18:13 11 Dezember 2017
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    Börse in Frankfurt (Archivbild)

    „Germany first“: Dax-Rekord auf Kosten der anderen?

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    Wirtschaft
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    Der deutsche Leitindex hat in dieser Woche einen neuen Allzeit-Hoch erreicht. Der Grund dafür ist nach Expertenmeinung der enorme Exportüberschuss. Aber der Rekord hat Schattenseiten. Am Erfolg der deutschen Wirtschaft leiden andere EU-Staaten.

    12.975 Punkte – so hoch wie am Mittwoch kletterte der Leitindex noch nie. Laut des Ökonomen Rudolf Hickel machen die 30 Dax-Unternehmen derzeit vor allem im Ausland sehr hohe Profite. „Man muss sehen, dass allein diese 30 Konzerne in den letzten drei Monaten allein 40 Milliarden an Gewinnen eingefahren haben“, sagt der ehemalige Leiter des Instituts für Arbeit und Wirtschaft in Bremen. „Wenn man etwas ironisch auf Donald Trumps „America first“ anspielt, dann redet Deutschland wenig darüber, aber die Stärke der Dax-Konzerne sei Ausdruck von „Germany first“.

    Hälfte der Dax-Dividende landet im Ausland

    Für die Unternehmen und ihre Aktionäre sei das gute Abschneiden natürlich toll. „Aber die These, dass der Wohlstand für alle geschaffen wird, ist natürlich Unfug“, ermahnt Hickel. Wer keine Aktien habe, bekomme auch keine Dividende und habe nichts vom Dax-Hoch. In diesem Zusammenhang weist der Ökonom auf eine interessante Entwicklung hin. Auch internationale Investoren haben inzwischen registriert: Mit Dax-Unternehmen lassen sich große Profite machen. Knapp die Hälfte der Dividende landet deshalb im Ausland, sagt Hickel: „Bei Daimler oder bei Banken sitzen etwa amerikanische Investment- und Hedge-Fonds mit drin, aber auch Staatsfonds aus Katar oder anderen Emiraten.“

    Entscheidend für das Dax-Hoch sei aber vor allem die Niedrig-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank. „Deshalb sind Bundesanleihen, bei denen es für eine Anlage von zehn Jahren 0,5 Prozent gibt, für Anleger uninteressant. Alles drängt in Immobilienmärkte und in Dax-Märkte“, erklärt Hickel. Das treibe die Kurse nach oben, sei spekulativ und habe letztlich mit der Basis guter ökonomischer Entwicklung nichts zu tun, warnt Hickel. Laut Hickel geht ein Drittel des Dax-Kurses auf Spekulationen zurück.

    Zudem kann Deutschland sich auf seine Exportstärke verlassen. Grund dafür ist der verhältnismäßig schwache Euro. Das finden aber nicht alle gut. „Was an Gewinnen bei den Dax-Unternehmen eingefahren wird, das geht bei Unternehmen in Italien, Belgien und Frankreich verloren“, erklärt Hickel.

    „Je besser sich „Germany first“ durchsetzt, desto mehr verdrängen deutsche Exporte die Produktion aus anderen Ländern. Die EU kann darüber gar nicht jubeln, genauso wenig die Europäische Zentralbank. Es ist nämlich ein Ausdruck einer Spaltung, die in dem Moment zugunsten Deutschlands ausgeht.“

    „Es gibt zwei Problemländer in der Weltwirtschaft“

    Nicht ganz so negativ sieht es Folker Hellmeyer. Der Chefanalyst der Bremer Landesbank sieht neben Deutschland auch die Volkswirtschaften Portugals, Frankreichs und Italiens auf Genesungskurs. Mit dem Blick nach vorne verfinstert sich Hellmeyers Miene: „Wir freuen uns jetzt über die historischen Höchstmarken, aber die Nachhaltigkeit dieses Niveaus steht in Frage – maßgeblich geopolitisch.“

    Der Volkswirt verweist auf die Situation in Nordkorea, aber auch auf Katalonien. Dann schaut er auf die Weltwirtschaft: „Es gibt zwei Problemländer in der Weltwirtschaft, wenn wir über große Länder reden und das sind die USA und Großbritannien.“ In den USA sei der Wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre vor allem durch Kredite finanziert worden:

    „Die Nachhaltigkeit dieses Systems, wenn alles auf Kredite basiert ist, ist nicht sehr ausgeprägt.“ Ähnlich sehe es – bedingt durch den Brexit – im Vereinigten Königreich aus: „Hier ein Kredit basiertes – in Europa dagegen ein Einkommen basiertes Wachstum.“

    „Dann kriegen wir schweren Schnupfen“

    Sollten die USA und Großbritannien weiter schwächeln, dann hätte das Augenblicklich große Konsequenzen für die Finanzmärkte. Hellmeyer weiß:

    „Wenn sich die derzeit hohen Bewertungsniveaus an den Finanzplätzen New York und London nicht aufrecht erhalten lassen, dann hat das eine Rückkopplung auf europäische Märkte.“ Dann sinke bei Investoren die Bereitschaft, auf riskante Anlagen wie Aktien zu setzen. Dann wird das ausländische Kapital von den Dax-Unternehmen wieder abgezogen. „Dann kriegen wir mindestens auch einen schweren Schnupfen“, prognostiziert Hellmeyer.

    Das komplette Interview mit Prof. Hickel zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Volker Hellmeyer zum Nachhören:

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    Tags:
    Interviews, Unternehmen, Börse, Export, DAX, Donald Trump, Katalonien, Nordkorea, Deutschland
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