12:32 11 Dezember 2017
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    Ungleichheit (Arhivbild)

    Was hilft gegen die zunehmende soziale Ungleichheit?

    © AP Photo/ Alvaro Barrientos
    Wirtschaft
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    Für die aktuellen Tendenzen der Ungleichheit in der Gesellschaft gibt es sowohl politische als auch ökonomische Ursachen, sagt der Mathematiker und Autor Per Molander im Sputnik-Interview. In seinem neuen Buch "Die Anatomie der Ungleichheit" analysiert er die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme und fordert mehr staatliche Eingriffe.

    „Die Globalisierung des ökonomischen Systems hat die Machtverhältnisse verändert, sowohl global als auch innerhalb der Europäischen Union“, stellt Molander im Interview fest.

    Der schwedische Mathematiker verweist darauf, innerhalb der EU werde von vier Freiheiten gesprochen: freie Bewegung der Waren, der Dienste, der Arbeit und des Kapitals. Das würde zwar symmetrisch und gerecht klingen, sei es aber nicht. In Wirklichkeit habe das Kapital eine höhere Mobilität als die Arbeitskraft und könne deshalb seine Macht auf Kosten der Arbeitskraft vergrößern.

    Politische Entscheidungen hätten diese Entwicklung befördert, so Molander. Er berät anderem die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Europäische Kommission in Verteilungsfragen. Im Interview blickte er zurück:

    „Mit den Machtübernahmen von Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten begann ein neuer Zeitabschnitt in der ökonomischen Geschichte: Das Ende des Keynesianismus und der Anfang des Monetarismus. Das bedeutet in der Praxis: Steuersenkungen für die höheren Einkommensschichten, Entfernungen von Marktregelungen und Marktmechanismen innerhalb des Öffentlichen Sektors und so weiter – kurzum ein schrumpfender Staat und ein wachsender Markt.“

    Wachsende Ungleichheit in der OECD

    Der Experte für Verteilungsfragen ist erstaunt, dass auch Liberale der politischen Mitte und teils auch Sozialdemokraten diese Ideen übernommen hätten. Es sei eine Tatsache, dass die Ungleichheit in den OECD-Ländern gewachsen sei. Dies zeige sich in verschiedenen Bereichen: Einkommen, Vermögen, Machtnetzwerken und Ähnlichem.

    Um solch eine Ungleichheit zu messen, werde der sogenannte Gini-Koeffizient verwendet, der den Abstand zwischen der aktuellen Verteilung und einer rechnerisch absoluten Gleichheit darstellen soll. Ein Gini-Koeffizient von Eins bedeutet, dass ein einziger Mensch das gesamte Vermögen besitzt, und eine Null bedeutet absolute Gleichheit. Einen besonders hohen Gini-Koeffizienten gebe es in Südamerika und Südafrika. Unter den OECD-Ländern seien die USA das Land mit dem höchsten Gini-Koeffizienten.

    Auch in der Politik werde das Thema mittlerweile ernster genommen. Schlagworte seien aber eine Sache, praktische Politik eine andere. Molander war in leitender Position an Reformprojekten in den Bereichen der Wohlfahrts- und Haushaltspolitik sowie des Umweltschutzes für die schwedische Regierung beteiligt. Er erläutert:

    „Die politische Rechte möchte diese Frage natürlich am liebsten von der Agenda entfernen. Die Liberalen in der politischen Mitte erkennen meistens an, dass Ungleichheit eine legitime Frage auf der Tagesordnung ist, aber im Allgemeinen sind sie zu optimistisch. Sie glauben, dass die Ungleichheiten, die sie in einer Gesellschaft finden – Unterschiede beim Vermögen zum Beispiel – der Arbeitswilligkeit entsprechen. Dass das nicht der Fall ist, habe ich in diesem Buch bewiesen. Meiner Meinung nach ist die Sozialdemokratie die einzige von diesen drei Richtungen, die das Problem richtig verstanden hat und auch ernsthaft Maßnahmen dagegen diskutiert."

    Auch Deutschland ist von einer zunehmenden Ungleichheit betroffen. Einigen Deutschen gehe es sicher ganz gut, so Molander, aber nicht allen. Deshalb müssten auch hier Verteilungsfragen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Ökonomisches Wachstum verbessere nicht automatisch die Lebensverhältnisse für alle in der Gesellschaft. Notwendig sei ein „reichhaltiger Werkzeugkasten“: „Es genügt nicht, die Möglichkeiten auszugleichen. Man muss auch die Ergebnisse ausgleichen – mit Hilfe von Steuern, Transfersystemen, Sozialversicherungen und dergleichen.“

    Bolle Selke

    Das Buch „Die Anatomie der Ungleichheit – Woher sie kommt und wie wir sie beherrschen können“ von Per Molander ist im September im Westend Verlag erscheinen.

    Das komplette Interview mit Per Molander zum Nachhören:

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    Tags:
    Interview, Buch, Analyse, Globalisierung, OECD, IWF, Ronald Reagan, Margaret Thatcher, USA, Großbritannien, Schweden
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