01:34 17 Dezember 2017
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    Sanktionen: Bricht Russlands Anleihemarkt zusammen?

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    Wirtschaft
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    Was ist schon dabei, wenn der US-Kongress Russland hasst? Anleger, die Russland kennen, scheuen kein Risiko. Sie schätzen stattdessen die Top-Rendite russischer Staatsbonds, schreibt das russische Wochenblatt „Expert“.

    Der US-Senat verschärft die Anti-Russland-Sanktionen, Moskau weist US-Diplomaten aus: Eigentlich sind geopolitische Spannungen Gift für die Anlegerlaune. Doch gibt es Investoren, die in dieser Lage neue Möglichkeiten sehen, statt die Nerven zu verlieren.

    Die Stimmung aufhellen würden die neuen Spannungen zwar nicht, aber „negative Stimmungen sind Ihre Helfer, wenn Sie auf langfristigen Benefit auf den Anleihemärkten eingestellt sind“, sagt Jan Dehn, Chefanalyst beim britischen Investor Ashmore Group, laut dem Blatt.

    Sein Kollege Stanislaw Werner ist zunächst aber skeptisch: Das Sanktions-Tennis könnte Russlands Image als extrem risikoreiches Anlageobjekt in den Augen ausländischer Investoren eigentlich verfestigen, sagt Werner, Chef der Private Solutions-Sparte beim Unternehmensdienstleister Singapore Castle Family Office.

    Andererseits sei Russland in den letzten Jahren ohnehin nicht mit Samthandschuhen angefasst worden. Dass sich in der jetzigen Situation etwas tiefgreifend ändern werde, sei daher nicht zu erwarten. „Russland ist ja nicht Nordkorea: Hier gibt es keine Auflagen für die Kapitalströme ausländischer Investoren. Außer denen, die langfristig denken, gibt es hier auch die, die einfach von den Profitmöglichkeiten angezogen werden“, sagt er.

    Solche Möglichkeiten bietet Russland dank der Geldpolitik seiner Zentralbank. Dem gegenüber steht der ultraniedrige Leitzins der führenden Notenbanken dieser Welt. Angesichts dieses Vergleichs rückten geopolitische Überlegungen bei den Anlegern in den Hintergrund.

    „Natürlich birgt die Eskalation mit dem Westen für Russlands Finanzmärkte die Gefahr eines abrupten Abzugs von Spekulationskapital“, konstatiert Werner. „Aber das ist nur zu erwarten, wenn die westlichen Restriktionen auf die russischen Anleihen ausgeweitet werden.“

    Damit sei aber nicht zu rechnen, weil Washington den Dialog mit Moskau ja nicht vollends abreißen lassen möchte, ist der Experte überzeugt.

    „Der weiterhin positive Leitzins, die Stabilisierung des Ölpreises bei über 40 Dollar je Fass und die Erholung der Konjunktur fördern das Anlegerinteresse an russischen Aktiva“, sagt der Fachmann.

    „Der russische Rubel hat derzeit gute Chancen, die Schwäche abzuschütteln und dem Ölpreis hinterher einen Stabilitätskurs einzuschlagen. Den Anleihemarkt wird das stützen.“ Und dass der russische Aktienmarkt bereits auf Wachstumskurs sei, merke man an seiner verhaltenen Reaktion auf die neuen Sanktionen.

    Und doch: Neue Sanktion bringen auch neue Risiken für Russlands Staatsanleihen mit sich, sagt Mark Goichman, Chefanalyst bei der Investmentfirma TeleTrade. Im neuen Sanktionskatalog würden direkte Verbote auf Investitionen in russische Bonds geprüft, so Goichman.

    „Auch können Einschränkungen bei der Finanzierung oder den Lieferungen von Technologie im Energiesektor die Wirtschaft empfindlich treffen“, sagt der Experte Groichman. „Das alles wird logischerweise dazu führen, dass Investoren aus den russischen Bonds rausgehen. Der Anteil ausländischer Investoren auf dem russischen Markt betrug im Mai 31 Prozent, sank im Juni unter 30 und sinkt jetzt weiter.“

    Solche Ausverkäufe haben aber auch etwas Gutes: Die Rendite der Anleihe wächst. „In der zweiten Julihälfte stieg die Rendite für ein russisches Zehnjahrespapier von 7,75 auf 7,9 Prozent. Die steigenden Ölpreise stützen deren Verlässlichkeit“, sagt Groichman.

    Zum Vergleich: Die US-Anleihen werfen derzeit 2,3 Prozent ab, die britischen Staatspapiere bringen 1,33 Prozent, Deutschland gibt auf seine Bundesanleihen 0,54 Prozent. Da eine Änderung der lockeren Geldpolitik US-amerikanischer und europäischer Zentralbanken bis Anfang 2018 nicht zu erwarten sei, werde sich auch an diesen Werte kaum etwas ändern.

    Ergo: „Was das Preis-Leistungsverhältnis russischer Bonds angeht, bleiben sie attraktiv“, erklärt der Analyst Groichman. „Und dann gibt es ja noch Investoren, die von keinen US- und EU-Sanktionen betroffen sind.“

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