11:09 23 September 2017
SNA Radio
    Chef des US-Generalsstabs General Joseph Dunford (L) und sein Kollege aus China General Fang Fenghui (Archivbild)

    Finanzexperte Wolff: Nordkorea-Krise ist Konflikt zwischen den USA und China

    © REUTERS/ Thomas Peter
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    1375151152

    Die USA haben mit rund 980 Milliarden Euro bei keinem anderen Land so viele Schulden wie bei China. Trotzdem drohen die Vereinigten Staaten der Volksrepublik mit Strafzöllen und Klagen. Das könnte zu einem Handelskrieg führen, der die gesamte Weltwirtschaft erschüttert. Sputnik hat bei dem Finanzexperten Ernst Wolff nachgefragt.

    Herr Wolff, US-Präsident Donald Trump hat seinen Handelsminister angewiesen, mögliche Patentrechtsverletzungen Chinas zu untersuchen und gegebenenfalls Strafzölle gegen chinesische Produkte zu verhängen. Wieso kommt so eine Untersuchung gerade jetzt?

    Wir erleben schon seit einiger Zeit eine Art Handels- und Währungskrieg zwischen den USA und China. Die Länder sind die beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Die Chinesen haben allerdings die Amerikaner inzwischen als Handelsmacht überrundet. Während China der größte Handelspartner von 120 Ländern ist, sind die USA dies nur noch von 70 Ländern. Die USA sehen da ihre weltweite Hegemonie gefährdet und versuchen alles Mögliche gegen die Chinesen zu unternehmen. Der Moment scheint dafür günstig, da die Chinesen gerade große Schwierigkeiten haben.

    Sind denn die Chinesen noch solche „Copycats“, die Geschäftsideen und Produkte aus einem anderen Markt kopieren, wie vor zwanzig Jahren? Inzwischen kommen doch auch viele Innovationen aus China, oder?

    Die Chinesen verfolgen hier inzwischen eine weiche Strategie, indem sie gewisse Technologieunternehmen im Ausland aufkaufen, die dann relativ schnell ausweiden, sich das technische Knowhow aneignen und anschließend die Produkte in China weiterproduzieren, weil dort die Löhne so unschlagbar niedrig sind. Das ist ja auch die Querverbindung zwischen den USA und China. Genau deswegen lassen ja die Amerikaner – bestes Beispiel ist Apple – sehr viel in China produzieren. Die Ankündigung von Donald Trump, diese ganzen Arbeitskräfte wieder nach Amerika zu holen, ist nur heiße Luft. Das ist nicht möglich. Sie werden in Amerika niemanden finden, der für 125 Dollar im Monat arbeitet.

    Kann China auf den US-amerikanischen Markt verzichten und umgekehrt?

    Keiner von beiden kann auf den anderen Markt verzichten, wobei die Chinesen mehr exportieren, als importieren. Das ist ja auch das große Problem der Chinesen. Durch den Export kommt viel Geld ins Land. Anfang des Jahres haben die Chinesen dann Kapitalkontrollen eingeführt, so dass kaum noch chinesisches Geld ins Ausland fließt. Stattdessen kaufen die Chinesen jetzt wieder amerikanische Staatsanleihen. Das Schattenbankensystem hat sich verdreifacht, nachdem der Aktienmarkt dort vor zwei Jahren in die Knie ging.

    Die Probleme im Finanzsektor Chinas sind im Moment die größte Tretmine im weltweiten Finanzsystem. Auch beim Verbriefen und anschließenden Weiterverkaufen von Schulden sind die Chinesen Weltmeister. Das heißt, dass die Schulden nicht mehr als Negativa, sondern durch den Verkauf als Positiva in den Bilanzen auftauchen. Diese Schuldbriefe wurden auch vielen privaten Anlegern angedreht. Und wenn diese Blase einmal platzt, dürfte es in China zu Volksaufständen kommen.

    Können sich die USA denn einen Wirtschaftskrieg leisten, wo sie doch gerade mit China in der Nordkorea-Krise zusammenarbeiten müssten?

    Das große Problem dabei ist ja auch, dass es sich hier um die größten Militärmächte der Welt handelt. Die USA haben mit Abstand das größte Militär der Welt. Die Chinesen sind auf Platz Zwei, obwohl ihr Militäretat nur ein Drittel von dem der USA beträgt. Damit ist Chinas Etat aber immer noch dreimal so groß wie der Russlands. Ich denke auch, dass der Konflikt um Nordkorea in Wirklichkeit ein Fingerhakeln zwischen den USA und China ist.

    Kurios ist, dass die USA wiederum der größte Schuldner Chinas sind. Können die US-Amerikaner es sich leisten, die Hand zu beißen, die sie füttert?

    Das ist wirklich absurd. Die beiden Länder sind so voneinander abhängig wie siamesische Zwillinge. Wenn der Eine mit dem Fuß tritt, kann der Andere mit dem Kopf zurückschlagen. Die werden sich nie voneinander lösen können. Aber Beide haben enorme innere Probleme und versuchen das Beste für sich herauszuholen. Allerdings hat das inzwischen eine gefährliche Eskalationsstufe erreicht, angefangen von den Konflikten im Südchinesischem Meer bis hin zu Nordkorea.

    Hätte ein Handelskrieg USA vs. China Auswirkungen auf die Weltwirtschaft?

    Die drittstärkste Wirtschaftsmacht ist ja die EU und die würde auch von einem Handelskrieg zwischen den USA und China betroffen sein. Das sieht man ja auch bei den Russland-Sanktionen der USA, die Russland wohl weniger treffen werden als die EU. Das sind dann so "side effects". Die Amerikaner tun im Moment alles, ihren Konkurrenten zu schaden.

    Könnte sich dann möglicherweise die EU mit China gegen die USA verbünden?

    Das wäre mittelfristig denkbar, aber würde die großen Probleme im weltweiten Finanzsystem auch nicht lösen. Diese Blasen, die sich da auf den Anleihe- und Aktienmärkten und im Schattenbankensystem aufgebaut haben, werden irgendwann zwangsläufig platzen. Das lässt sich nicht mehr vermeiden. Die großen Nationen könnten nur versuchen, dem zuvorzukommen, indem sie einen Krieg entfachen.

    Das neue Buch von Ernst Wolff „Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“ erscheint am 11. September im Verlag edition e. wolff.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview zum Nachhören:

    Zum Thema:

    USA und der "Westen"- too big to fail?
    Russischer Gastransport in EU von USA nicht ersetzbar - Botschafter nennt drei Gründe
    Darum nennt russischer Sicherheitspolitiker die USA „verlierende Supermacht“
    Jenseits des Verstehens: Moskau über angebliche Giftstoff-Lieferungen der USA an IS
    Iran droht USA mit Atomprogramm
    Außenamt: USA und Briten beliefern Terroristen in Syrien mit Giftstoffen
    Tags:
    Handelskrieg, Ernst Wolff, Armin Siebert, Nordkorea, Russland, China, USA
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren