21:36 16 Dezember 2017
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    „Klassisches imperialistisches Machtdenken“ – Experte zu EU gegenüber China

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    Wirtschaft
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    Lang hat Kerneuropa um Deutschland seine östlichen Nachbarn vernachlässigt und auf China herabgeblickt. Nun darf es sich nicht darüber wundern, dass die Wirtschaftsmacht China die entstandenen Lücken mit seinem Kapital schließen und eigene Interessen in Europa durchsetzen will, sagt China-Experte Wolfram Adolphi.

    Anlässlich des „16+1“-Gipfels in Budapest, an dem neben China elf mittel- und osteuropäische EU-Staaten und fünf Nicht-EU-Länder aus dem Balkan teilnehmen, hat es in Brüssel besorgte Reaktionen gegeben.  Deutsche EU-Abgeordnete von SPD und CSU äußerten die Befürchtung, China wolle mit seinen Investitionen politischen Einfluss üben und die EU spalten.

    „Ich kann die Sorgen nachvollziehen, aber ich finde sie absurd. Denn dass man diese Sorgen haben kann, ist nur das Resultat einer verfehlten Europapolitik des westlichen Teils der EU. Wir haben eine EU-Entwicklung, die sich bisher ausschließlich an den Wirtschaftsinteressen der großen westeuropäischen Unternehmen orientiert hat, die eine gemeinsame Wirtschaftsentwicklung des gesamten europäischen Raumes total vernachlässigt hat“, sagt Wolfram Adolphi, China-Experte und ehemaliger PDS- und Linken-Politiker.

    Es gebe keine echte Wirtschaftsunion, keine soziale Union, keine Steuerunion, keine Versicherungsunion. Es gebe alles das nicht, was wirklich das Leben der Menschen betrifft. Dass nun Freiräume und Wünsche entstehen, Vorstellungen von Infrastrukturentwicklung und stärkerer Einbeziehung in den Welthandel, hält Adolphi für das Resultat einer verfehlten EU-Entwicklung insgesamt.

    „Das ist ein uralter Komplex, der vor allen Dingen hier in Westeuropa eine Rolle spielt: Investitionen aus den USA sind gut, Investitionen aus China sind schlecht. Ich bin sehr beunruhigt, dass man sich die Wirtschaftsbeziehungen seitens der EU immer nur konfrontativ vorstellen kann. Kaum tut jemand was, wird das sofort als Angriff auf das Eigene verstanden. Das geschieht, weil man nicht über eine echte Welthandelskonstruktion nachdenkt. Man stellt sich vor, dass die Wirtschaft sich zwar globalisiert, aber das alte Denken von miteinander konkurrierenden Zentren immer weiter gehen muss. Man empfindet das Tun des Anderen nicht als Bereicherung, über die man nachdenken muss – das ist klassisches kapitalistisches, imperialistisches Machtdenken.“

    Die westlichen Industrienationen hätten jahrhundertelang auf China herabgeblickt und es belächelt. Jetzt, da es sein selbsterwirtschaftetes Kapital einsetze, um politische Zustimmung zu erkaufen, seien sie total überrascht und schockiert. Dabei mache China eigentlich etwas für die kapitalistische Welt vollkommen Normales:

    „Es hat seine Wirtschaft entwickelt, es hat enorme Langzeitprogramme angelegt. Es hat einen politischen Apparat, der eine gezielte langfristige Wirtschaftsentwicklung unterstützt und ermöglicht. Das führt zu einer Wirtschaftsorganisation, die jetzt auch in der Außenpolitik ihren Ausdruck findet. China produziert unglaublich viel, für diese Produkte muss es Märkte finden. Selbstverständlich sucht und findet China diese Märkte in aus seiner Sicht klugen und völlig überzeugenden Projekten des weltweiten Einflusses.“

    Die Zahlen sprechen eine andere Sprache

    Laut einem Bericht des Mercator Institute for China Studies (MERICS) über die chinesischen Direktinvestitionen in den EU-Staaten für den Zeitraum 2010 bis 2014 ist es keineswegs so, als würde China hauptsächlich in ost- und mitteleuropäischen Staaten investieren. Zum Vergleich: Während China in Deutschland Investitionen von 6,872 Milliarden Euro tätigte und in Großbritannien sogar fast doppelt so viel, waren es in Ungarn gerade einmal 1,891 Milliarden Euro, in Polen 453 Millionen Euro. Warum sollen es also gerade die Investitionen in den ärmeren und strukturschwächeren Regionen Europas sein, die die EU angeblich spalten?

    „Es wird Aufregung erzeugt, die, wie sich an den Zahlen zeigt, künstlich ist und ein ganz bestimmtes Ziel hat. Das Kerneuropa um Deutschland stellt sich ein Europa vor, das nach seiner Pfeife tanzt, und ist beleidigt, erschrocken, alarmiert, wenn Andere mit ihrer Wirtschaftskraft in diese Dinge eingreifen. Deshalb gebrauchen sie solche hochideologisierten Konstruktionen, um Einheit zu forcieren. Aber das ist keine Einheit durch Verbindung der unterschiedlichen Regionen Europas, sondern eine Einheit, die von Deutschland aus dominiert wird“, erklärt Adolphi.

    Die Seidenstraße als Chance und nicht als Bedrohung

    In China sei die Erinnerung an die Alte Seidenstraße und die einstige Weltmachtrolle des eigenen Landes noch sehr präsent. Nun versuche man, diese wiederzubeleben und Gegenden, die jahrhundertelang voneinander getrennt waren, durch gemeinsamen Handel und neue Transportwege zu verbinden. Auch eine Annäherung zwischen der Europäischen Union und der neu entstandenen Eurasischen Wirtschaftsunion könnte auf diesem Wege befördert werden.

    „Da kann ich den Westeuropäern nur raten: Nehmt das Ganze offen auf, nehmt das nicht als Kriegserklärung und versucht nicht, darauf mit Instrumenten des Konflikts zu reagieren, sondern seht es als Chance auf eine Neustrukturierung der Weltwirtschaft, die überkommene westeuropäische und amerikanische Privilegien des Westens überwindet. Das wird zum Vorteil der Welt sein, denn diese Privilegien haben eine Ungleichheit in der Welt geschaffen. Wir haben nur diese eine Erde mit begrenzten Ressourcen, und die müssen wir gemeinsam nutzen.  Wir müssen sie vernünftig nutzen, und alle Teile der Welt müssen miteinbezogen werden“, appelliert der China-Experte an die westliche Welt.

    Ilona Pfeffer

    Das komplette Interview mit Wolfram Adolphi zum Nachhören:

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    Tags:
    Gipfel, Investitionen, Bedrohung, CSU, SPD, EU, Deutschland, China
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