäer nicht mehr“

    © Foto : GAZ Group
    Wirtschaft
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    Sergej Pirogow
    St. Petersburger Internationales Wirtschaftsforum (SPIEF) 2017 (43)
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    Ex-Magna-CEO Siegfried Wolf ist seit 2010 als Verwaltungsratschef von Russian Machines tätig. Im Sputnik-Gespräch erläutert der bekannte österreichische Manager, wo die EU-Lieferer nach drei Jahren Sanktionen in Russland nicht mehr gebraucht werden. Auch spricht er über einen Qualitätssprung bei russischen Fahrzeugen und seine Treffen mit Putin.

    Sputnik interviewte Wolf am Rande des Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg (1.-3. Juni).

    Was bringt das diesjährige Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg für Österreich?

    Ich denke, dass diese bilateralen Gespräche gerade für den Klein- und Mittelstand sehr gut sind. Wir haben fast 500 Direktbeziehungen mit kleineren und mittleren Betrieben aus Österreich heraus mit Russland. Seit 2014 hat sich die Wirtschaft in Russland sehr gut entwickelt. Der Rubel hat sich stabilisiert. Das Wachstum ist wieder eingekehrt. Es gibt große Investitionen von russischen Unternehmungen wie Gazprom in Österreich. Dieses Wirtschaftsvolumen, die Wirtschaftsleistung in Summe Österreich mit Russland, darunter Fremdenverkehr, Investitionen von russischen Firmen in Österreich und Bankensektor, macht mittlerweile gut 20 Milliarden Euro aus. Wir sind sehr gut wieder in Fahrt.

    Und das trotz Sanktionen…

    Trotz Sanktionen. Da sieht man, dass die Sanktionen nichts gebracht haben. Wer glaubt, dass dadurch etwas verändert wurde, der irrt: Wir haben nur in Europa im Klein- und Mittelstand sogar zu den Verlierern gezählt. In der Landwirtschaft braucht man uns Europäer in Russland nicht mehr. Für uns als Wirtschaft wäre es wichtig, dass uns nicht das gleiche Schicksal im Maschinen- und Anlagenbau passiert wie in der Landwirtschaft. Laut Umfragen wollen 70 Prozent der Befragten in der EU diese Sanktionen nicht. Auch wenn es Punkte gibt, wo man ganz klar sagen muss: das wird nicht akzeptiert, aber das sollte uns nicht hindern, eine gute Gesprächsbasis in andren Belangen zu finden und Dialoge nicht zur Einbahnstraße zu machen.

    Warum hört die Politik auf diese 70 Prozent der Bürger nicht?

    Vielleicht sollte man das etwas länger betrachten. Als im Februar 2014 in Russland die Olympischen Spiele waren, hat es schon einen starken Druck des Westens nach Russland gegeben: Man drohte, dass man nicht kommt, dass man boykottiert. Das war noch lange vor der Problematik mit der Ukraine, was ich persönlich sehr bedauere. Aber wir hatten auch im Westen die Frage an die Ukraine gestellt: Wollt ihr lieber in den Eurasischen Wirtschaftsraum kommen oder in den europäischen? Es gab auch hier einen sehr starken Einfluss, dass das ukrainische Volk entscheiden musste, was nicht richtig war.

    Vor zehn-fünfzehn Jahren waren russische Automarken ein Inbegriff für schlechte Qualität. Was hat sich im Gorky-Werk (GAZ Gruppe) seitdem getan?

    GAZ-13 Tschaika
    © Sputnik / Ekaterina Chesnokova
    Wir haben im gesamten Komponentenbereich unheimlich viel getan, in Engineering und Produktions-Know-how, um langfristig Qualität zu bauen. Wir haben internationale Zulieferanten mit Joint Ventures, mit Produktion hier im Land nach Russland gebracht. Wir haben komplett neue Engineering-Leistungen gemacht. Vor zehn Jahren hat man etwa in Moskau an jeder Ecke ein problematisches oder stehendes Auto unserer Marke gesehen. Wenn Sie heute schauen, sehen Sie Fahrzeuge unserer GAZ Gruppe, die fahren und absolut in das moderne Straßenbild passen.

    Passen sie immer noch nicht in das Straßenbild der EU? Warum exportieren Sie nicht nach Europa?

    Der Westen ist nicht unser Zielmarkt. Wir haben auf der Messe in Hannover unsere Produkte zwar mit einer enorm positiven Resonanz ausgestellt, aber es gibt Märkte, wo wir sicherlich schneller zum Erfolg kommen. Das sind eben unsere definierten Zielmärkte (Iran, Afrika, Lateinamerika und Vietnam — Anm. d. Red.). Das sind Märkte, die mit gleichen Gegebenheiten in Sachen Straßenkondition und Wetter wie hier in Russland, hier haben wir einen natürlichen Vorteil.

    Die Konkurrenz im Automobilbereich ist groß. Aber im Endeffekt punkten wir mit Zufriedenheiten und Kostenstruktur. Wer hätte schon gedacht, dass man in Russland in der Autoindustrie wieder gemessen wird mit der globalen Welt in Thema Qualität und Produktivität. Unsere Produkte sind sehr robust, passen in das internationale Straßenbild und sind dabei noch immer einfach zu reparieren: Unser Kunde muss nicht mit jedem Problem gleich in die Werkstatt.

    Gelingt es, mit diesen Vorteilen Mercedes oder andere westliche Marken zu bedrängen?

    Wenn es rein um Branding geht, um Marken-Strahlkraft, dann sind wir sicherlich nicht bei Mercedes oder einer anderen top-international etablieren Marke voll dabei. Russland hat ja lange Zeit Riesenproblem mit dem Thema Qualität und Verlässlichkeit gehabt. Aber uns ist es gelungen, Fahrzeuge mit 150.000 Kilometer Garantie herzustellen — bei dem Klima und den Straßenkonditionen. In der Kundenzufriedenheit sind wir absolut im Top-Ranking. Wenn es um günstige und verlässliche Kosten per Kilometer, Anschaffung und Betrieb geht, sind wir ganz vorne dabei.

    Donald Trump hatte nach seinem Wahlsieg in den USA den Sanktionskurs gegen Russland in Zweifel gezogen. Sie sagten damals, dass auch Europa hier ein Umdenken starten müsste. Nun kündigt die US-Administration sogar ein härteres Vorgehen gegen Russland an. Sind sie enttäuscht?

    Ja, schon. Ich hatte einen klareren Weg von ihm erwartet, wie er es angekündigt hat, zuerst auf sein eigenes Land schauen zu wollen. Aber sein Kurs ist ein gewaltiger Zick-Zack-Kurs in der Auslegung von Regeln. Zum einen kündigt er an, sein Land zu schützen und nichts mehr hineinimportieren zu lassen, möchte aber trotzdem exportieren. In der Sanktionszeit hat Amerika von höheren Exporten nach Russland unheimlich profitiert und sein Wirtschaftsvolumen mit Russland beinahe verdreifacht.

    Auf der einen Seite haben die Sanktionen, auf der anderen haben sogar Bell Helicopter nach Russland geliefert. Es ist für mich nicht klar nachvollziehbar, was Präsident Trump meint.

    Präsident Trump droht nun, den Verkaufserfolg der deutschen Autobauer in den USA zu stoppen. Müssen diese Drohungen ernst genommen werden?

    Deutschland ist nach wie vor nicht nur Wirtschaftslokomotive in Europa, sondern auch Export-Weltmeister. Aber das „Digital Brain“ sitzt in Amerika, die Anwendungsspezialisten, die Produkte daraus gestalten, in Europa. Wir haben aufgrund unserer Ausbildung Vorteile, hier die digitale Welt mit der Mechanik zusammenzuführen. Wenn uns noch gelingen würde, den russischen Rohstoffmarkt mit zu integrieren, dann wäre Europa und Russland vieles gelungen.

    In westlichen Medien werden Sie oft als Putin-Vertrauter bezeichnet. Wie oft treffen Sie sich denn mit dem russischen Präsidenten?

    Wir haben uns bei einigen Gelegenheiten getroffen, wenn es darum ging, einen neuen Betrieb zu eröffnen oder neue Produktionslinien zu starten. Das war sicherlich ein unheimlicher Motivierungsschub für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ein guter Motivationsfaktor für uns alle.

    Zieht Putin Sie auch zu Rate?

    Ich glaube, er hat genügend Ratgeber. Ich denke, wenn er sieht, was gemacht worden ist, hat er seinen eigenen Weg, sich seine Meinung zu bilden.

    Sie haben zwei Töchter. Was sagten sie, als sie erfuhren, dass ihr Vater nach Russland zieht?

    Sie sagten: Dann wirst zu wenig zu Hause sein. Meine Kinder begutachteten Russland sicherlich etwas kritischer. Aber ich fühle mich hier in dem Land sicher.

    Siegfried Wolf, geboren 1957 im oststeirischen Feldbach, war von 2005 bis 2010 CEO bei Magna International. Seit fast sieben Jahren leitet er den Verwaltungsrat des russischen Maschinenbaukonzerns Russian Machines von Milliardär Oleg Deripaska, zu dem auch die GAZ Group mit Sitz in Nischni Nowgorod gehört. Die GAZ Group, die 2009 vor der Pleite stand, ist mittlerweile mit ihren Kleintransportern GAZelle, Lastwagen und Bussen nicht nur souveräner Marktführer in Russland, sondern exportiert bereits in rund 40 Länder.

    Sergej Pirogow

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