07:08 19 Oktober 2017
SNA Radio
    Das Gebäude der Agentur für Arbeit (Archivbild)

    Anstieg bei Minijobs – Wahr oder Wahlkampfgetöse?

    © AFP 2017/ DPA/Arne Dedert
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    0 1161129

    Ein Anstieg der s.g. Minijobs um satte 10,5 Prozent in den letzten zehn Jahren soll auf dem Arbeitsmarkt verzeichnet worden sein, gab die Bundesregierung auf Anfrage der Linksfraktion bekannt. Pressesprecher der Minijob-Zentrale, Dr. Wolfgang Buschfort, sagt: „Es gibt keinen Anstieg.“ Wer hat nun Recht?

    In der Presse heftig kritisiert, in der Politik als politisches Kampfmittel benutzt muss die geringfügige Beschäftigung, der s.g. Minijob, einiges aushalten.

    Auch Jutta Krellmann, gewerkschaftspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag bemängelt die Zustände bei der geringfügigen Beschäftigung in der jüngst veröffentlichten Pressemitteilung der Linksfraktion:

    "Minijobs sind unsicher, niedrig entlohnt und führen zu Minirenten. Sie sind eine Falle besonders für Frauen. Wenn 4,3 Millionen Minijobbende mindestens einen Berufsabschluss haben, dann ist die Prekarisierung und Verarmung von SPD und CDU politisch gewollt. … Damit muss Schluss sein!“, fordert die Politikerin und will einen Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde einführen.

    Circa 7,6 Millionen geringfügig Beschäftigte zählte die Bundesregierung auf Anfrage der Linksfraktion im Dezember 2016 deutschlandweit. Damit würde ein Anstieg von 10,5 Prozent innerhalb von 10 Jahren registriert. Die Informationen der Bundesregierung fußen auf den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Und Recht hätte Frau Krellmann, wenn die Zahlen der Bundesagentur stimmen würden. Doch das sei nicht der Fall versichert der Pressesprecher der Minijob Zentrale, Dr. Wolfgang Buschfort: „Die Zahl ist seit rund 13 Jahren identisch geblieben. “Diese Statistik wird von der Minijob-Zentrale „Knappschaft-Bahn-See“, jedes Quartal veröffentlicht und lag im Dezember 2016 bei 6,98 Millionen, was eine Diskrepanz von über 600.000 Beschäftigten bedeutet.

    Seit Jahren steigende Minijobzahlen?

    Die Bundesagentur nehme als Grundlage für die Berechnung der Minijobzahlen ihre eigene Beschäftigtenstatistik und verwende nicht die Zahlen der Knappschaft, teilte die BA auf Sputnik-Anfrage mit. Diese wiederum würden auf den Zahlen der Krankenkassen basieren. Eine Erklärung, warum die Zahlen der Arbeitsagentur und die Zahlen der Knappschaft sich dermaßen unterscheiden und immer weiter ansteigen, hat der Sprecher der Minijob-Zentrale nicht:

    „Die BA hat und ich weiß nicht, wo da der statistische Messfehler liegt, seit Jahren andere und immer höhere Zahlen bei den Minijobbern als wir, wobei wir die Behörde sind, die die Minijobber verwaltet und die eben diese Zahlen ermittelt.“

    Angestiegen seien nur die Minijobs in den Haushalten. Da ginge es darum, dass Jobs, die vorher als Schwarzarbeit ausgeübt wurden, nun angemeldet würden, erklärt der Sprecher und verteidigt die geringfügige Beschäftigung, als ein gutes Instrument für die Arbeitsmarktregulierung: „Es ist relativ unkompliziert, brutto für netto, Geld zu verdienen. Beispielsweise für Studenten, Schüler oder auch nebenbei. Die typische Hausfrau, die nebenbei noch für 250 Euro irgendwo aushilft. Ich glaube, dass Frau Krellmann nicht verstanden hat, was Minijobs überhaupt sind. Es ist keine Lebensperspektive. Minijobs sollen Arbeitsspitzen abdecken und dafür sorgen, dass Personen, die gerade keinen vollen Job ausführen können, beispielweise, weil sie gerade zu Hause sind, weil sie studieren, dass sie nebenbei ein bisschen Geld verdienen.“

    Eine Million Rentner als Minijobber

    Es sei ein Skandal, wenn über eine Million Menschen über 65 Jahren einen Minijob benötigen um ihr Auskommen zu sichern, kritisiert weiter die Gewerkschaftlerin Krellmann:

    „Da Minijobs nicht mehr Arbeit schaffen, sondern diese nur auf mehr Köpfe verteilt, müssen Minijobs in sozialpflichtige Beschäftigung umgewandelt werden“. 

    Dr. Buschfort bestätigt die Zahl der minijobbenden Rentner, sieht dies im Gegensatz zu Krellmann positiv:

    „Die Hälfte der Rentner, die einen Job machen, wollen einfach ein bisschen Geld nebenher verdienen und den Bezug zum Arbeitsleben nicht verlieren“, erklärt Buschfort und bezieht sich auf eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung: „Bei der anderen Hälfte ist es so, dass sie nebenher noch ein bisschen Geld verdienen möchten, weil sie es brauchen oder weil man die Möglichkeit hat irgendwo, relativ unkompliziert in seinem eigenen Bereich ein bisschen weiter zu arbeiten.“

    Das komplette Interview zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Vom Architekten zum Tellerwäscher – trotz Bildung kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt
    Staatsdienst statt Skandalbranche: Das ist der Top-Arbeitgeber deutscher Schüler
    Verzichtet Siemens auf Arbeit mit russischen Staatsfirmen? Für Moskau kein Problem
    Arbeit unter der Haut: US-Unternehmen setzt Mitarbeitern Microchips ein
    Tags:
    Arbeitsmarkt, Arbeit, CDU, SPD, Bundestag, Die LINKE-Partei, Deutschland