19:40 23 Februar 2018
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    „Nicht ob, sondern wann?“ Der nächste Börsen-Crash kommt – Finanzexperten

    „Nicht ob, sondern wann?“ Der nächste Börsen-Crash kommt – Finanzexperten

    © REUTERS/ Dado Ruvic/Illustration
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    Andreas Peter
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    Innerhalb weniger Tage haben die Börsen-Leitindizes Dow Jones und Dax ein Auf und Ab von historischen Verlusten, rasanter Erholung und erneuten großen Einbrüchen erlebt. Auch die vielgepriesenen Kryptowährungen haben ihre Jungfräulichkeit verloren. Für Finanzmarktexperten steht fest: Wir stehen vor der nächsten systemischen Krise.

    „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ So kommen sich aufmerksame Beobachter derzeit vor. Denn wer sich die Berichterstattung über die Turbulenzen an den internationalen Börsen in den letzten Tagen zu Gemüte führt, wird das Gefühl nicht los, jedes Argument, jede Analyse, jede Warnung, jede Mahnung so oder ähnlich schon einmal gehört oder gelesen zu haben.

    Dieser Eindruck trügt nicht. Denn alles, was derzeit zu den Vorgängen an den Handelsplätzen in New York, Frankfurt, London oder Tokio gedruckt oder gesendet wird, kann das geneigte Publikum mit einem Blick in die Archive der Jahre 2007 bis 2009 in ähnlicher Form wiederfinden. Inklusive der Versprechungen von Politikern, dass nun alles unternommen werde, damit „so etwas“ nicht wieder geschehen kann.

    Nichts hat sich seit 2008 geändert

    Auch Finanzexperten teilen den Eindruck, dass wir im Grunde an genau dem gleichen Punkt stehen wie beim Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank 2008. Es ist zu viel virtuelles Geld im Umlauf, das verzweifelt nach einem vergleichsweise sicheren Hafen sucht, wo es Rendite erwirtschaften kann.

    Erstes Mittel der Wahl ist immer der Appell an Regierungen, Staatsbesitz zu verkaufen, weil der Staat angeblich der schlechtere Unternehmer sei. Doch da konkrete irdische Werte wie Unternehmen, Grund und Boden, Immobilien, Infrastruktur, wertvolle Rohstoffe, immaterielle Güter wie Patente oder verwertbare Urheberrechte, Kunstwerke usw. nur begrenzt vorhanden sind, steigen die Preise wegen der exorbitant hohen Nachfrage. Für Kunstwerke zum Beispiel in Größenordnungen, die komplett absurd erscheinen. Auch Immobilien werden in bestimmten Gegenden zu Preisen gehandelt, die ebenfalls fern jeder Realität zu liegen scheinen.

    Dennoch bleibt der Großteil des virtuellen Geldes in der virtuellen Welt gefangen. Dort finden deshalb auch erneut die größten Exzesse statt, zum Beispiel mit den Kryptowährungen. Was vor dem Crash von 2008 die strukturierten Derivate waren, sind heute Bitcoin, Ethereum oder Ripple.

    Kryptowährungen haben alle Merkmale einer Spekulationsblase

    Die Abnormitäten der Spekulationsblase um die Kryptowährungen veranlassen immer mehr Staaten, Zentralbanken, Kreditinstitute und Aufsichtsbehörden, einzugreifen, erst recht nach dem jüngsten Skandal um die japanische Kryptowährung Coincheck, die umgerechnet um mehr als 400 Millionen Euro betrogen wurde.

    Die weltweit einflussreiche Investmentbank Goldman Sachs ist bei Bitcoin & Co. sehr vorsichtig geworden. Steve Strongin, Leiter der Abteilung Investment Research, erklärte in einem Blog seiner Bank am 5. Februar: „Ob eine der heutigen Kryptowährungen auf lange Sicht überleben wird, scheint mir unwahrscheinlich, obwohl Teile von ihnen sich entwickeln und überleben können. Aufgrund des fehlenden inneren Wertes werden die Währungen, die nicht überleben, höchstwahrscheinlich gegen Null gehandelt.“

    Crash kann jederzeit wieder über uns hereinbrechen

    Finanzexperten sind in ihren Urteilen über den aktuellen Zustand der internationalen Finanzen sehr eindeutig. Max Otte zum Beispiel, selbständiger Fondsmanager aus Köln und ein ausgewiesener und viel beachteter Kritiker der Finanz- und Wirtschaftspolitik unserer Tage, stellte Ende Januar 2018 am Rande des Mannheimer Fondskongresses nüchtern fest:

    „Es wird uns wieder passieren. Es nichts gelöst. Das System ist kranker als vorher. Wir haben eine höhere Verschuldung, nicht nur absolut, sondern relativ, also in Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Die Notenbanken drucken, drucken, drucken. Alle denken, das geht immer so weiter. Das geht natürlich nicht immer so weiter. Und gerade weil es jetzt schon so lange so geht, wird irgendwann das böse Erwachen kommen.“

    Weltweite Rekordverschuldung durch Zentralbankgeld

    Ottes Kollege Daniel Stelter von der Beratungsfirma „beyond the obvious“ unterfütterte diese Feststellung vor wenigen Tagen in einem Gastbeitrag für das Magazin „Cicero“ mit Zahlen: „Weltweit liegen die Schulden von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten mit mehr als 215 Billionen US-Dollar (325 Prozent des Welt-Bruttoinlandsproduktes) 70 Billionen höher als noch vor zehn Jahren. In den Industrieländern wuchsen sie seit 2006 von 348 Prozent des BIP auf 390 Prozent, in den Schwellenländern – vor allem von China getrieben – von 146 auf 215 Prozent.“

    Und Stelter ergänzt: „Ein Teil der neuen Schulden dient nur noch dazu, die Zinsen auf den alten Schulden zu bedienen, aber nicht, um mehr Nachfrage zu generieren. Die vorhandenen Überkapazitäten führen zu Preisdruck, weil Schuldner Liquidität um jeden Preis beschaffen und Vollkosten dabei keine Rolle spielen. Der weitaus größere Teil der neuen Schulden fließt in die Vermögensmärkte und führt zu steigenden Preisen.“

    Neue Schulden ohne neues Wachstum

    Stelter rechnet vor, dass in den 60er Jahren ein Dollar Neuverschuldung immerhin 80 Cent mehr Bruttoinlandsprodukt generierte. In den 90er Jahren sackte dieser Wert auf 30 Cent ab. Und inzwischen wird mit einem Dollar Neuverschuldung gerade mal zehn Cent Wachstum erzeugt.

    Dass dies volkswirtschaftlich Irrsinn ist, erkennen sogar Menschen, die mit Mathematik zeitlebens keine Freundschaft schließen. Nur Politiker können oder wollen das nicht erkennen. Und Stelter nennt den Grund dafür:

    „Koste es was es wolle: fallende Vermögenspreise müssen verhindert werden. Fallen nämlich die Preise von Aktien und Immobilien, kommt unser ganzes Schuldengebäude zum Einsturz, weil den Schulden nicht mehr ausreichend wertvolle Sicherheiten gegenüberstehen.“

    Die Grundkonstellation ist deshalb so gefährlich, weil wie 2008 viele Spekulanten ihre Geschäfte auf Kredit betreiben. Richtig gefährlich findet Stelter aber den Umstand, dass das billige Geld mittlerweile zu solchen obszönen Zuständen führt, dass eigentlich nicht kreditwürdige Unternehmen sich verschulden dürfen oder gar noch dafür bezahlt werden, dass sie Kredite aufnehmen. Waren 2008 faule Verschuldungspyramiden für Hypothekarkredite der Auslöser der Krise, wird der nächste Knall sehr wahrscheinlich durch faule Unternehmenskredite ausgelöst werden, ist sich nicht nur Stelter sicher.

    Märkte sind wie Drogenabhängige

    Thomas Mayer von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch nennt in einem aktuellen Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die Spekulanten an den internationalen Börsen wenig schmeichelhaft „Drogenabhängige“, die „auf das billige Geld der Notenbanken angewiesen“ seien. Für Mayer steht ein Szenario ganz klar bevor:

    „Wenn die Zinsen wieder steigen, kehrt sofort die Schuldenkrise in Europa wieder zurück. Länder wie Italien kommen angesichts ihrer hohen Staatsverschuldung sofort wieder in die Bredouille. Die EZB kann der Inflation gar nicht Herr werden, ohne eine Rezession auszulösen.“

    Den Letzten beißen die Hunde

    Daniel Stelter von „beyond the obvious“ malt eine wenig verheißungsvolle, aber streng logische Vision: „Schulden in Billionenhöhe können nicht mehr bedient werden. Diese Schulden müssen aus der Welt, entweder durch Pleiten und Konkurse oder durch massive Inflation. Mit den Schulden verschwinden allerdings auch die Vermögen in entsprechender Größenordnung.“ Und es können Wetten darauf abgeschlossen werden, wessen Vermögen damit gemeint sind. Sehr wahrscheinlich wie immer nicht die Vermögen derjenigen, die sich regelmäßig auf den Listen der reichsten Menschen und Familien dieses Planeten finden.

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    Finanzkrise, Börse, Krise, Crash, Schulden, Wirtschaft, Wirtschaftswachstum, Kryptowährung, Bitcoin, Lehman Brothers, Goldman Sachs, Deutschland, USA
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