06:39 02 April 2020
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    Wer versucht, sein Geld online gewinnbringend anzulegen, muss oft feststellen, dass er es nie wieder sieht. Darauf machen Betroffene aufmerksam. Alternative Anlagen sind durch die Niedrigzinspolitik der im Euroraum seit 2008 interessant. Doch sogenannte Online-Broker scheinen oft Betrüger. Die EU-Behörden fühlen sich nicht zuständig.

    Ruth Beyer (Name von der Redaktion geändert), selbst Geschädigte, berichtete gegenüber Sputnik ihre Geschichte: „Ich war schon seit circa zehn Jahren mit Online-Trading beschäftigt. Ich bin also kein Neuling. Mein alter Broker ging insolvent und ich wurde von einem anderen Broker angesprochen, ob ich dort ein Konto eröffnen möchte.“ Sie sei mit einem hohen Bonus geködert worden. „Erst machte ich einige Gewinne und wollte dann meine Einlage wieder abheben. Ich habe also die Auszahlung beantragt, aber die wurde nicht durchgeführt. Als Begründung gab es ein allgemeines Standardschreiben, in dem der Broker den Kunden angebliche Vertragsverletzungen unterstellte. Dieser eine Brief ging an alle betroffenen Kunden. Mein Geld habe ich nie wieder gesehen.“

    Im Internet hat Ruth Beyer eine Facebook-Gruppe für Betroffene gegründet. Über 600 Leidensgenossen habe sie dort kennen gelernt. Bis zu 30.000 Euro seien den Menschen teilweise auf diese Art entwendet worden. Der durchschnittlich verlorene Betrag in dieser Gruppe liege um die 10.000 Euro.

    Claudia Zimmermann recherchierte intensiv zu dem Thema kriminelle Online-Broker. Sie hat gerade ihr Buch „Terroristen der Finanzmärkte“ zu dem Thema veröffentlicht. Die Journalistin berichtete gegenüber Sputnik: „Im Internet finden sie unter dem Suchbegriff ‚Online Broker‘ hunderte Webseiten, viele auch auf Deutsch. Wenn sie sich diese Webseiten anschauen, dann bekommen sie den Eindruck, dass das sich um seriöse Unternehmen handelt. Hinter diesen vielen Webseiten stecken oft einige wenige große internationale Holdings, die sehr clever organisiert sind. Viele dieser Online-Webseiten befinden sich tatsächlich in Zypern. Wenn man Geld anlegt und Gewinn macht, werden die Konten blockiert und leer geräumt.“

    Broker-Opfer verlieren oft fast alles

    Die Organisationen, die hinter diesen Online-Broker-Webseiten stecken, seien besser organisiert als die größten terroristischen Organisationen, so Zimmermann. Bei Terroristen würde man meistens an Organisationen denken, die Menschen töten möchten – in diesem Sinne gehe es „halt um Terroristen der Finanzmärkte, die Menschen finanziell teilweise bis auf den letzten Cent ausnehmen“. Eine Betroffene, die sich bei ihr gemeldet habe, habe eine halbe Million Euro und damit ihren umgebauten Bauernhof als Wohnstatt verloren.

    Diese Machenschaften würden durch die EU-Gesetzgebung möglich gemacht, durch das sogenannte MiFID-Gesetz (Richtlinie 2004/39/EG über Märkte für Finanzinstrumente). Danach können sich Finanzdienstleiter in einem EU-Land registrieren lassen und haben dann die Möglichkeit, in ganz Europa Finanzdienstleistungen anzubieten. Inzwischen sei bekannt, dass die Aufsichtsbehörden von Zypern ihrer Aufgabe nicht so nachkommen wie sie sollten. Es gebe Vermutungen, dass dort Vetternwirtschaft betrieben werde oder die Behörden überfordert seien, so Zimmerman. Broker-Opfer Beyer betonte, dass die zypriotische Behörde personell unterbesetzt sei. Sie bestehe aus 30 bis 40 Leuten, müsse aber 288 Firmen beaufsichtigen.

    „Die kriminellen Online-Broker sind besser organisiert als die Behörden und als die Polizei, das steht fest“, weiß Zimmermann.

    Die Staatsanwälte in unterschiedlichen Städten würden untereinander nicht zusammenarbeiten. Diese Fälle würden zwar meistens bei einer der Staatsanwaltschaften in Deutschland landen. Die stelle dann aber fest, dass die tatsächlichen Firmen dahinter in Zypern registriert seien und teilweise über Holdings auf den Britischen Jungferninseln, Mauritius, Belize oder den Seychellen beheimatet seien. Daraufhin würden sie dann den Fall schließen, weil dies zu viel Arbeit für die Behörden bedeuten würde. Eine Möglichkeit einzugreifen läge bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), auch da nur indirekt. Dies würde aber nicht gemacht.

    Versagen die Behörden?

    Zimmermann berichtete: „Es ist nicht im Sinne der Behörden, dass an die große Glocke zu hängen. Das würde ja bedeuten, dass diese Finanzdienstleister in Europa Schlupflöcher nutzen, um Kunden über das Ohr zu hauen. So würde ein europäisches Problem offengelegt und daran haben die Behörden kein Interesse.“ Ihr Fazit: „90 Prozent der Broker die online sind, sind kriminell.“ Sie würden teilweise die Kurse manipulieren, was zum totalen Verlust der Anlagen führen könne. Zwar wurde im Juli eine Gruppe von Geschädigten im EU-Parlament gehört. Passiert sei bisher aber noch nichts.

    "Auf Druck der europäischen Behörden hat Zypern irgendwann Bußgelder verhängt“, so Beyer. „Aber Bußgelder sind keine abschreckende Maßnahme. 200.000 oder 300.000 Euro zu zahlen, das ist Nichts für einen Broker. Die einzige wirklich abschreckende Maßnahme gegen diese Praxis wäre der Lizenzentzug."

    Bolle Selke

    Das Interview mit Claudia Zimmermann zum Nachhören:

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