18:48 20 Juli 2018
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    Präsentation der Nord Stream-Pipeline bei der Industriemesse in Hannover (Archiv)

    Deutschland im Gasstreit zwischen Russland und Ukraine - Energiesicherheitsexperte

    © AP Photo / Jens Meyer
    Wirtschaft
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    Die Absicht der Ukraine, im Zusammenhang mit der Kündigung aller Lieferverträge mit dem ukrainischen Energiekonzern Naftogas Ukrainy Vermögenswerte von Gazprom weltweit einzufrieren und der Gasstreit insgesamt können aus der Sicht des Experten für Energiesicherheit, Matthias Dornfeldt, keine großen Auswirkungen auf Deutschland und Europa haben.

    Die Situation in Europa sei nicht mehr dieselbe, da 2006 und 2009 signifikante Auswirkungen auf die Volkswirtschaften in einigen Ländern hatte, so der Experte im Interview mit dem Sputnik-Korrespondenten Nikolaj Jolkin. „Der Energiemarkt hat sich seit den letzten Krisen verändert. Es gibt nicht nur Russland als Lieferanten, obwohl es als der wichtigste Lieferant  im Jahr 2017 193,9 Milliarden Kubikmeter nach Europa und in die Türkei geliefert hat. Aber wir haben auch andere Quellen – Norwegen, Algerien und Libyen sowie auch eine eigene Produktion, die zwar sinkt, aber die auch immer noch vorhanden ist.“

    Gleichzeitig schätzt der Experte die ganze Situation für das Image der Ukraine als Transitland nicht sehr förderlich ein, „wenn es wieder in die Schlagzeilen gerät, denn wir sehen, was die ganze Diskussion damals gebracht hat. Es wird eine neue Pipeline (Nord Stream 2) in Richtung deutsche Ostseeküste gebaut. Diejenigen, die bei Naftogaz Ukrainy und in der Regierung dafür verantwortlich sind, sollten weniger auf Konfrontation fahren, sondern mehr versuchen, die Situation zu lösen.“

    Die Auswirkung des Gasstreits auf den europäischen Energiemarkt hält Dornfeldt auch deshalb nicht für maßgeblich, da der Winter bald vorbei sei. „Die Engpässe sind nicht mehr so groß wie im Januar-Februar, wo es sehr kalt war. Zum anderen werden auch die Infrastrukturprojekte, die überall gebaut werden, noch mehr Wirkung zeigen, sodass die Abhängigkeit von diesem Transitland vermindert wird.“

    Nichtsdestotrotz ist sich Dornfeldt sicher, dass in dieser Hinsicht ein Mechanismus geschaffen werden müsse, damit eine schnelle Vermittlung in solchen Krisen möglich sei. Zwar habe die EU-Kommission schon ihre Bereitschaft angekündigt, es müsse aber die ganze Frage der bilateralen Beziehungen der Ukraine und Russlands im Bereich der Energielieferung mit einem gewissen Mechanismus versehen werden, „damit es keine großen Auswirkungen auf beide Seiten hat. Gasprom verliert damit Geld, die Ukraine ist als Transitland beeinträchtigt.“

    Bis 2019 gebe es noch die Verträge, dass der Gastransit mit 100 Milliarden Kubikmeter jährlich durch die Ukraine laufe, fährt der Experte fort. „Wenn Gasprom das nicht einhält, muss es 450 Millionen Dollar jährlich Vertragsstrafe zahlen. Wenn Nord Stream 2 gebaut wird, haben wir eine zusätzliche Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern Erdgas. Und die Gesamtleistung von 110 Milliarden pro Jahr entspricht ungefähr dem Verbrauch, den Deutschland hat. So wird Nordwesteuropa dann deutlich weniger von der Ukraine abhängig.“

    Für Südosteuropa bleibe die Ukraine noch ein wichtiges Transitland, so Dornfeldt, auch wenn jetzt schon die Turk Stream Richtung Türkei verlegt werde. „Der erste Strang soll den türkischen Markt bedienen, der zweite Südosteuropa. Dann wird auch die Situation sich etwas verändern, sodass Länder, die jetzt in Südosteuropa durch die Ukraine beliefert werden, noch die andere Möglichkeit haben.“

    Allerdings müsse die Ukraine auch investieren, um das Pipelinenetz zu modernisieren und auszubauen, so der Experte weiter. Und es müsse klar sein, „wie es mit den Tarifen ist. Denn kein Unternehmen zahlt höhere Tarife, wenn es andere Ausweichmöglichkeit hat. Die Tariftransparenz muss da sein. Und vor allen Dingen müssen auch Naftogaz Ukrainy und andere beteiligte Unternehmen der Ukraine entsprechend modernisiert und europäischen Standards angepasst werden, was im Moment noch nicht der Fall ist und was eben stockt.“

    LNG-Anlagen in deutschen Häfen?

    Seit 1974 gebe es die Diskussion über die Errichtung eines Flüssiggasterminals in Wilhelmshaven, die nicht umgesetzt worden sei, so Dornfeldt. „Die Firma Uniper AG, die frühere E.ON Ruhrgas, hatte vor über 10 Jahren überlegt, ob sie investiert. Man hat sich aber für ein Gemeinschaftsprojekt mit der Gasunie im Hafen von Rotterdam, dem größten in Europa, aus wirtschaftlichen Gründen entschieden.“

    Wenn aber Nord Stream 2 komme, urteilt der Experte, „dann haben wir so einen hohen Gasimport, dass wir LNG eigentlich nicht brauchen, zumal LNG eine teure Infrastruktur voraussetzt. Das LNG-Gas ist bis 2022 noch teuer, sodass Pipelines preisgünstiger sind und ich jetzt nicht von dieser großen LNG-Schwemme ausgehe, die immer prognostiziert wird.“

    Dornfeldt bemerkt: „Sicherlich wollen die USA auch ihr Gas absetzen, aber da sind andere Märkte interessanter. Und die Länder, die sich für LNG entschieden haben, wie Polen und Litauen, zahlen dafür deutlich höhere Preise. Das Gas ist nicht billiger, wenn es über diese Flüssiggastanker kommt.“ Der Experte ist sich sicher, dass am Ende die Wirtschaftlichkeit Oberhand gewinnen, und die Unterstützung für russisches Gas in der Politik wachsen werde. Damit sei LNG keine Konkurrenz für das Gas aus Norwegen oder aus Russland, „das wir hier in Deutschland beziehen“, schlussfolgert der Experte für Energiesicherheit.

    Das komplette Interview mit Matthias Dornfeldt zum Nachhören:

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    Tags:
    Gasstreit, LNG, Transit, Energie, Folgen, Markt, Nord Stream 2, Russland, Ukraine
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