05:41 20 September 2017
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    „Damoklesschwert“ US-Sanktionen: Deutsche Wirtschaft wehrt sich

    © AP Photo/ Ted S. Warren
    Wirtschaft
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    Die deutschen Unternehmen in Russland lehnen das neue US-Sanktionsgesetz, das Anfang August beschlossen wurde, einhellig ab. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), die von AHK-Präsident Rainer Seele und dem AHK-Vorstandsvorsitzenden Matthias Schepp am Mittwoch in Moskau vorgestellt wurde.

    An der Befragung haben 193 Unternehmen mit Russland-Geschäft teilgenommen. Auf die Frage „Wie beurteilen Sie die neuen US-Sanktionen gegen Russland?“ haben 97 Prozent mit „eindeutig negativ“ oder „eher negativ“ geantwortet, so die AHK-Repräsentanten in Moskau.

    Nord Stream 2 im Visier

    Die US-Strafmaßnahmen richten sich konkret gegen das Pipelineprojekt Nord Stream 2, das russisches Gas in die EU transportieren soll. Das unterstrich AHK-Präsident Seele, Vorstandsvorsitzender und CEO des europäischen Energiekonzerns mit österreichischen Wurzeln OMV. Die Sanktionen der USA richten sich gegen alle internationalen Firmen, die mit staatsnahen Unternehmen oder Entscheidungsträgern in Russland zusammenarbeiten. An erster Stelle stehen dabei Firmen, die am Bau, Instandhaltung oder Modernisierung russischer Exportpipelines beteiligt sind.

    „Ganz konkret geht es auch um das Projekt Nord Stream 2. Dieses große europäische Projekt tragen gemeinsam russische Unternehmer und europäische Partner – das sind Energiekonzerne aus Deutschland, Österreich, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden. Ich kann mich des Eindrucks wirklich nicht erwehren, dass unser Projekt Nord Stream 2 auf halber Strecke verhindert werden soll, damit US-amerikanische Unternehmen teureres Flüssiggas nach Europa liefern und Arbeitsplätze in den USA geschaffen werden.“

    Folgen für Unternehmen und Projekte

    Die europäischen Partner des russischen Unternehmens Gazprom bei Nord Stream 2 könnten genötigt sein, wegen der Sanktionen das Finanzierungsschema des Projekts zu überdenken. Das gab Seele zu bedenken. „Bei Nord Stream 2 gehe ich davon aus, dass der mal angedachte Anteil der Projektfinanzierung in Höhe von 70 Prozent nicht mehr realisierbar ist. Das ist die Lenkwirkung dieser Sanktionen. Wir werden uns natürlich in diesem Projekt wesentlich stärker an asiatische Banken, aber auch an russische Banken wenden.“

    Über die Hälfte der befragten Unternehmen (52 Prozent) gaben an, von den Sanktionen potenziell betroffen zu sein. Zwei Drittel erwarten dadurch Umsatzeinbußen, die von 12 Prozent als deutlich eingeschätzt werden. Für ein Drittel der Firmen ist noch unklar, ob die Sanktionen Auswirkungen auf laufende Projekte haben, so AHK-Vorstandsvorsitzender Schepp.

    „Das alles sind schlechte Nachrichten. Aber hier gibt es eine gute Nachricht. Die deutsche Wirtschaft hält auch angesichts der neuen Sanktionen an Russland als Markt eindeutig fest.“

    Fast drei Viertel der befragten Unternehmer wollen laut Schepp an ihren Aktivitäten und Investitionen in Russland festhalten und von ihren bisherigen Plänen nicht abweichen.

    „Wie ein Damoklesschwert“

    Aber schon jetzt berichten die Firmen laut den AHK-Repräsentanten von Zurückhaltung der Investoren, Rücktritten von Projekten sowie lähmender Unsicherheit und geringer Risikobereitschaft. Das Schlimmste bei den Sanktionen sei es, dass nicht genau absehbar sei, wie tief sie tatsächlich greifen werden, betonte Schepp: „Die beschlossenen, aber noch nicht angewandten Sanktionen schweben wie ein Damoklesschwert über den deutschen Unternehmen.“

    Wie die AHK-Umfrage zeigt, beeinträchtigen die US-Sanktionen nicht nur den Energiesektor, sondern auch die gesamte Wirtschaft. Sie treffen Maschinenbau, Bauunternehmer, Konzerne wie Mittelständler und Kleinfirmen. Sie bremsen Entwicklungsprojekte, verhindern Kooperation für Modernisierung, machen Bündnisse für gemeinsame Wirtschaftsräume etwa zwischen Lissabon und Wladiwostok unmöglich. Fast drei Viertel der befragten Unternehmen fordern die deutsche Bundesregierung und die EU auf, mit Gegenmaßnahmen zu reagieren, falls europäische Firmen tatsächlich von US-Sanktionen getroffen werden.

    Europäische Politik zu Widerstand aufgefordert

    AHK-Präsident Seele erklärte in Moskau: „Wir appellieren im Namen der deutschen Wirtschaft in Russland an die Bundesregierung und an die EU-Kommission, Gegenmaßnahmen gegen die US-Sanktionen einzuleiten. Um Sicherheit zu schaffen, brauchen wir konstruktive Schritte – sowohl für die deutsche als auch für die gesamte europäische Wirtschaft, für gemeinsame Wirtschaftsräume der Zukunft, für die gesicherte Energieversorgung der Europäischen Union.“ Aber auch die russische Politik sei gehalten, nicht weiter an der Sanktionsschraube zu drehen, betonte Seele.

    Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) ist die Interessensvertretung deutscher Unternehmen in Russland und russischer Unternehmen in Deutschland und Teil des weltweiten AHK-Netzwerks. Die AHK Russland hat momentan rund 800 Mitgliedsunternehmen.

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    Tags:
    Aufhebung, Sanktionen, Nord Stream-2, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK), OMV, Deutschland, USA, Russland
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