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23:34 21 September 2019
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    Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann (i.d.Mitte)

    Air Berlin-Chef kassiert Millionen trotz Pleite: Moralisch fraglich – aber legal

    © REUTERS / Stefanie Loos
    Wirtschaft
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    4,5 Millionen Euro Gehalt kassiert Air Berlin-Vorstandsvorsitzender Thomas Winkelmann bis 2021. Das Geld bekommt er, obwohl Deutschlands zweitgrößte Airline insolvent ist und zerschlagen wird, etwa 8000 seiner Mitarbeiter um ihre Zukunft bangen und 200.000 Flugtickets praktisch wertlos sind. Möglich macht das eine Versicherung.

    „Den Letzten beißen die Hunde“, so ein altes Sprichwort. Ein anderes sagt: „Am Ende ist sich jeder selbst der nächste“. „Der kluge Mann baut vor“, erklärt ein weiteres. Sicher will das eigentlich niemand mehr hören. Aber sie sind dieser Tage hoch aktuell.

    Als Winkelmann im Februar den Posten bei der schon damals angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin übernahm, schwante dem Topmanager offenbar nichts Gutes. „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“, dachte er sich vielleicht und ließ sein Grundjahresgehalt von 950.000 Euro plus Mindestboni von 400.000 Euro durch eine Bankgarantie absichern – insgesamt 4,5 Millionen Euro bis 2021.

    Gewerkschaft: „Unanständiges Verhalten“

    Air Berlin
    © Flickr / Martin Teschner
    Für Winkelmanns zukünftige Ex-Mitarbeiter ist das ein Schlag ins Gesicht. Sie stehen vor einer ungewissen Zukunft. Das zeigten die Air Berlin-Beschäftigten am Montag auf einer Demonstration am Berliner Flughafen Tegel: „4,5 Mio für Winkelmann! Für uns Hartz IV“ stand auf einem Plakat zu lesen. 

    Daniel Flohr, Sprecher der Industriegewerkschaft Luftverkehr (iGL), legte gegenüber Sputnik nach: „Dass man sich dieses Gehalt absichert und alle anderen 7.999 Mitarbeiter das nicht haben können, das ist einfach unanständig. Da ist man ein Gleicher unter Gleichen – das geht einfach nicht.“

    Experte: „Absolut legales Geschäft“

    Was moralisch „nicht geht“, ist praktisch keine große Sache. Versicherungskaufmann Rolf Villmer erklärte dazu: „Es handelt sich um eine Gehaltssicherung über eine Bankgarantie. Die kann jedes Unternehmen abschließen, das ist durchaus üblich.“ Villmer ist IHK-Prüfer für Kaufleute. Winkelmann habe „das sehr intelligent eingefädelt. Wenn man in ein angeschlagenes Unternehmen wechselt, dann möchte man sich sicher sein, auch in Zukunft Gehalt zubekommen. Das ist durchaus üblich.“ 

    Große Bedingungen für eine solche Absicherung gebe es nicht: „Der Bank muss klargemacht werden, dass die Beiträge für diesen Vertrag gezahlt werden können. Üblicherweise arbeiten Unternehmen und Bank schon über einen längeren Zeitraum zusammen.“ Die Beitragshöhe liegt laut Villmer zwischen 0,75 bis einem Prozent im Jahr der Garantiesumme.

    „Die Gesamtsumme beläuft sich im Fall Winkelmann auf 4,5 Millionen Euro – also liegt der Beitrag für die Bankgarantie bei etwa 45.000 Euro im Jahr. Die Kosten übernimmt das Unternehmen. Das ist relativ günstig. Fest steht: Es ist ein absolut legales Geschäft. Die Banken bieten genau diese Geschäfte an. In diesem Moment hat die betreffende Bank mit sehr sauren Zitronen gehandelt. Herr Winkelmann ist fein raus.“

    Juristisch lässt sich dem früheren Lufthansa-Manager also nichts vorwerfen.

    Raffgier nicht nur bei Winkelmann

    Moralisch sind sich viele Topmanager selbst die nächsten. Schon häufig wurde gerade dann richtig abkassiert, wenn es den Unternehmen an den Kragen ging. Der bekannteste Fall ist Klaus Esser. Der war Vorstandsvorsitzender der Mannesmann AG – bis zur feindlichen Übernahme durch Vodafone im Jahr 2000. Das britische Unternehmen zahlte 190 Milliarden Euro. Bis heute gilt dieser Deal als größte Übernahme aller Zeiten. Auch für Esser war es ein „Big Deal“: Er kassierte im Rahmen der Übernahme 59 Millionen D-Mark. Wegen dieser Zahlungen kam es zum so genannten „Mannesmann-Prozess“ gegen Esser und mehrere deutsche Topmanager. Das Verfahren wurde im Jahr 2006 nach Zahlung einer Geldauflage in Millionenhöhe eingestellt.

    Air Berlin (Archivbild)
    © REUTERS / Axel Schmidt

    Ein weiteres Beispiel von moralischer Ungerechtigkeit ist Ex-VW-Chef Martin Winterkorn. Der kassierte trotz des Abgas-Skandals Boni in Millionenhöhe und bekommt bei Volkswagen eine lebenslange Betriebsrente von gut 3000 Euro – am Tag. Dem Drogerie-Unternehmer Anton Schlecker und seinen Kindern drohen wegen Bankrott-Verschleppung aktuell sogar Gefängnisstrafen. Dagegen ist der Air Berlin-CEO Winkelmann mit seiner Gehaltsvorzahlung ein Lamm. Oder, um mit einem Sprichwort zu enden: „Winkelmann ist nur ein kleiner Hecht im Karpfenteich.“

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit dem Versicherungsexperten Rolf Villmer zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit iGL-Vertreter Daniel Flohr zum Nachhören:

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    Tags:
    Insolvenz, Chef, Gehalt, Entschädigung, AirBerlin, Air Berlin, Thomas Winkelmann, Deutschland