13:52 22 Oktober 2017
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    Proteste in Italien (Archivbild)

    Italienischer Euro-Austritt? Für Italien und auch Deutschland besser – Experte

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    Wirtschaft
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    Italiens Wirtschaft geht es heute schlechter als zur Zeit der Euroeinführung. Viele Italiener geben dem Euro die Schuld. Die Debatte über Alternativen wird intensiver. Der Ökonom Marc Friedrich ist sich im Sputnik-Interview sicher: Ein Ausstieg aus der gemeinsamen Währung ist die einzige Alternative.

    Die „Movimento 5 Stelle“ (Fünf-Sterne-Bewegung) um den Kabarettisten Beppe Grillo hatte Anfang Juli ins italienische Parlament geladen. Abgeordnete und Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung saßen ganze zwölf Stunden zusammen um über die Frage zu diskutieren: Was würde Italien ein Euro-Austritt bringen? Sputnik stellte diese Frage zwei Experten. Finanzexperte Marc Friedrichmeint, Italien müsse unbedingt aus der Euro-Währung aussteigen um zu genesen. Die Meinung von Folker Hellmeyer, dem Chefanalytiker der Bremer Landesbank, gibt es hier. Er findet, Italien kann nur im Euro-Verbund zukunftsfähig bleiben.

    >>> Italienischer Euro-Austritt? „Kurzfristige Lösung auf Kosten der Zukunft“ – Experte

    "Den Ländern in Südeuropa würde es mit einer souveränen Währung weitaus besser gehen, als mit dem Euro“, sagt der Bestsellerautor Friedrich im Interview.

    Der Euro ist für ihn ein einmaliges Währungsexperiment, welches zu Scheitern verurteilt sei. Das würde sich nun anhand der volkswirtschaftlichen Eckdaten zeigen. Noch nie sei es den Ländern in Südeuropa schlechter gegangen als momentan mit dem Euro, betonte der Buchautor – nicht mal mit der früheren italienischen Lira. Der Finanzexperte verwies auf Rekordarbeitslosenquoten, Rekordstaatsverschuldung, eine marode Bankenlandschaft und eine Industrieproduktion auf einem Niveau von vor 20, 30 Jahren  in Italien.

    „Währungsunion hat noch nie funktioniert“

    „Im Zinskorsett der Europäischen Zentralbank (EZB) und mit dieser Zwangswährung Euro werden die Länder niemals auf einen grünen Zweig kommen. Schon 2012 haben wir das in unserem ersten Buch ‚Der größte Raubzug der Geschichte‘ geschrieben. Wir sehen ja, dass der Euro nicht funktioniert. Deswegen kann ich das nur unterstreichen, Alberto Bagnai von der Universität Pescara hat Recht.“

    Bagnai hat kürzlich eine Studie vorgelegt, in der er berechnet, was geschehen würde, wenn das Land den Euro verließe. Er kommt zu dem Schluss, dass Italien dank einer starken Abwertung der Lira gegenüber dem Euro nach fünf Jahren wirtschaftlich besser da stünde als heute. Auch die Exporte würden steigen, da Italiens Industrie im Vergleich zur deutschen günstiger würde.

    „Währungsunionen haben noch nie funktioniert und werden auch nie funktionieren“, betonte Friedrich. „Die volkswirtschaftlichen Eckdaten bei den einzelnen Ländern laufen einfach zu weit auseinander.“ Mit den jetzigen Parteien an der Macht in Rom schätzt er die Wahrscheinlichkeit, dass Italien aus dem Euro austritt, eher gering ein. Bei Neuwahlen könnten die Euro-kritische Partei Lega Nord und die Fünf-Sterne-Bewegung durchaus die Mehrheit gewinnen und dann werde Italien aus dem Euro aussteigen.

    Schaden wird derzeit vergrößert statt verringert

    „Ich kann als Ökonom nur dafür plädieren“, bekräftigte er. „Das Einzige, was wir momentan erleben, ist Insolvenzverschleppung und dass es der breiten Masse immer schlechter geht. Was wir betreiben ist eigentlich Schadensmaximierung, dabei sollten wir jetzt die Schäden minimieren. Umso länger die Südländer Europas und auch Italien im Zinskorsett der EZB und mit dieser Zwangswährung Euro verhaftet sind, umso größer werden die Kollateralschäden für ihren Wohlstand, für das gesellschaftliche Zusammenleben und natürlich auch für die Demokratie, weil extreme Parteien immer stärker werden.“

    Sollte Italien allerdings unkontrolliert aus dem Euro austreten, dann kollabiere das ganze Euro-System. Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft in Europa und neben Frankreich und Deutschland eine der wichtigen Säulen, wie Friedrich betonte. Wenn Griechenland austrete, würde nichts passieren, wenn Italien austrete, dann gebe es einen „Tsunami“ und andere Länder würden dem Beispiel Italiens folgen. Sollte Italien im Euro bleiben, dann würden die EU-Staaten weiterhin Subventionen Richtung Süden schicken und Deutschland werde dann den größten Anteil an der Zeche zahlen müssen. Das ganze Konstrukt werde dann weiterhin künstlich mit diesen Subventionen am Leben gehalten.

    „Euro ist zum Scheitern verurteilt“

    Friedrich sieht diesen Umstand als glatten Regelbruch:

    „Bei der Gründung des Euros wurde ja gesagt, kein Land solle jemals für ein anderes Land aufkommen. All diese Gesetze wurden und werden von oberster Stelle gebrochen, ohne geahndet zu werden. Der Euro ist zum Scheitern verurteilt. Der Euro ist eine Währung auf Zeit. Der Euro ist eigentlich Falschgeld. Der Euro wird scheitern, die Frage ist nur wann. Die EZB versucht nur diesen Kaugummi so lange wie möglich in die Länge zu ziehen.“

    Die EZB pumpe jeden Monat mit fragwürdigen Aufkaufprogrammen Milliarden in das System, um das Geldkarussell am Laufen zu halten. Für diese Verbindlichkeiten müssten alle Bürger haften. Deutschland habe mit 18 Prozent schon jetzt den höchsten Anteil an der EZB. Wenn andere Länder noch wegfallen, dann könne der Anteil sogar noch höher werden. Der Finanzexperte warnte:

    "Es wird kollabieren. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen in der Politik jetzt versuchen Schadensminimierung zu betrieben, und den Euro kontrolliert ad acta legen – es wird so oder so teuer. Wenn wir aber Pech haben, werden sie den Karren mit vollem Wums vor die Wand fahren — mit noch viel größeren Kollateralschäden und dann natürlich auch mit hohem Vermögensverlusten für alle.“ 

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Marc Friedrich zum Nachhören:

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    Tags:
    Austritt, Fünf-Sterne-Bewegung, EU, Beppe Grillo, Marc Friedrich, Italien
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