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    „Die Welt ist überglobalisiert“ – Davos dient nur Effekthascherei

    © AP Photo / Markus Schreiber
    Wirtschaft
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    Der Chef der NGO „Forum Umwelt & Entwicklung“, Jürgen Maier, gibt dem Weltwirtschaftsforum in Davos keine Zukunft. Das Treffen dient nur einem exklusiven Club, der von der Globalisierung profitiert und versucht, Anderen die Regeln zu diktieren, sagt Maier im Gespräch mit Sputnik. Doch immer mehr Menschen lehnen diese Art der Globalisierung ab.

    Im Grunde sei ihm Davos egal, erklärt Jürgen Maier im Interview mit Sputnik. Denn das Weltwirtschaftsforum sei genauso ein Anachronismus und arrogante Selbstermächtigung wie andere internationale Zusammenkünfte von Industriestaaten wie zum Beispiel G7 oder G20:

    „Wenn man schon meint, man müsse die Globalisierung gestalten, dann wäre natürlich die normale Adresse die Vereinten Nationen. Aber wir haben auch andere globale Foren wie die Welthandelsorganisation, wo die großen westlichen Industrienationen seit vielen Jahren versuchen, eine Globalisierungsagenda durchzusetzen, die nicht mehrheitsfähig ist. Und weil sie das wissen, suchen sie sich dann eben andere Foren. Dann kommt Davos heraus, G20 …“ Entsprechend sähen auch die Gästelisten aus.

    Davos? „Die Leute glauben das nicht mehr“

    Veranstaltungen wie die in Davos sind aber vor allem ein Affront gegen alle demokratischen Werte, die von westlichen Regierungen so gern bemüht werden. Maier findet Davos zutiefst verlogen:

    US-Präsident Donald Trump bei Wirtschaftsforum in Davos
    © REUTERS / Carlos Barria
    „Wir haben in Davos eine ganze Reihe von Leuten, die seit Jahren erklären, so könne man nicht weitermachen, die Globalisierung sei am Ende, wir müssen das alles neu gestalten. Und danach fliegen sie wieder nach Hause und machen das, was sie die ganze Zeit immer gemacht haben, nämlich weiter so. Und ein Jahr später kommen sie wieder nach Davos und sind in den Schlagzeilen mit ihren schönen Interviews oder schönen Reden. Das ist Effekthascherei. Mich interessiert nicht, was die da in Davos erzählen, sondern die sollen einfach mal nach Davos sich anders verhalten, eine andere Politik machen. Ein ähnlicher Fall ist der kanadische Premierminister Trudeau, der auch wieder eine flammende Rede hielt, so könne man nicht weitermachen. Und am selben Vormittag verkündet er den Abschluss eines neuen Freihandelsabkommens, wo natürlich weiter so angesagt ist. Das ist verlogen. Das ist schizophren. Und die Leute glauben das auch nicht mehr.“

    Dies drücke sich dennoch nicht in einem wirklich breit angelegten Protest, den die Eliten nicht ignorieren könnten. Bislang müssen die Globalisierungsprofiteure den Eindruck haben, dass sie immer so weiter machen können, trotz hörbarer Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung, glaubt Maier:

    „Ich glaube, die denken immer noch, natürlich ist das ganze Projekt Globalisierung in der heutigen Form in der Krise, aber Krisen gibt es viele, und Krisen kann man managen. Und solange es kein kohärentes Alternativmodell gibt, was die Leute herausfordert, solange glauben sie, dass es weiter funktioniert. Aufhören mit dieser Politik werden sie erst, wenn sie keine andere Möglichkeit mehr haben. Noch glauben sie, ein paar Jahre geht es noch gut.“

    „Ein Weltmarkt für Milch ist Schwachsinn“

    Jürgen Maier steht zu seiner These, die Welt sei überglobalisiert. Das sei nicht einfach so dahingesagt, sondern dränge sich jedem unvoreingenommenen Betrachter geradezu auf, wie er im Sputnik-Gespräch erläutert:

    „Ja, wir haben zu viel Globalisierung. Man sieht das am allerbesten an den Agrarmärkten. Wir haben heute einen globalen Preiswettbewerb, einen globalen Konkurrenzkampf Aller gegen Alle. Es ist völlig klar, dass große, industrialisierte Strukturen diesen Preiskampf immer gewinnen und kleine regionale Bauern diesen Preiskampf immer verlieren. Jedes neue Freihandelsabkommen öffnet einen neuen Markt, jedes neue Freihandelsabkommen baut wieder ein bisschen Außenschutz ab. Ich sage auch immer gern, ein Weltmarkt für Smartphones macht durchaus Sinn, aber ein Weltmarkt für Milch ist Schwachsinn. Und genau das haben wir heute. Wir haben immer mehr Globalisierung in den Agrarmärkten. Dementsprechend gehen immer mehr kleine Bauern über die Wupper. Das ist zu viel Globalisierung. Da müssen wir einfach wieder eine ganze Menge zurückschrauben, de-globalisieren. Und eine vernünftige Balance finden, zwischen internationalem Handel und regionalen Wirtschaftskreisläufen. Diese vernünftige Balance ist aus den Fugen geraten. Das meine ich mit Überglobalisierung.“

    „Politik gegen die Mehrheit der Bevölkerung“

    Der Widerstand derjenigen, die durch Globalisierung in ihrer jetzigen Form sagenhaft reich geworden sind, gegen eine Rückabwicklung von ungeschriebenen Regeln der Globalisierung, ist enorm. Er wird gern mit Kampfbegriffen wie Protektionismus begleitet. Davon sollte man sich nicht einschüchtern lassen, findet Maier:

    „Ist es denn realistisch, zu glauben, eine Globalisierung, von der es nach Aussagen Aller viel mehr Verlierer als Gewinner gibt, könne einfach so weitergehen? Ich halte das für völlig unrealistisch. Das stimmt schon, dass diese Form von Globalisierung immer mehr an ihre eigenen Grenzen stößt. Wo es nicht mehr anders geht, fangen Regierungen plötzlich an, Freihandelsabkommen einfach zu ignorieren. Wir haben in Afrika Länder, die haben sich zwar per Abkommen zu Zollsenkungen oder gar Zollbeseitigungen verpflichtet, setzen das aber einfach nicht um. Weil sie genau wissen, dann gäbe es Revolten in ihren Ländern, wenn sie es tun würden. Wir sind auf einem Weg dahin, dass die Globalisierung nach und nach wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgefahren wird. Nicht, weil die Regierungen plötzlich denken, ja, das ist jetzt vielleicht doch besser, wir machen das jetzt so, sondern weil sie dazu gezwungen werden, weil Leute einfach nicht mehr mitmachen. Sie haben es auch gesehen in der EU. Der Brexit ist nichts anderes als eine Folge vom weit verbreiteten Unwillen, diese immer weitere Globalisierung noch mitzumachen. Die Menschen überall im Westen, auch in anderen Teilen der Welt, wollen das nicht mehr. In einer Demokratie können Sie auf Dauer nicht Politik gegen die Mehrheit der Bevölkerung machen. Das geht eine Zeitlang gut, aber nicht auf Dauer.“

    Das komplette Interview mit Jürgen Maier zum Nachhören:

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    Tags:
    Globalisierung, NGO, Uno, G7, G20, Jürgen Maier, Davos, Schweiz