18:24 21 Juni 2018
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    Wirtschaftsforum in Davos

    Es läuft zu gut, um ruhig zu bleiben – Finanzexperten in Davos

    © REUTERS / Denis Balibouse
    Wirtschaft
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    Banken und Investmentfonds sind besorgt: Irgendwie seien alle Anleger so entspannt, sagen viele Top-Manager und Analysten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wie die Zeitung „Wedomosti“ schreibt. Dabei könne die nächste Finanzkrise schneller kommen, als man denke.

    Es herrsche eine Stimmung, als ob alle Wirtschaftskrisen überwunden seien. Eine Ruhe sei das, bei der einem unwohl werde: „Wenn Menschen ruhig und zufrieden sind, passiert normalerweise etwas Schlimmes“, sagte David Rubinstein, Co-Gründer der Carlyle Group, laut der Zeitung auf einer Session in Davos. 

    „In der Wirtschaft sieht die Lage in der Tat gut aus. Doch die Geldpolitik ist so, als steckten wir immer noch in der Depression“, sagt Jes Staley, Vorstandsvorsitzender der Barclay's Bank.

    Und genau darin liegt das Problem. Sollten die Zentralbanken die Zinsen schlagartig erhöhen, würden viele Schuldner ihre Kredite nicht bezahlen können. „Die Märkte preisen solche Möglichkeiten nicht ein“, warnt Anne Richards, CEO von M&G Investments.

    Die Staaten hätten zu viele Schulden – und dabei seien noch geopolitische Risiken möglich, ergänzt Rubinstein laut dem Blatt.

    Wenn zusätzlich zum Leitzinsanstieg die Inflation zunehme, könnten Länder mit schwachem Wirtschaftswachstum und hohen Schulden – Italien oder Japan zum Beispiel – Probleme bekommen, warnt auch der Harvard-Professor Keneth Rogoff.

    Dabei zeigen die Wirtschaftsdaten laut dem Blatt eigentlich ein anderes Bild – eins, das nicht unbedingt zu Panik veranlasst: Nach Angaben des Weltwährungsfonds sind im vergangenen Jahr alle sieben großen Volkswirtschaften der Welt um rund eineinhalb Prozent gewachsen, darunter die USA, China und Deutschland.

    Zugelegt hat laut dem Blatt auch die Wirtschaft aller 45 OECD-Mitglieder – und zwar erstmals seit der letzten Finanzkrise. Überdies prognostiziert der IWF für die kommenden zwei Jahre ein BIP-Wachstum von rund vier Prozent.

    Die Weltwirtschaft scheint sich also zu erholen, so war es laut dem Blatt in anderen Krisenzyklen auch. Doch es gibt deutliche Unterschiede zu früheren Krisen und den darauffolgenden Erholungsperioden, schreibt die Zeitung.

    Einer davon: Erholt sich die Wirtschaft, werden Volkswirtschaft normalerweise offener. Doch im vergangenen Jahr haben die Regierungen insgesamt 642 protektionistische Maßnahmen eingeführt, so „Wedomosti“. Allein die USA haben 59 Prozent mehr Einschränkungen verhängt als noch 2016.

    Ein weiterer, sehr aussagekräftiger Unterschied: Die direkten Auslandsinvestitionen haben in 2017 weltweit um 16 Prozent abgenommen, wie laut dem Blatt aus einem Bericht der UNCTAD hervorgeht. Im selben Jahr ist auch der Wert aller neuen angekündigten Wirtschaftsprojekte in der Welt um ganze 32 Prozent eingestürzt – schlimmer war es nur im Jahr 2003.

    Und dann seien da noch die geopolitischen Risiken, warnt Tina Fordham, Chef-Analystin bei der Citigroup. „Die Politik sieht keinen Grund zur Sorge und macht sich deshalb wenig Gedanken darum, diese Risiken zu reduzieren“, sagt sie „Wedomosti“ zufolge in Davos.

    Beunruhigt ist auch Michael Corbat, Citigroup-CEO: „Wenn ein neuer Abstieg kommt – und er kommt bestimmt – wird er mit Sicherheit steiler sein, als wenn wir vorher etwas Dampf ablassen würden“, sagte er bei einer Diskussion in Davos.

    Es könne sogar passieren, dass die Märkte ohne ersichtlichen Grund eine Kehrtwende vollziehen, warnt der Ökonom Robert Schiller, Professor an der Yale University und Nobelpreisträger: „Es könnte so sein, dass es überhaupt keinen Auslöser gibt. Die Dynamik der Finanzblasen führt von sich aus dazu, dass sie platzen.“

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    Tags:
    Experten, Prognose, Zinsen, Wirtschaftskrise, Wirtschaft, Davos-Forum, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Harvard Universität, Barclay’s Bank, EU, Deutschland, USA, China, Davos, Schweiz
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