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    „Exportweltmeister Deutschland“: Wer davon am meisten profitiert

    © AFP 2018 / MAURIZIO GAMBARINI / DPA
    Wirtschaft
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    Die Schere bei den Einkommen in Deutschland ist seit der Wiedervereinigung weiter auseinander gegangen, meldet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin am Dienstag. Die Politik hat diese Entwicklung laut DIW gefördert. Vom Export-Boom profitieren nicht die Angestellten und auch nicht die unteren Einkommen.

    Laut den Wirtschaftsforschern haben die oberen zehn Prozent fast genauso viel wie die mittleren 40 Prozent der Bevölkerung. Der Anteil des reichsten Prozents der Bevölkerung am Volkseinkommen ist danach seit 1995 von acht auf 13 Prozent, so das DIW in einer Pressemitteilung. „Der Anteil der Spitzeneinkommen am Volkseinkommen ist in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre stark gewachsen. Dagegen hat sich der Anteil, den die Hälfte mit den geringsten Bruttoeinkommen erwirtschaftet, seitdem deutlich reduziert.“ Das seien wesentliche Ergebnisse einer Untersuchung, die im Rahmen des „World Inequality Reports“ für Deutschland auf Basis von Einkommensteuerdaten erstellt wurden.

    Die Daten können laut DIW seit der Einführung der Einkommensteuer zum Ende des 19. Jahrhunderts ausgewertet werden und zeigen auf, wie sich die Höhe und Verteilung der Brutto-Einkommen aus Lohn, Unternehmens- und Vermögenseinkommen über die Zeit entwickelt haben. Der Anteil der Spitzeneinkommen sei in den vergangenen 30 Jahren um 30 Prozent gestiegen. Die Zahlen beziehen sich auf die Brutto-Einkommen.

    Die Ungleichheit wird vom heutigen Steuer- und Transfersystem deutlich stärker reduziert als vor hundert Jahren“, erklärte DIW-Expertin Charlotte Bartels. „Allerdings haben die Steuerreformen der letzten 20 Jahre die Umverteilungswirkung des Steuersystems gedämpft.“ Diverse Studien würden zeigen, dass gerade Haushalte mit hohen Einkommen und Vermögen besonders stark entlastet werden.

    Vorschlag: Untere Einkommen an Unternehmensgewinnen beteiligen

    Der Einkommensanteil der ärmeren Bevölkerungshälfte sank laut DIW von 26 Prozent im Jahr 1995 auf knapp 17 Prozent im Jahr 2013. Gleichzeitig erhöhte sich der Einkommensanteil der reichsten 10 Prozent von 32 auf 40 Prozent. Der Anteil des obersten Prozents sei wahrscheinlich noch höher als die errechneten aktuell 13 Prozent.

    „Würde man die einbehaltenen Gewinne der Unternehmen dazurechnen, das heißt die Gewinne, die die Unternehmen seit Anfang der 2000er Jahre zunehmend im Unternehmen behalten, statt sie auszuschütten, wäre der Einkommensanteil des obersten Ein-Prozents höher.“ Im internationalen Vergleich liegt Deutschland derzeit zwar noch weit unterhalb der USA, wo das oberste Ein-Prozent rund ein Fünftel des Volkseinkommens erwirtschafte, aber schon gleichauf mit Großbritannien.

    „Wenn die Unternehmens- und Vermögenseinkommen schneller wachsen als die Lohneinkommen, profitieren vor allem die bereits Vermögenden“, stellt das DIW fest. Die Spitzenverdiener, die ihre Einkommen zum großen Teil aus Unternehmensbesitz beziehen, würden deutlich mehr vom wachsenden Außenhandel und der deutschen Stellung als Exportweltmeister profitieren als die Angestellten. „Wenn man politische Maßnahmen gegen eine zunehmende Spreizung der Markteinkommen in Deutschland ergreifen möchte, müsste man die Teilhabe unterer Einkommensgruppen an der Unternehmensrendite verbessern“, schlägt DIW-Expertin Bartels vor.

    Tilo Gräser

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    Tags:
    Daten, Studie, Ungleichheit, Einkommen, Steuer, Deutschland