01:58 21 Oktober 2018
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    IG Metall-Tarif könnte ein Vorbild für andere Branchen sein – auch international?

    © AFP 2018 / Daniel Roland
    Wirtschaft
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    Flexiblere Arbeitszeiten in beide Richtungen und 4,3 Prozent mehr Gehalt: Der Tarifabschluss zwischen der Gewerkschaft IG Metall und dem Arbeitgeberverband Südwestmetall wird allgemein als Erfolg beurteilt. IG Metall-Verhandlungsführer Roman Zitzelsberger bezeichnet den Tarifvertrag im Sputnik-Interview auch als mögliche internationale Blaupause.

    „Schon in der Verhandlungsnacht war mir klar, dass wir uns in allen Punkten durchgesetzt und überall gute Ergebnisse haben“, beurteilt der Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, Roman Zitzelsberger, den Abschluss des Tarifstreits.

    „Dem Arbeitgeber haben wir ein Zugeständnis gemacht, was das Thema Flexibilität nach oben angeht. Das ist in dem Punkt auch in unserem Interesse, weil die Möglichkeiten für die Beschäftigten, Arbeitszeit nach unten reduzieren zu können, irgendwie ausgeglichen werden muss. Dadurch entsteht auch ein Wechselspiel, sozusagen eine Waage, damit auch insgesamt das Arbeitsvolumen geschafft werden kann.“

    Unumkehrbarer Trend zu mehr Flexibilität

    Auf der einen Seite habe man unterschiedliche Situationen in den Betrieben. Auf der anderen Seite gebe es unterschiedliche Interessenlagen bei den Beschäftigten, begründet Zitzelsberger die Notwendigkeit für mehr Flexibilität.

    „Wer gerade in der Phase der Kindererziehung ist, wer Angehörige zu pflegen hat, der braucht natürlich mehr Freiräume als die Beschäftigten, die sagen, jetzt kann ich mal richtig Gas geben und zusätzlich Geld verdienen.“ Dieser Trend werde auch unumkehrbar sein. Man müsse sich „viel stärker an den Lebenslagen der Menschen orientieren und weniger an dieser Grundidee einer Lösung für alle“.

    Auch bei den Beschäftigten sei man mit dem Ergebnis zufrieden. Bei der großen Tarifkommission habe man den Tarif einstimmig gutgeheißen. Für Unternehmen, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten, könnte man auch Ausnahmen machen. Das sei aber momentan kaum nötig, denn: „Es brummt überall.“

    Tarifabschluss auch internationales Vorbild?

    Der Tarifabschluss der IG Metall sei durchaus eine Blaupause für die Arbeitswelt der Zukunft insgesamt, betont Zitzelsberger. Er erläutert:

    „Die Grundstruktur unseres Kompromisses bedeutet mehr Flexibilität für beide Seiten und mehr Freiräume für die Beschäftigten. Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung wird es viel mehr notwendig sein, unterschiedlichen Bedürfnissen zu unterschiedlichen Zeiten Rechnung zu tragen. Ich glaube, wir haben da schon auch einen Trend gesetzt, wohin die Arbeitswelt der Zukunft, was die Arbeitszeiten betrifft, geht. Das kann man auch auf andere Branchen übertragen. Und das ist übrigens nicht nur auf der nationalen Ebene so: Ich bekomme von spanischen, italienischen, französischen Kollegen Rückfragen. Die Internationale Arbeitsorganisation hat sich auch direkt bei mir gemeldet. Das Interesse ist auch international sehr groß.“

    „Klare Grenzen gegen ausufernde Arbeitszeiten“

    Orientiert habe man sich auch an dem von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) vor zwei Jahren angestoßenen Weißbuch Arbeitswelt. Dort wurde beispielsweise die Idee entwickelt, solche Experimentierräume für Arbeitszeiten zu schaffen.

    Genau diese Idee habe man nun in die Praxis umgesetzt. Zitzelsberger glaubt auch, dass sich die Politik sehr genau angucken müsse, was da jetzt geschaffen wurde. Das Ergebnis könne mit Sicherheit auch eine Grundlage für die gesetzliche Arbeitszeit der Zukunft sein: den Beschäftigten und den Betrieben mehr Flexibilität einzuräumen, aber weiterhin die Schutzmechanismen aufrechtzuhalten. „Die Beschäftigten müssen auch vor Willkür geschützt werden, was ausufernde Arbeitszeiten und Ruhezeiten betrifft. Jetzt braucht es beides: Mehr Flexibilität und Gestaltungsspielraum auf der einen Seite, aber auch weiterhin klare Grenzen, damit Beschäftigte nicht überfordert werden.“

    Das komplette Interview mit Roman Zitzelsberger (IG Metall) zum Nachhören:

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    Tarifvertrag, Tarifstreit, Arbeitszeitverkürzung, Metallindustrie, Flexible Arbeitszeiten, Work Life Balance, Arbeitszeit, Lohn, Wirtschaft, IG Metall, Roman Zitzelsberger, Deutschland