12:46 17 Oktober 2018
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    Protest gegen Steinkohlenbergbau in Elsdorf (Archivbild)

    Fünf nach Zwölf: Nachhaltigkeit statt kapitalistischen Wachstumszwangs nötig

    © AFP 2018 / Sascha Schuermann
    Wirtschaft
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    Bolle Selke
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    Eine gesunde Volkswirtschaft muss wachsen – je mehr, desto besser. So heißt das gängige kapitalistische Credo heutzutage. Tatsächlich stehen wir jedoch „ökologisch mit unserem ökonomischen Wachstum auf der Kippe“, so der Ökonom Arne Heise im Sputnik-Interview. Er fordert eine Nachhaltigkeits-Kultur.

    „Wirtschaftswachstum bedeutet zunächst einmal, dass die Güter und Dienstleitungen, die man in einem Zeitabschnitt – meistens ist das ein Jahr – herstellt, mehr werden“, erklärt der Professor für Finanzwissenschaft am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg. „Wir gehen gelegentlich davon aus, dass Güter und Dienstleistungen dazu da sind, einen Nutzen oder unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Je mehr Güter und Dienstleistungen wir haben, desto mehr können unsere Bedürfnisse erfüllt werden. Oder anders ausgedrückt: Je weniger Güter und Dienstleistungen wir produzieren, desto weniger können wir unsere Bedürfnisse erfüllen.“

    Diese Vorstellung stecke hinter der Überlegung, dass wir Wirtschaftswachstum brauchen, um glücklich oder wohlhabend zu sein.

    Mehr Wachstum bedeutet mehr Umweltbelastung

    Aus der Sicht des Einzelnen sei das grundsätzlich nicht zwingend erforderlich. Doch ob das kapitalistische System ohne Wachstum auskommen könne, da ist Heise skeptisch.

    Wachstum war bisher immer auch mit wachsendem Ressourcenverbrauch verbunden. Um mehr Güter und Dienstleistungen zu bekommen, muss man auch mehr Inputs, also mehr Rohstoffe, Produkte oder Produktionsmittel, reinstecken. Dadurch wächst aber auch die Umweltbelastung, es entstehen Kohlendioxid (CO2) und andere umweltbelastende Stoffe. Heise räumt ein:

    „Wir könnten das theoretisch auch voneinander entkoppeln. In der Wirklichkeit haben wir das aber bisher noch nicht überlebt. Wenn wir unsere Lebensgrundlage bewahren wollen, also nachhaltig wirtschaften wollen, ist das mit einem hohen Wirtschaftswachstum nicht machbar, sondern wir müssten eher weltweit in Wachstumsbereiche kommen, die wir jetzt hier in Europa schon haben, maximal so ein bis zwei Prozent, eher vielleicht sogar drunter, null Wachstum.“

    Kapitalismus beinhaltet Wachstumszwang

    Wir haben es mit einem kapitalistischen Wirtschaftssystem zu tun, erklärt der Ökonom.

    „Dessen Grundlage sind Gläubiger-Schuldner-Beziehungen – sind Kreditbeziehungen. Die basieren darauf, dass man sich etwas leiht, und am Ende des Kreditzeitraumes muss man das zurückzahlen, plus einen Zins, also plus einen Aufschlag.“

    Man müsse also mehr erwirtschaften, als man sich am Anfang mal geliehen hat. Das ergebe einen Zwang zum Wachstum. Diesem Wachstumszwang könne sich das einzelne Unternehmen nicht entziehen, sonst würde es pleitegehen. Wenn ein Unternehmen über einen längeren Zeitraum schrumpft, wird es insolvent oder illiquide. Deshalb habe laut Heise ein kapitalistisches Wirtschaftssystem zumindest einen immanenten Wachstumszwang.

    Volkswirtschaften ohne Wachstum

    Vorstellbar und theoretisch möglich sei es schon, dass Volkswirtschaften ohne Wachstum funktionieren. Dass die Parameterkonstellation, die dafür nötig ist, im Selbstlauf erreicht würde, sei allerdings nicht sehr wahrscheinlich, betont Heise: „Da wird man dann schon sehr stark eingreifen müssen. Mit freien kapitalistischen Ökonomien, wie wir das jetzt so kennen, ist das wohl auch theoretisch nicht machbar.“

    Es müsste sich erst einmal die Kultur, vor allem auch die Konsumkultur, der Menschen ändern. Eine Politik, die da eingreifen würde und ein Nullwachstum sicherstellen könnte, müsste erst einmal gewählt werden. Das dürfte schwierig werden:

    „Ein Programm heutzutage zur Verfügung zu stellen, wo drinsteht, es wird euch materiell in Zukunft eher schlechter, aber zumindest nicht mehr besser gehen, das spricht vermutlich die allerwenigsten Menschen an. Bevor man das ansprechen kann, muss erstmal die Kultur und das Verständnis geschaffen werden, wie sehr wir ökologisch mit unserem ökonomischen Wachstum auf der Kippe stehen.“

    Heise, der auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac ist, betont:

    „Wir sind sicherlich eher schon fünf Minuten nach als zehn Minuten vor zwölf. Die hochentwickelten Länder leben jetzt schon längst auf Kosten nachhaltiger Entwicklung, und dann kommen noch die Schwellenländer, die das nachmachen wollen. Wir müssen davon weggehen und zeigen, dass das nicht der richtige Weg für die Schwellenländer ist, sondern dass es eine andere Entwicklungsrate geben kann. Dafür brauchen wir aber eine Kultur der Nachhaltigkeit. Sonst wird das an den Menschen vorbeigehen.“

    Das komplette Interview mit Arne Heise zum Nachhören:

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    Tags:
    Umweltzerstörung, Ökonomie, Schwellenländer, Volkswirtschaft, Umweltbelastung, Wachstum, CO2, Ökologie, Umwelt, Kapitalismus, Arne Heise