10:15 23 Juni 2018
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    Chinas Drache (Symbol)

    Größtes Infrastrukturprojekt der Welt: China will Eurasien und Afrika verbinden

    CC BY-SA 2.0 / Joey Gannon / Imperial Dragon
    Wirtschaft
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    Bolle Selke
    IMEX 2018: Sputnik-MediaWall (22)
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    Auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin hält die Weltorganisation für Tourismus UNWTO ihr „Silk Road Ministers Meeting“ ab. Die „Silk Road“, auf Deutsch „Neue Seidenstraße“, ist ein chinesisches Infrastrukturprojekt. Der China-Kenner Frank Sieren meint: „So etwas hat es seit dem Bau der Großen Mauer nicht mehr gegeben.“

    Das Seidenstraßen-Meeting der zum UNO-System gehörenden Weltorganisation für Tourismus UNWTO läuft von Mittwoch bis Donnerstag im Rahmen der am Mittwoch in Berlin gestarteten Messe ITB. Die „Neue Seidenstraße“ mit der offiziellen Bezeichnung „One Belt, One Road“ (OBOR), bündelt die chinesischen Ziele zum Aufbau eines interkontinentalen Infrastruktur-Netzes zwischen China, Asien, Europa und einigen Ländern Afrikas.

    Der deutsche Journalist und China-Experte Frank Sieren sagte gegenüber Sputnik über das Projekt: "Man kann feststellen, dass das eigentlich das größte Infrastrukturprojekt der Menschheitsgeschichte ist. So etwas hat es im Grunde seit dem Bau der großen Mauer nicht gegeben.“

    Zwei Handelsrouten zu Land und Wasser

    Das Gesamtvolumen des Projekts wird auf 1.100 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Finanzierung soll über den Seidenstraßen-Fonds und die „Asiatische Infrastrukturinvestmentbank“ (AIIB) erfolgen. Die Chinesen geben Kredite für den Bau von Infrastruktur. Diese müssen auch wieder zurückgezahlt werden.

    Es sollen zwei geplante Mega-Handelsrouten entstehen: Der nördlichen Landweg, „Silk Road Economic Belt“, von China über Zentralasien, den Iran, die Türkei und Moskau nach Zentral- und Westeuropa. Im Süden die „Maritim Silk Road“, die dem Landweg entsprechend den Seehandel ausdehnen soll.

    Mehr als nur eine Idee

    „Lange wurde die neue Seidenstraße sehr skeptisch aufgenommen“, sagte Sieren über die Reaktion der Anrainerstaaten des Projekts. „Inzwischen muss man sagen, ist man doch sehr weit vorrangekommen. Ich war vor ein paar Monaten in Zentralasien, um mir das mal anzuschauen. Dort sind die Straßen schon fertig, damals lagen noch Leitplanken nebendran. Zuglinien sind fertig. Man redet schon über die zweite Welle.“

    Die Strecke zwischen China und dem Iran, durch Pakistan durch, sei im Bau, so der Experte, und werde auch in absehbarer Zeit fertig. In Afrika sei die Zuglinie in Kenia zwischen Mombasa und Nairobi fertig gestellt worden. Es gebe eine 700 Kilometer lange Linie in Äthiopien, zwischen Addis Abeba und Dschibuti. Sieren verwies außerdem auf die längste elektrifizierte Eisenbahnlinie in China. „Es gibt Staudämme und alles Mögliche. Man kann nicht sagen, dass das bisher nur eine Idee ist und dass es jetzt darauf wartet umgesetzt zu werden. Die Chinesen sind da mit hoher Geschwindigkeit dabei, das auszubauen.“

    Eine Antwort aus Europa

    Im ausgehandelten Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es, eine europäische Antwort auf OBOR solle die eigenen Interessen zu wahren und deutsche sowie europäische Finanzinstrumente besser ausstatten und bündeln. Frankreichs Ministerpräsident Edouard Philippe mahnte auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2018 im Februar, Europa könne China das gigantische Projekt nicht überlassen: „Je nachdem, welche Regeln für dieses Vorhaben gelten, wird es ein Projekt der Zusammenarbeit oder der Herrschaft sein.“

    „Das ist so ein bisschen die westliche Mentalität“, kommentierte Sieren. „Wir wollen erstmal wissen: Was sind denn die Spielregeln? Wie machen wir das denn? Dann wollen wir uns auf gemeinsame Regeln einigen. Dann müssen wir noch überlegen, wie wir das finanzieren. So geht dann eines ums andere Jahr ins Land. Die Chinesen machen aber einfach schon weiter. Das macht die Situation ein bisschen schwieriger.“ Er habe den Eindruck, dass die EU „jetzt doch in den letzten Monaten etwas wacher und aufmerksamer wird und sieht, dass man sich vielleicht auch ein bisschen beeilen muss, um dabei zu sein.“

    Bundesaußenminister Sigmar Gabriel warnte ebenfalls auf der Münchner Sicherheitskonferenz: „Die Initiative für eine neue Seidenstraße ist ja nicht das, was manche in Deutschland glauben: Es ist keine sentimentale Erinnerung an Marco Polo. Sondern sie steht für den Versuch, ein umfassendes System zur Prägung der Welt im chinesischen Interesse zu etablieren“.

    Konstruktiver als der Kolonialismus

    Natürlich sei es klar, dass eine Initiative von China zunächst einmal chinesische Interessen im Sinn habe, meinte Sieren. OBOR sei aber doch sehr viel friedfertiger und sehr viel konstruktiver, als das, was die Europäer und die Amerikaner in der Kolonialzeit gemacht haben.

    „Die Kolonialzeit ist so lange noch nicht her. Macau wurde erst 1999 zurückgegeben, ebenso der Panama-Kanal. Das haben diese Länder auch noch gut in Erinnerung. Insofern ist das doch erst einmal eine positive Sache. Sicherlich gibt es da auch Probleme. Das eine oder andere Land ist da auch in Schwierigkeiten gekommen. Ich würde da zu allererst Sri Lanka nennen. Aber das sind eben auch Lernphasen die man dann durchleben muss. Man muss auch schauen, wieviel Kredit man von den Chinesen nehmen kann ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Es ist ja nicht so, als ob Peking diesen Ländern das Geld aufgezwungen hat, sondern die haben das freiwillig genommen.“

    Die pazifische Antwort

    Siegestag-Parade auf dem Roten Platz in Moskau (Symbolbild)
    © AFP 2018 / KIRILL KUDRYAVTSEV
    Die USA, Australien, Indien und Japan sprechen Medienberichten zufolge ebenfalls über eine Alternative zu dem milliardenschweren Projekt OBOR. Allerdings seien die Überlegungen noch in einem frühen Stadium. „Bis die zusammengekommen sind, da vergeht sehr viel Zeit“, sagte Sieren zu diesen Plänen. Vor allem die USA seien im Moment eher Bremser und kein Land, das solche Projekte vorantreibe.

    Am aktivsten sieht er die Japaner, die auch sehr viel in Afrika investieren: „Das weiß man gar nicht so sehr. Die Japaner sind nicht ganz so aktiv wie die Chinesen, aber durchaus sehr engagiert. Aber diese Länder zusammen zu bekommen und dann ein Konkurrenzprojekt aufzubauen, wo man erst einmal überlegen muss, wie man diese Länder zusammen bekommt und wie das geographisch verlaufen soll.“

    Putin: „Kreatives Herangehen“

    Auf dem internationalen „Seidenstraßen“-Gipfeltreffen „One belt and one road“ Mitte Mai 2017 in Peking bezeichnete Russlands Präsident Wladimir Putin die „Neue Seidenstraße“ als gutes Beispiel für eine „kreative Herangehensweise an die Schaffung integrativer Wirtschaftsräume“. Er habe keinen Zweifel daran, dass China und Russland zusammen arbeiten werden, was beiden Seiten zugutekommen werde.  

    In der Antike und dem frühen Mittelalter war die Seidenstraße die wichtigste Handelsverbindung zwischen China und Europa. China kündigte 2013 an, sie neu beleben zu wollen.

    Der China-Kenner Frank Sieren
    © Foto : Frank Sieren
    Der China-Kenner Frank Sieren

    Das komplette Interview mit Frank Sieren zum Nachhören:

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    Tags:
    Seidenstraße, Projekt, Infrastruktur, Handel, Wladimir Putin, Xi Jinping, Europa, Asien, Afrika, Russland, China
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