22:54 17 August 2018
SNA Radio
    Kursangabe (Symbol)

    Deutsche Rating-Agentur: „Trotz Sanktionen: Russland steht gut da“ – SPUTNIK EXKLUSIV

    CC0
    Wirtschaft
    Zum Kurzlink
    Alexander Boos
    4911

    Deutschland steht weltwirtschaftlich einzigartig gut da. Russland holt immer mehr auf. Zu diesen Schlüssen kommt die Rating-Agentur „Expert RA“. „Die russische Wirtschaft könnte sogar noch zulegen, falls die westlichen Sanktionen wegfallen“, so ein Experte der Agentur im exklusiven Sputnik-Interview. Die jetzige Situation sei ideal für Anleger.

    Rating-Agenturen gibt es nicht nur in den USA. Auch hierzulande „raten“, also bewerten Agenturen die Wirtschaftsleistung von Staaten. „Für Deutschland vergeben wir in unserem Rating-System das höchste Rating: Das ist AAA (Triple A)“, sagte Gustavo Angel gegenüber Sputnik. Er ist Rating-Analytiker bei der Rating-Agentur „Expert RA GmbH“ in Frankfurt am Main. „Dieses Rating zeigt an, dass es für den deutschen Staat nur geringe Risiken bei der Aufnahme von Krediten gibt und dass das Land volle Kapazitäten hat, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.“ Das gelte übrigens für jedes Land mit dem AAA-Rating. Als „Rating“ bezeichnet das Finanzwesen die Einschätzung der Bonität, also die Zahlungsfähigkeit eines Schuldners.

    Der Frankfurter Finanz-Analytiker nannte den „Zwillings-Überschuss“ der deutschen Wirtschaft als hauptsächlichen Faktor für das gute Rating. „Von einem Zwillings-Überschuss wird gesprochen, wenn ein Staat sowohl einen Haushalts-Überschuss als auch einen Export-Überschuss und damit ein positives Leistungsbilanzdefizit aufweist. Das ist heutzutage wirklich nur noch sehr, sehr selten in der Weltwirtschaft zu beobachten.“ Deutschland sei in diesem Feld internationaler Spitzenreiter. Ein weiterer wesentlicher Faktor sei die „Resilienz Deutschlands, also die Fähigkeit, auch Krisen-Zeiten gut zu meistern.“ Das Land habe in den letzten Jahren immer wieder bewiesen, dass ihm auch „externe Schocks“ wie die letzte Finanzkrise nichts anhaben können.

    Deutschland: „Gutes Rating: Gute Basis für Klein-Anleger“

    Die Rating-Analyse gebe an, wie Deutschland rein auf Regierungs-Seite finanziell, volkswirtschaftlich und fiskalpolitisch dastehe. „Wir bieten für Anleger auch ein zweites Rating an. Das wird ‚Kredit-Klima-Rating‘ genannt. Da betrachten wir Umstände, Situationen und Bedingungen für private Investoren in einem Land, die in Projekte oder Unternehmen investieren wollen.“

    Deutschlands Rating: Seit 2016 stabil
    © Foto : Foto: Expert RA GmbH (2018)
    Deutschlands Rating: Seit 2016 stabil

    Das deutsche „Kredit-Klima-Rating“ betrage auch AAA. „Das bedeutet: Jeder, der hier investiert, muss nicht zwingend viel Start-Kapital mitbringen oder in große Werte investieren, um am Ende große Gewinne zu machen. In gewisser Hinsicht sind Investitionen in Deutschland sehr profitabel. Zum Vergleich: In vielen europäischen Ländern sieht man, dass es dort höhere Zinsraten gibt und auch Inflations- und Deflations-Erscheinungen.“ Deutschland dagegen sei ein stabiler Finanzstandort.

    Russische Aufholjagd: „Russland hat sich deutlich verbessert“

    Die Volkswirtschaft der Russischen Föderation hole immer mehr auf, so der Experte. „Wir hatten uns im Frühjahr 2017 dafür entschieden, das russische Rating von BB+ auf BBB- anzuheben. Diese Entscheidung wurde hervorgerufen durch höhere und stabilere russische Öl-Preise, die das Potenzial haben, den Staatshaushalt Russlands zu sanieren.“ Ebenso hätten eine niedrigere Inflations-Erwartung und eine generell starke volkswirtschaftliche Prognose den Ausschlag für die damalige Entscheidung gegeben.

    „All das hatten wir damals vorausgesagt – und wir behielten Recht“, blickte Angel zurück. „Viele dieser für Russland positiven Dinge sind eingetreten. Daher basiert unser Rating auf realen wirtschaftlichen Gegebenheiten.“ Moskau betreibe derzeit eine „positive Regierungs-Schulden-Politik“.

    Russland: Niedrigere Schuldenquote als viele EU-Staaten

    Die Verschuldungs-Quote gemessen am BIP (Brutto-Inlands-Produkt) liege für Russland bei etwa 17 Prozent, verriet der Analytiker. „Zum Vergleich: Für Deutschland liegt sie derzeit bei 60 Prozent. Bei Italien, einem weltweit sehr schwierigen Kandidaten, liegt sie bei fast 200 Prozent.“ Verglichen mit anderen Regierungen der Europäischen Union (EU) habe Russland „wirklich sehr, sehr niedrige“ Regierungsschulden angehäuft.

    Ratings ausgewählter Länder
    © Foto : Expert RA GmbH (2018)
    Ratings ausgewählter Länder

    „In diesem Sinne nehmen wir an, dass die Ratings von Russland stabil bleiben werden, weil auch die russische Wirtschaft stabil bleiben wird. Mittelfristig gesehen.“ Außerdem sehe seine Agentur viele potenzielle Faktoren, die die russische Wirtschaft bald noch weiter ankurbeln könnten.

    Ausblick: „Russland könnte noch weiter aufholen“

    „Dazu gehört ein positives Szenario, falls die westlichen Anti-Russland-Sanktionen wegfallen“, erklärte der Rating-Experte. „Das würde den Außenhandel und auch den gesamtwirtschaftlichen Wachstums-Prozess in Russland ankurbeln – sogar kurzfristig. Es würde das russische BIP vergrößern.“ Das wiederum könnte zum Ausgleich des Defizits im russischen Staatshaushalt führen. Vor den Sanktionen, so zum Beispiel im Jahr 2011, hatte Russland dem Finanz-Fachmann zufolge einen Überschuss erwirtschaftet. Andererseits warnte er vor negativen Szenarien, in denen das Rating Russlands wieder heruntergeschraubt werden könnte. Dabei sei eine ernstzunehmende Gefahr die Inflation des Rubels, also ein Wertverlust der russischen Nationalwährung.

    Die Rating-Agentur „Expert RA GmbH“ wurde 2014 gegründet und hat ihre Büros in Frankfurt am Main. Das Unternehmen ist in ein internationales Firmen-Netzwerk integriert. Der Hauptsitz befindet sich in Moskau und firmiert dort unter der Bezeichnung „RAEX (Expert RA)“. Die weltweit einflussreichsten Rating-Häuser befinden sich mit „Moody‘s“ und „Standard & Poor’s“ in den USA.

    Laut Finanz-Analytiker Angel unterscheide sich seine Firma von anderen Rating-Agenturen dadurch, „dass wir einen ganz anderen Ansatz fahren: Natürlich ziehen wir auch quantitative Faktoren zu Rate, um unsere Länder-Ratings zu erstellen. Aber wir gehen darüber hinaus. Wir fokussieren uns auch auf qualitative Aussagen, die andere Wirtschafts-Analytiker häufig übersehen. Denn wir bewerten auch andere Wirtschafts-Größen im betreffenden Land: große Unternehmen, Versicherungs-Gesellschaften und Bankhäuser. Nur so haben wir das vollständige Bild.“

    Das Radio-Interview mit Gustavo Angel von der „Expert RA GmbH“ zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Trump sieht in Russland und China Bedrohungen für Wirtschaft und Werte der USA
    Wirtschaftswachstum Russlands: IWF erhöht Prognose für 2018
    Wirtschaftswachstum in Russland stabil? OECD-Studie
    Tags:
    Wirtschaftswachstum, Investitionen, Rating, Deutschland, USA, Russland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren