10:29 23 Juni 2018
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    Ex-Chef-Volkswirt der Deutschen Bank: Die nächste Krise ist eine Geldkrise

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    Wirtschaft
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    Andreas Peter
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    Die Welt-Finanzmärkte haben sich wieder etwas beruhigt. Doch die meisten Experten und Marktbeobachter sind sich einig: Das internationale Finanzsystem ist schwerkrank. Die nächste Marktbereinigung wird unser Geld treffen, sagt der ehemalige Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Und: Die Zentralbanken sind Gefangene ihrer eigenen Politik.

    Thomas Mayer hat schon in der Deutschen Bank eine Abteilung geleitet, die unter dem Namen „Research“ firmierte. Beinahe jede Bank von Rang unterhält eine solche Abteilung, die man neudeutsch als Denkfabrik bezeichnet. Sie dienen den Vorständen unter anderem dazu, ökonomische, aber auch gesellschaftliche Prozesse zu analysieren, Trends und Risiken zu erkennen und darauf basierend mehr oder weniger vorausschauende strategische Entscheidungen zu treffen. Es ist naheliegend, dass Mayer nach seinem Ausscheiden beim deutschen Branchenprimus erneut eine Denkfabrik leitet. Diesmal allerdings für die unabhängige Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch.

    Seine Denk-Positionen hat Mayer nicht geändert. Er gilt nach wie vor als Kritiker vieler Entscheidungen und politischer Leitlinien, die von bundesdeutschen und EU-Politikern, aber auch von manchen Branchenkollegen Mayers in einem Tonfall vorgetragen werden, als handele es sich dabei um verschollene göttliche Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai verloren hat. Mayer geißelt in seinen Büchern und Veröffentlichungen die vollkommen aus dem Ruder gelaufene Geldpolitik der Zentralbanken, allen voran die der EZB, ebenso wie er den Euro der Zerstörung von Demokratie und Rechtsstaat bezichtigt oder aber eine seiner Meinung nach unverantwortliche Kreditvergabe der Banken verurteilt, die, ebenfalls von den Zentralbanken aktiv unterstützt, letztendlich zu Lasten der unteren Einkommensschichten geht, weil die mangels Sicherheiten gar keine Kredite erhalten, aber die durch die exzessive Kreditvergabe ansteigenden allgemeinen Lebenshaltungskosten aufbringen müssen.

    Viele Schuldner können sich höhere Zinsen gar nicht mehr leisten

    Thomas Mayer vergleicht im Gespräch mit Sputnik die Strategie der westlichen Zentralbanken und der mit ihr verbundenen Regierungen mit inkompetenten Monteuren in einer Autowerkstatt:

    „Sie haben einen Motor, in dem das Öl ausläuft. Bevor sie den Kolbenfresser haben und die Maschine komplett kaputt geht, schütten sie Öl rein. Aber nachdem der Motor wieder ein bisschen lief, haben die Zentralbanken immer wieder Öl nachgeschüttet, denn sie wollten, dass der Motor auch mit höheren Drehzahlen läuft. Sie haben immer mehr Liquidität hineingepumpt, die Zinsen immer tiefer gesetzt. Also, um in dem Bild des Automechanikers zu bleiben, statt den Motor zu reparieren, nachdem er mal notdürftig vor dem Kolbenfresser bewahrt wurde, haben sie immer mehr Öl nachgefüllt. Und nun haben sie eine Situation erzeugt, in der die Zinsen so niedrig sind und die Schulden so hoch, dass viele Schuldner es sich gar nicht mehr erlauben können, höhere Zinsen zu bezahlen.“

    Das betrifft alle Marktteilnehmer, Staaten, Unternehmen, Privatverbraucher. Staaten wie Italien, mit einer Staatsschuldenquote von 133 Prozent im vergangenen Jahr, können sich problemlos weiter verschulden, weil die EZB italienische Anleihen aufkauft. Kreditunwürdige Unternehmen wie der französische Veolia-Konzern erhalten sogar noch Geld, damit sie einen Kredit aufnehmen, wie im vergangenen Jahr geschehen, als Veolia, obwohl mit dem de facto Ramsch-Status „BBB“ benotet, eine Anleihe zeichnen konnte, für die die Anleger einen Minuszins von 0,026 Prozent akzeptierten.

    Privatkunden werden wie vor 2008 zu riskantem Verschuldungsverhalten überredet

    Und auch bei den Privatkunden sind wir längst wieder bei jenen laxen Methoden der Kreditvergabe angelangt, die nach dem Crash 2008 eigentlich in heiligen Schwüren der Politik ausgeschlossen wurden. Es werden schon wieder genau die Menschen in Ratenkredite gelockt, die sie eigentlich meiden sollten. Es werden „Vorteilskredite“ beworben, bei denen Raten ausgesetzt oder Sondertilgungen bis zu 80 Prozent der Kreditsumme geleistet werden könnten. Es werden Nullzinskredite oder sogar Negativzinsen für Kredite angeboten. Bei Umschuldungen werden immer noch teure und letztlich sinnlose Restschuldversicherungen aufgeschwatzt, die in Verschuldungsspiralen führen. Sogenannte Revolving-Credit-Cards werden unverdrossen beworben, also Kreditkarten, bei denen die Kunden die monatlichen Raten nur zum Teil zurückzahlen müssen, in der Hoffnung, die ganze Rate im kommenden Monat abbezahlen zu können, was dazu führt, dass die Karteninhaber schnell den Überblick und die Kontrolle verlieren. Die Stiftung Warentest hat diese Praxis zuletzt im Oktober vergangenen Jahres angeprangert („Kreditkarten im Test: Gebühren sparen und Teilzahlungsfalle vermeiden“, test, 16.10.2017). 

    Finanzsektor in den USA größer als das verarbeitende Gewerbe

    Thomas Mayer ist bei Weitem nicht der einzige Finanzmarktanalyst, der die Ansicht vertritt, dass Politik und Zentralbanken mit ihrer Strategie der Beruhigung der Märkte alles nur noch schlimmer gemacht zu haben scheinen:

    „Sie haben den Finanzsektor so genährt, dass er heute noch größer ist, als er vor der Finanzkrise war. Dieses Ding, das hat jetzt in den USA mehr Anteil an der Bruttowertschöpfung als das verarbeitende Gewerbe.“

    In Großbritannien ist die Okkupation der Nationalökonomie durch den Finanzsektor ebenfalls dramatisch. 1970 betrug der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung im Vereinigten Königreich noch knapp 30 Prozent, 2015 war er auf unter zehn Prozent gefallen, während gleichzeitig der Anteil des sogenannten Dienstleistungsgewerbes anstieg und der Anteil der Finanzindustrie an der Bruttowertschöpfung sich auf acht Prozent erhöhte, doppelt so hoch wie in Deutschland.

    Absurde internationale Finanzen

    Überhaupt sind die monetären Entwicklungen und Relationen geradezu absurd geworden. Nach Schätzungen des Weltverbandes der Finanzindustrie IIF beliefen sich 2017 die weltweiten Schulden auf rund 215 Billionen US-Dollar, der geschätzte Wert aller sogenannten Derivate, also jener zumeist hochspekulativen Wertpapiere, denen wir auch den Börsencrash 2008 zu verdanken hatten, belief sich auf unvorstellbare 1,2 Billiarden US-Dollar, also eine Zwölf mit vierzehn Nullen oder ausgeschrieben, um die ganze Monstrosität zu verdeutlichen: 1.200.000.000.000.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Die Kapitalisierung aller Börsen auf der Welt wird vom IIF mit 73 Billionen US-Dollar angegeben. Der Wert aller Immobilien auf der Welt soll 217 Billionen US-Dollar betragen und das bisher auf der Erde geförderte Gold 7,7 Billionen US-Dollar wert sein. Das heißt, für rund zwei Drittel aller Derivate gibt es keinen echten, realen Gegenwert. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier von Kapitalisierungswerten unter Idealbedingungen reden, denn natürlich würde es zu grausamen Kursverlusten und Wertvernichtungen kommen, wenn plötzlich alles Gold der Erde oder alle Börsen und Grundstücke auf einen Schlag kapitalisiert würden.

    Zentralbanken sind Gefangene ihrer eigenen Politik

    Thomas Mayer vergleicht die Marktteilnehmer gerne mit Drogensüchtigen. Und die Droge, mit der sich unsere Gesellschaften derzeit betäuben, heißt Niedrigzins:

    „Die Märkte haben sich auf diese Niedrigzinsen eingestellt. Unsere Bewertungen hängen von diesen Niedrigzinsen ab. Denn vieles, was wir in den Aktienmärkten an Preisansteigen gesehen haben, war eine Ausweitung der ‚Multiples‘, also des Kurs-/Gewinn-Verhältnis, das über die Zinsen getrieben wird. Wir haben uns an diese Niedrigzinspolitik gewöhnt und können es eigentlich nicht mehr vertragen, dass die Zentralbanken mal wieder die Zinsen erhöhen und auf die Bremse treten.“

    Und exakt das sei nur eine Frage der Zeit. Für diese Vorhersage bedürfe es keines akademischen Grades in Wirtschafts- oder Finanzwissenschaften. Für Thomas Mayer ist absolut sicher:

    „Wenn die Inflation wieder steigt und die Zinsen angehoben werden, dann wanken die Schuldentürme. Insofern sind die Zentralbanken meines Erachtens inzwischen Gefangene ihrer eigenen Politik.“

    Denn einerseits verfolge zum Beispiel die EZB eisern das Inflationsziel von mindestens zwei Prozent, andererseits wisse sie, dass bereits das für viele Kreditnehmer zu viel sei. Das Szenario erinnere an einen Feuerwehrmann, der einen Brand mit Kerosin zu löschen versuche.

    Die nächste Finanzkrise wird eine große Geldentwertung sein

    Thomas Mayer glaubt, wie andere Experten auch, dass die nächste Finanz-Katastrophe alles und jeden treffen werde, weil unser aller Geld betroffen sei: „Die nächste Krise kommt meines Erachtens in Form einer Geldkrise daher. Das Geld wird schlecht, das kennen wir auch aus der Geschichte, Geldentwertung.“

    Das heißt nichts anderes als hohe Inflationsraten. Dass sie so dramatisch wie in der zurückverfolgbaren Geschichte in Form einer Hyperinflation ausfallen, glaubt Thomas Mayer nicht, aber für eine sogenannte galoppierende Inflation, dafür reicht es allemal, und das bedeutet Inflationsraten von fünf Prozent und mehr. Und dagegen kann so gut nichts mehr helfen. Denn Thomas Mayer gibt zu bedenken, dass die Politik ihr Pulver verschossen hat. Noch ein milliardenschweres Rettungsprogramm wird weder hilfreich noch gegen die Bevölkerungen durchsetzbar sein. Deshalb wäre die „beste“ politische Lösung eigentlich, den Zusammenbruch schrittweise, in Etappen vonstattengehen zu lassen. Aber ob das mit Märkten machbar ist, die mittlerweile am Tropf von Computerprogrammen hängen, die Kauf- und Verkaufsentscheidungen im Millisekundentakt abwickeln, erscheint doch mehr als fraglich. Die einzige Gegenstrategie, die Thomas Mayers Firma für ihre Kunden fährt, ist die Splittung des Portfolios in etwa zehn Prozent Gold. Ganz generell wird nur sogenanntes historisches Geld einen gewissen Schutz bieten, also Edelmetalle, Juwelen, bestimmte seltene und/oder strategisch wichtige Rohstoffe und andere Sachwerte wie Immobilien. Und vielleicht dürften sich deshalb für den einen oder die andere damit auch die derzeitigen exzessiven Preisentwicklungen für Immobilien oder auf dem Kunstmarkt erklären, für immaterielle Werte wie Verwertungsrechte wie zum Beispiel Patente oder auch der Aufstieg der sogenannten Kryptowährungen. Die virtuellen Unsummen suchen verzweifelt nach einem halbwegs sicheren Hafen bis es kracht. Und es wird krachen.

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    Tags:
    Crash, Börse, Inflation, Preisanstieg, Zinsen, Kurssenkung, Wertpapiere, Finanzmarkt, Kredite, Gold, Ressourcen, Finanzkrise, Geld, Wirtschaft, Europäische Zentralbank (EZB), Flossbach von Storch, Deutsche Bank, Thomas Mayer, Großbritannien, Italien, Deutschland
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