07:56 21 Oktober 2018
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    Im Wettlauf um Welthegemonie: Wird Indien China überholen?

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    Wirtschaft
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    Der politischer Kommentator Dmitri Kossyrew hat in einem Beitrag für die Nachrichtenagentur „RIA Novosti“ das Rekordtempo des indischen Wirtschaftswachstums analysiert und die Aussichten des Landes im Kampf um führende Positionen in der Weltwirtschaft bewertet.

    Kossyrew machte auf einen Bericht aufmerksam, dem zufolge Indien im Laufe der nächsten vier Jahre 18 neue diplomatische Missionen in den afrikanischen Ländern eröffnen wird. Insgesamt soll es in vier Jahren also 47 diplomatische Vertretungen von Indien geben. Diese Tatsache bewertet der Kolumnist als Hinweis auf ein „stilles, nicht besonders auffälliges einer Macht mit globalen Interessen", deren Wirtschaftswachstum weltweit das größte sei. 

    Bereits im Januar hätten internationale Institutionen, darunter auch die Weltbank, festgestellt, dass nicht mehr China, sondern Indien die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft sei. Im März bestätigte Indiens Statistisches Büro, dass das indische Wirtschaftswachstum   in der Zeit von Oktober bis Dezember 2017 7,2 Prozent betragen hatte. In China habe das  Wirtschaftswachstum  in dieser Zeitperiode nur noch bei 6,8 Prozent gelegen.

    Nun stelle sich also die Frage, ob Indien — vielleicht nicht zu dem, aber zu einem der wirtschaftlichen Welthegemone werden könne, was seit langem vorhergesagt worden sei, schreibt Kossyrew.

    Wer hat nun die Tabellenführung?

    In den zurückliegenden Jahren habe Indien China bei diesem Kennwert bereits überholt — sei später aber wieder etwas zurückgefallen. So sei hier ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu beobachten, betonte der Kolumnist.

    Allerddings sei ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts Chinas umgerechnet in US-Dollar oder in konkreten Waren wesentlich mehr als ein Prozent des indischen BIP, hebt Kossyrew hervor. Es handele sich dabei um eine zwei- bis fünffache Überlegenheit.

    Auch die Spitzenreiter der Weltwirtschaft könnten auf verschiedene Weise bestimmt werden: Wenn man den „Tabellenführer" nominal nach der Größe der Wirtschaftsleistung in US-Dollar feststelle, dann seien es die USA. Wenn man jedoch von der Kaufkraftparität ausgehe, dann stehe China hier an der Spitze, die USA würden in diesem Fall auf den zweiten Platz verdrängt.

    Wie dem auch sei, Indien sei bereit, die USA auf den dritten Platz zu verdrängen und könne in absehbarer Zukunft mit China um die „Tabellenführung" konkurrieren, ist sich Kossyrew sicher.

    Dabei sei diese Führung nicht nur von psychologischer, sondern auch von realer wirtschaftlicher Bedeutung: Die Rede sei von den Mobilmachungsmöglichkeiten der Nation, von der Fähigkeit der Staatsführung, Geldmittel anzusammeln, und das nicht nur für die Finanzierung von großen Rüstungsprogrammen, sondern größere für Haushaltszuwendungen für das weitere Wirtschaftswachstum. Dabei sei eine große Wirtschaft immer etwas von globaler Bedeutung, etwas, was sich nicht in den nationalen Grenzen abschotte, etwas, was alle berücksichtigen müssten, so Kossyrew.

    „Das heißt: Indiens Geschwindigkeitsrekorde werden irgendwann einen Wandel für uns alle bedeuten".

    Darum zeigt sich China  nicht bekümmert

    Allerdings sei China über den Verlust des Titels des „Geschwindigkeitsrekordinhabers" nicht bekümmert und habe gezeigt und darauf hingewiesen, dass China und Indien auf unterschiedlichen Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung stehen würden. Für China sei die Phase des schnellen Wachstums, wo billige Arbeitskräfte eine große Bedeutung hätten, bereits vorbei.

    Außerdem werde im Unterschied zu China der wirtschaftliche Aufschwung in Indien von anderen Bevölkerungsgruppen getragen, und zwar von Frauen und Jugendlichen sowie von den Menschen, die sich eine nationale und religiöse — um genau zu sein, hinduistische — Wiedergeburt des Landes wünschen.

    „In vieler Hinsicht befindet sich Indien heutzutage dort, wo China Ende der 80er Jahre stand: Proteste gegen die ungleichmäßige Entwicklung, der Kampf gegen politische Strömungen der Vergangenheit. Im Endeffekt könnte Indien sein eigenes Tian'anmen bekommen", so Kossyrew.
    Ein weiterer Faktor, der die Lage in Indien von der in China sehr stark unterscheide, sei die Qualität der Arbeitskräfte und der schlechte Zustand des Bildungssystems. Kossyrew beruft sich in diesem Zusammenhang auf das Buch „Träumer: Wie junge Inder ihre Welt verändern" („Dreamers: How Young Indians Are Changing Their World").

    Dessen Autor, der indische Journalist Snigdha Poonam, schildere ein düsteres Szenario der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Indiens in den nächsten Jahrzehnten: Die Stadtbevölkerung des Landes werde in der Zeit zwischen 2010 und 2050 um 500 Millionen Menschen zunehmen, vor allem dank dem Wachstum des Jugendanteils der Bevölkerung. Dabei befinde sich das heutige indische Bildungssystem im Verfallzustand: „40 Prozent der Befragten im Alter von 14 bis 18 Jahren können die Uhrzeit nicht ablesen, 36 Prozent können die Hauptstadt von Indien nicht nennen — Das ist eine Bombe für die zukünftige Entwicklung. In China gab es keine solche Situation".

    Dennoch würden einige US-Experten prophezeien: „Chinas Ära" könnte durch eine „indische Ära" abgelöst werden.

    „Die Chinesen lächeln höflich. Aber gleichzeitig sagen sie: Nun sind die Inder auch in Afrika auffälliger geworden", schreibt Kossyrew abschließend.

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    Tags:
    Volkswirtschaft, Wirtschaftswachstum, Indien, USA, China