09:34 14 November 2018
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    Züge der ukrainischen Eisenbahn (Archivbild)

    Abstellgleis statt EU-Tour: In ukrainischer Wirtschaft stehen alle Räder still

    © AFP 2018 / Odd Andersen
    Wirtschaft
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    Der neue Passagierwaggon des ukrainischen Bahnkonzerns war auch als Symbol gedacht. Das neue Design und vor allem die neue, europäische Spurweite sollten zeigen: Die Ukraine hat die Weichen für die EU-Aufnahme längst gestellt, der Übergang ist ohne Zwischenhalt möglich. Nur in der Praxis zeigt sich ein ganz anderes Bild.

    Die Strecke von Kiew nach Wien hatte der neue Waggon noch geschafft. Auf dem Rückweg aber fiel das Prestigeobjekt des ukrainischen Bahnkonzerns nach gerade mal 50 Kilometern unvermittelt aus, berichtet das Portal „rueconomics“. Wer von den Fahrgästen einen EU-Pass hatte, wurde mit Bussen in die nächstgelegenen Hotels gebracht; die anderen mussten es sich auf ihren Sitzen bequem machen. Nach 16 Stunden kam dann endlich ein Ersatzzug.

    Dieser Vorfall zeige allzu deutlich, wie es um die Ukraine wirklich steht, sagte der Politologe Bogdan Bespalko im Gespräch mit dem Portal: „Die ukrainische Industrie wird massiv abgebaut. Noch versucht die Wirtschaft des Landes, den Eindruck zu erwecken, als wäre sie am Leben. Doch das Ergebnis können wir sehen.“

    Sicher, bei technischen Abläufen kommen Unfälle schon einmal vor, das ist normal. Doch: „In Russland fahren längst Hochgeschwindigkeitszüge, und es ist nicht zu vernehmen, dass es irgendwo zu Ausfällen kommt. Aber dass die Ukraine mit ihrem riesigen Sowjeterbe nach nur einem Vierteljahrhundert nicht mal einen Eisenbahnwaggon auf die Reihe kriegt – dafür habe ich kein Verständnis“, so der Politologe.

    Überraschend sei dieser Zustand der ukrainischen Wirtschaft indes nicht: „Die ukrainische Führung ist durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen, sie führt einen Bürgerkrieg und wirtschaftet nur in die eigene Tasche. Unter solchen Umständen kann von Investitionen und Industrieförderung keine Rede sein. Wie soll das auch gehen, wenn der ukrainische Staat lieber überteuerte Steinkohle in den USA kauft als in den eigenen Regionen? Oder Gas nicht direkt aus Russland importiert, sondern lieber Zwischenhändlern in der EU noch eine Vermittlungsgebühr zahlt – einfach so, aus Prinzip.“

    Starthilfe auf Ukrainisch: Fahrgäste schieben Zug an

    Dass die Industrie und die gesamte Wirtschaft in der Ukraine immer weiter sinken, sei übrigens keine Zukunftsprognose – das finde heute schon statt, und zwar massiv.

    Derweil verkündet Kiew die Absicht, das gesamte Bahnnetz der Ukraine auf die europäische Spurweite umzurüsten, schreibt das Portal. Geschätzte Kosten: Mindestens 50 Milliarden Dollar. Und das bei einem Bruttoinlandsprodukt von insgesamt 90 Milliarden Dollar in 2016.

    Von der offensichtlichen Unrealisierbarkeit dieses Vorhabens mal abgesehen: „Man muss auf die alte Spurweite überhaupt nicht verzichten. In Russland fahren längst Züge, die die Spurweite beim Übergang automatisch ändern. Alle Bahnschienen im Land auszuwechseln und dafür unvorstellbare Kosten auf sich zu nehmen, das ist beim heutigen Stand der Technik nicht notwendig“, erklärt der Experte. Insofern sei das Vorhaben entweder eine Torheit oder ein großangelegter Betrug.

    Angesichts dieser Entwicklung hält der Experte fest: „Im besten Fall bleibt die ukrainische Wirtschaft auf dem heutigen Stand stecken. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Abstieg rasant weitergeht.“ Dabei sei auch keine Hilfe von Europa zu erwarten, denn europäische Konzerne brauchen keine neue Konkurrenz: „Warum sollte Siemens beispielsweise eine neue Fabrik in der Ukraine eröffnen, wenn der Konzern die Ukraine auch von Europa aus mit Bahntechnik versorgen kann?“

    Eine Zeit lang werde die ukrainische Wirtschaft noch für den Binnenmarkt etwas herstellen und vielleicht sogar nach Weißrussland und Kasachstan exportieren können. Aber: „Ohne Investitionen, ohne Forschung und Entwicklung, ohne kompetente Fachkräfte wird die ukrainische Industrie ganz bestimmt absterben – langsam und leise, aber unaufhaltsam“, so der Analytiker.

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    Tags:
    Eisenbahn, Ukraine