03:20 17 Dezember 2017
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    Istanbul, Türkei (Archiv)

    Istanbul-Konstantinopel wird von Europa geschieden

    CC BY-SA 2.0 / Pedro Szekely / Istanbul
    Wirtschaft
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    Ein „Wahnsinnsprojekt“ nennt der türkische Präsident Erdogan sein eigenes Vorhaben: eine Wasserstraße parallel zum Bosporus soll den europäischen Teil Istanbuls in eine Insel verwandeln und somit von Europa abtrennen. Ob Erdogan mit dem Bau auch historische Parallelen ziehen will, ist unklar – die Symbolwirkung verfehlt er bestimmt nicht.

    Die Idee eines Kanals, der parallel zum Bosporus verlaufen würde, schleppt der türkische Präsident Erdogan seit Jahren schon mit sich: 2011 brachte er den Vorschlag eines „Istanbul-Kanals“ zum ersten Mal ins Gespräch, wie die Zeitschrift „Expert“ schreibt.

    Dann war es still um die Idee, ganze sechs Jahre lang. Nun soll alles innerhalb von wenigen Monaten losgehen. Dass schon zum Jahresende, spätestens Anfang nächsten Jahres mit den Bauarbeiten begonnen werde, erklärte der türkische Staatschef laut dem Blatt bei seinem Serbien-Besuch im vergangenen Oktober.

    Die türkische Metropole, die heute in Europa und in Asien liegt, hieß vom 4. Jahrhundert bis 1930 Konstantinopel und war einst die Hauptstadt des Oströmischen Reichs. Eigentlich aber war das nur der Name der Stadt, die sich auf europäischem Boden befand – jener Teil des heutigen Istanbuls, der durch den künftigen Kanal von Europa abgetrennt würde.

    Der „Istanbul-Kanal“ wäre allerdings nur Teil einer ganzen Serie gigantischer Bauvorhaben, deren roter Faden sozusagen. Zu dieser Projektreihe zählt auch die Errichtung mehrerer Brücken und eines dritten Flughafens in Istanbul. Bis 2023 soll alles fertig sein, wie das Blatt schreibt. Dann nämlich feiert die türkische Republik ihr 100. Jubiläum.

    Nach Berechnungen regierungsnaher Ökonomen wird der Bau des Kanals die türkischen Steuerzahler zehn Milliarden US-Dollar kosten. Die Projektgegner sind indes laut der Zeitschrift überzeugt, dass die wirklichen Kosten um ein Vielfaches höher sein werden.

    Vom Schwarzmeer über den See Kücükcekmece ins Marmarameer soll die Wasserstraße verlaufen – auch durch Wälder, Wiesen und Süßwasserquellen: 43 Kilometer insgesamt.

    Für die Umweltschützer ist es laut dem Blatt kein Wahnsinns-, sondern ein Horrorprojekt. Der Kanal werde nämlich das empfindliche Gleichgewicht zwischen dem Schwarz- und dem Marmarameer stören, befürchten sie.

    Höchstwahrscheinlich werde das Kanalwasser den Schwefelwasserstoffgehalt im Marmarameer erhöhen. Ständiger Fäulnisgeruch über Teilen Istanbuls wäre die Folge. Gefährdet wären auch archäologische Stätten, ganze Fischarten und Süßwasserquellen, die heute 13 Stadtteile der türkischen Metropole mit dem kostbaren Nass versorgen.

    Die Regierung bringt nur ein Argument für den Bau des „Istanbul-Kanals“ vor, dafür aber ein gewichtiges, wie die Zeitschrift schreibt: Die Schifffahrt im Bosporus nehme ständig zu, es werde eng in der Meerenge. 53.000 Frachter und Tanker passieren den Bosporus jährlich – nicht auszudenken, was eine Kollision und ein Leck für die umliegende Großstadt bedeuten würde.

    Der Istanbul-Kanal solle die Gefahr für Menschenleben und das Kulturerbe erheblich reduzieren, versicherte der türkische Verkehrsminister Ahmet Arslan in einem Interview laut dem Blatt. Von einer Umweltkatastrophe durch den Bau des Kanals könne keine Rede sein, beteuerte er: Regierungsbehörden hätten bereits eine Risikoanalyse vorgenommen. Zudem würden auch Grünflächen entlang des Kanals angelegt werden.

    Die Befürworter des gigantischen Vorhabens sehen den Kanal auch als einen mächtigen Antrieb für die gesamte türkische Wirtschaft, wie „Expert“ schreibt. Die Wasserstraße werde die Türkei als internationalen Logistik-Hub stärken. Andere Wirtschaftsexperten zweifeln laut dem Blatt jedoch an den positiven Auswirkungen des Kanalbaus für die Wirtschaft und verweisen auf andere Großprojekte.

    Eins davon ist demnach die Osman-Gazi-Brücke im Osten der Metropole. Sie sollte andere Verkehrsadern der Stadt entlasten, doch nutzen die Istanbuler Autofahrer sie nur ungern: zu hoch sind die Gebühren für das Befahren der neuen Brücke, wie die Zeitschrift schreibt. Das einzige, was das Bauwerk einbringt, sind Verluste: über 350 Millionen Euro inzwischen.

    Die türkische Regierung rechnet jedenfalls damit, den Istanbul-Kanal durch zusätzliche Transitgebühren für die Reeder rentabel betreiben zu können. Unklar bleibt jedoch, wie das Blatt schreibt, warum die Frachtschiffe auf die kostenpflichtige Wasserstraße ausweichen sollen, wenn doch die kostenlose Nutzung des Bosporus in Friedenszeiten vertraglich garantiert ist.

    Mit den Umweltschützern und Wirtschaftsexperten spricht sich auch die türkische Architektenkammer gegen das Mega-Projekt aus. Sie droht der türkischen Führung sogar mit einer Gerichtsklage, sobald die Projektpläne veröffentlich sind. Ankara dürfte die Drohung jedoch kaltlassen, wie „Expert“ schreibt. Nach dem Putschversuch in der Türkei wird bekanntlich jede Initiative gegen die Regierung als oppositioneller Akt gewertet. Und mit der Opposition macht Ankara heutzutage laut „Expert“ kurzen Prozess.

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    Tags:
    Prognosen, Gefahr, Bau, Recep Tayyip Erdogan, Istanbul, Türkei