07:06 20 April 2018
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    Standort des Pharma-Konzerns Roch

    Pharmakonzern Roche vorschnell im Medien-Visier?

    © REUTERS / Arnd Wiegmann
    Wirtschaft
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    Valentin Raskatov
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    Medienberichte werfen dem Pharma-Konzern Roche vor, für ein und dasselbe Medikament gegen Multiple Sklerose (MS) mehr als das Zehnfache zu verlangen. Eine Wissenschaftlerin widerspricht: Der Vorgänger war nicht als MS-Medikament zugelassen und der Preisvorschlag von Roche ist nicht der Endpreis.

    Seit Anfang Februar ist ein neues Medikament von Roche gegen Multiple Sklerose (MS) auf dem Markt, das vom Pharmakonzern gefeiert wird. Von den Medien dagegen wurde das Medikament „Ocrelizumab“ heftig kritisiert, weil es mehr als das Zehnfache seines Vorgängers  „Rituximab“ kosten und dabei ähnlich wirken soll. Besonders hervorgehoben wird hierbei, dass das bisherige Patent der Firma eben ausgelaufen ist und sie deshalb eine ähnliche Substanz entwickelt hat. In anderen Worten lautet der Vorwurf: Roche verlangt für dieselbe Arznei eine horrende Summe Geld. Die Arznei, deren Patent dagegen ausläuft, soll einfach unter den Tisch fallen.

    Vorgänger-Mittel nicht zugelassen und kaum eingesetzt

    Judith Haas, Vorsitzende der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), berichtigt gegenüber Sputnik diese Medien-Darstellung:

    „Der Vergleich mit dem Medikament ‚Rituximab‘ ist insofern problematisch, als dieses Medikament nicht für die Therapie der Multiplen Sklerose zugelassen ist und nur in ganz wenigen Einzelfällen in Deutschland überhaupt eingesetzt wurde – und das auch nur mit besonderer Genehmigung der Krankenkasse.“

    Vor der Zulassung müssen bei jedem Medikament vorher sogenannte Vergleichsstudien durchgeführt werden. Dabei wird der Nutzen einer neuen Substanz im Vergleich zu gängigen Medikamenten ermittelt und ein Profil der Nebenwirkungen für den Patienten erstellt.

    Das sei bei dem neuen Wirkstoff „Ocrelizumab“ geschehen und „eindeutig positiv ausgefallen“, so Haas. Bei „Rituximab“ dagegen habe es eine solche Studie bislang nicht gegeben, diese müsste also nachgeholt werden. Da es derzeit aber keine Studien gibt, müsse „dieser Preisvergleich, den jetzt die Presse zieht, sehr kritisch“ gesehen werden.

    Kein Endpreis – Gegenstand von Verhandlungen

    Außerdem bemerkte die Forscherin, dass die 33.000 Euro nur der Preis sind, den das Pharma-Unternehmen vorschlägt. Mit solchen Vorschlägen befasst sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Dieser lässt das Medikament mit anderen Mitteln vergleichen und erstellt ein Nebenwirkungsprofil. Dann wird abgewogen, wie viel dafür gezahlt werden sollte. Am Ende wird also vermutlich eine niedrigere Zahl stehen.

    Wenn sich Pharma-Industrie und G-BA nicht einigen können „besteht natürlich die Gefahr, dass das Medikament in Deutschland nicht zur Verfügung steht“, erklärte Haas dazu. „Das ist bisher aber im Bereich der Neurologie noch nicht vorgekommen“, beruhigte sie zugleich.

    Auf Sputnik-Anfrage teilt der G-BA mit: „Zum Wirkstoff ‚Ocrelizumab‘ hat der G-BA das Verfahren zur Bewertung des Zusatznutzens aufgenommen, der Beschluss wird im August 2018 gefasst.“ Die entsprechenden Unterlagen sowie regelmäßige neue Informationen zum Verlauf werden auf dieser Internet-Seite zu finden sein.

    Derzeit gibt es laut Haas 240.000 MS-Patienten in Deutschland. 24.000 davon seien von der fortschreitenden Form ohne Schübe betroffen. Die Multiple Sklerose ist eine neurodegenerative Immunerkrankung, also eine Erkrankung, bei der das Nervensystem des Betroffenen vom eigenen Immunsystem angegriffen wird. Der Wirkstoff „Ocrelizumab“ greift in diesen Mechanismus ein und sorgt dafür, dass weniger Schübe erfolgen, sich weniger Entzündungsherde im Gehirn bilden und das Fortschreiten der Krankheit als Ganzes aufgehalten wird.

    Das Interview mit Prof. Judith Haas in voller Länge:

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    Tags:
    Wirkstoff, Gefahr, Gesundheit, Pharmazie, medizinische Behandlung, Behandlung, Skandal, Pharma-Konzern, Medikamente, Ocrelizumab, F. Hoffmann-La Roche AG, Deutschland, Schweiz