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    Unternehmen von Volkswagen in Wolfsburg, Deutschland (Archivbild)

    Geheime Absprachen der Autokonzerne? – Experte: Verantwortung bei Merkel

    © AP Photo / Ferdinand Ostrop
    Wirtschaft
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    Die deutsche Autoindustrie steht unter Kartellverdacht: Die Unternehmen haben sich angeblich jahrzehntelang geheim abgesprochen, speziell im Bereich der Abgasreinigung. Die EU-Kommission will nun ermitteln. Experte Ferdinand Dudenhöffer spricht von „strategischen Fehlern der Politik.“

    Die großen deutschen Autobauer Volkswagen (VW), Audi, Porsche, BMW und Daimler sind Medienberichten zufolge ins Visier geraten. Der Vorwurf: Die deutsche Autoindustrie habe sich seit den 1990er Jahren in geheimen Arbeitskreisen illegal über Fragen der Technik, Kosten, Zulieferer und sogar über die Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge abgesprochen.

    Die EU-Kommission kündigte bereits Ermittlungen und lässt momentan prüfen, ob sie ein Verfahren wegen verbotener Kartellabsprachen eröffnen lässt. Nach Informationen des Magazins „Stern“ spricht ein Team von EU-Experten bereits mit möglichen Zeugen und sichtet Unterlagen.

    Experte: „Manipulation technisch sehr einfach möglich“

    „Bisher sind das nur Vermutungen, die nicht bestätigt sind, also müssen wir abwarten“, sagte der auf Automobilwirtschaft spezialisierte Ökonom Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen auf Anfrage. „Falls sich die Vorwürfe bestätigen sollten, dann wäre das wirklich ein Erdrutsch für die deutsche Automobilindustrie, aber auch für die deutsche Politik.“ Denn die Regierungskoalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sei sehr eng mit der Autoindustrie verbunden.

    „Manipulationen sind technisch sehr einfach möglich“, erläuterte er, „indem die Industrie Thermofenster und sogenannte Abschalteinrichtungen nutzt, um Ablagerungen von Stickoxiden zu minimieren bei den Autokomponenten.“ Ziel sei es für die Autoindustrie, die Abgaswerte auf einem niedrigen Niveau zu belassen, trotz schädlicher Folgen für die Umwelt.

    Dieselmotoren: Falsche Strategie der Regierung

    Der Experte betonte, dass er seinen Vorwurf nicht an die Industrie richtet, sondern an die Politik: „Der Bürger, der Wähler, erwartet nicht, dass die Autoindustrie einseitig geschützt wird. Sondern er erwartet Unabhängigkeit der Regierung, faire Gesetze, faire Bedingungen. Auch im Bereich der Automobile.“

    Die Regierung Merkel fördere seit vielen Jahren in Deutschland einen künstlichen, steuerfinanzierten Boom bei Diesel-Fahrzeugen.

    „Die Bundesregierung war im Irrglauben, mit dieser Strategie Arbeitsplätze zu stabilisieren. Das Gegenteil ist der Fall: Alle Diesel-Arbeitsplätze fallen uns heute auf die Füße. Die Politik hat nicht nur der Automobilindustrie, sondern auch Deutschland durch diese schlechte Industriepolitik einen Bärendienst erwiesen“, so Dudenhöffer.

    Durch die falsche Strategie habe Deutschland bisher seine internationale Wettbewerbsfähigkeit bei der Hybrid-Technologie an den japanischen Autoproduzenten Toyota und bei den Elektro-Autos an das Start-Up-Unternehmen Tesla in den USA verloren.

    Autobauer reagieren

    Der ganze Fall werde „große Veränderungen“ für die Autoindustrie haben. Die deutschen Autobauer müssten sich „schnellstmöglich vom Diesel trennen“ und „sich auf Elektro-Autos“ konzentrieren, so der Ökonom. „Wir haben nicht nur ein Industrieproblem, sondern unser politisches System muss auch reformiert werden.“

    Einige Auto-Konzerne spüren laut Medienberichten bereits erste Folgen des Skandals. So wurde bekannt, dass die EU womöglich ab kommendem Jahr alle nicht umgebauten, manipulierten VW-Dieselmotoren stilllegen lassen will. VW-Tochter Audi kündigte angesichts der Diskussion an, bis zu 850.000 seiner Diesel-Fahrzeuge nachrüsten zu lassen.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer zum Nachhören:

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    Tags:
    Abgasen, Automarkt, BMW, Porsche, Audi, VW-Konzern, Angela Merkel, Ferdinand Dudenhöffer, Deutschland