17:42 22 Februar 2018
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    Proteste gegen Stuttgart 21 (Archiv)

    „Teuerste Baustelle der Republik“: Kostet Stuttgart 21 mehr als BER?

    © AP Photo/ Daniel Maurer
    Wirtschaft
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    Die ewige Baustelle Stuttgart 21 (S21) wird noch teurer. Der Eröffnungstermin soll sich um ein weiteres Jahr auf 2025 verschieben. Werner Sauerborn vom Aktionsbündnis gegen S21 rechnet im Sputnik-Interview sogar mit mindestens 10 Milliarden Euro und geht von einem frühesten Eröffnungstermin im Jahr 2026 aus.

    Bisher wurde für die Umwandlung des alten Kopfbahnhofs in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof mit 7,7 Milliarden Euro Kosten gerechnet. Fertig sollte das Projekt zuletzt noch 2024 werden. Laut Spiegel-Informationen geht der Bahnvorstand nun aber von einer weiteren Kostensteigerung auf 8,2 Milliarden Euro aus. Der Termin für die geplante Fertigstellung soll demnach um ein weiteres Jahr nach hinten auf 2025 verschoben werden.

    Der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, Werner Sauerborn, sieht im Bekanntwerden der neuen Daten die Salamitaktik der Bahn am Werke. Er rechnet mit noch weiteren Kostensteigerungen:

    „Das ist so gut wie das Amen in der Kirche. Das ist nie und nimmer das Ende der Fahnenstange. Der Bundesrechnungshof hat schon vor drei Jahren gesagt, dass S21 zehn Milliarden kostet, und das wurde noch vor den letzten Entwicklungen – Bauverzögerung, bestehende Planfeststellung und Tunnelbohren in hochriskantem Stein Anhydrit – berechnet. Die Kosten werden deutlich über zehn Milliarden Euro betragen. Und die Bauzeit wird auch nicht bei 2025, wie jetzt zugegeben, enden, sondern es gibt schon bahninterne Unterlagen, die darauf hinweisen, dass auch die Bahn schon längst von 2026 ausgeht.“

    SPD und CDU befürworten das Bauprojekt der Deutschen Bahn. Für sie ist S21 alternativlos. Beide haben in den letzten Jahren in Baden-Württemberg empfindliche Wahlniederlagen eingefahren. Sauerborn führt das auch auf die Zustimmung zu S21 zurück. Für eine Stellungnahme waren die befürwortenden Parteien nicht zu erreichen. Die Linke wiederum hält Stuttgart 21 für „unwirtschaftlich“ und rechnet mit einem „Milliardengrab für die Deutsche Bahn“.

    Sabine Leidig, Bundestagsabgeordnete für die Linke, sieht Aufsichtsräte, die das Projekt auf dieser Basis fortführen würden, mit einem Bein im Gefängnis. Sie seien eigentlich verpflichtet, wirtschaftlichen Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Nun müsse der Eigentümer, der Bund, die Notbremse ziehen. Die Verkehrsexpertin der Fraktion die Linke fordert:

    „Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf vollständige Information und auf Alternativen. Wir fordern Offenlegung aller Gutachten, Baustopp und das alternative Konzept ‚Umstieg21‘. Damit würde die Baugrube genutzt, es könnte ein zeitgemäßer Bahnhof für die Hälfte der Kosten von Stuttgart21 verwirklicht werden – mit erheblich mehr Kapazität und Nutzen für den Bahnverkehr.“

    Einerseits scheint kein Ende der Kostensteigerung in Sicht zu sein, andererseits würde der neue Bahnhof aber mindesten 30 Prozent weniger Kapazität haben, wie Sauerborn erklärt. Aus einem sehr gut funktionierenden, leistungsstarken Kopfbahnhof mit 16 Gleisen würde ein Durchgangsbahnhof mit acht Gleisen gemacht. Er betont:

    „Stuttgart 21 war schon immer das teuerste Infrastrukturprojekt Deutschlands. Der Unterscheid zur Elbphilharmonie und dem BER ist, dass das immerhin in irgendeiner Weise sinnvolle Projekte sind. Die Elbphilharmonie war planerisch und kostenmäßig eine Katastrophe, aber ist am Ende ein tolles Konzerthaus. Wir bekommen bei diesen Unsummen einen kleineren Bahnhof. Und das ist der Gipfel des Absurden.“

    Zum Vergleich: Der Bau des Berliner Hauptbahnhofs hat insgesamt 1,2 Milliarden Euro gekostet. Auch er sollte ursprünglich viel billiger werden und nur etwa 300 Millionen Euro kosten. Der 2006 fertiggestellte Bahnhof wird für die Bahn immer ein Verlustbringer sein. Die Geschäfte bringen ihr jährlich nur eine Miete zwischen sechs und acht Millionen Euro – zu wenig, um die Baukosten jemals hereinzuholen.

    Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 protestiert weiterhin jeden Montag gegen das Milliardengrab S21. Am Montag den 22.01. traf man sich bereits zur 400. Montagsdemo. Laut Sauerborn waren 4000 Teilnehmer dabei.

    Das komplette Interview mit Werner Sauerborn zum Nachhören:

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    Geld, Proteste, Projekt, Stuttgart 21, CDU, Die LINKE-Partei, SPD, Deutsche Bahn, Baden-Württemberg, Stuttgart
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