17:29 23 Juli 2018
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    Trans-Adria-Pipeline (TANAP)

    Europäische Scheinheiligkeit: Pipeline-Projekt zeigt, wie absurd Brüssels Politik ist

    © Foto: TANAP
    Wirtschaft
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    Die europäische Finanzierung der Gasleitung Trans Anatolian Gas Pipeline (TANAP) zeugt davon, dass dieses Projekt für Brüssel vor allem aus politischer Sicht wichtig ist, wie der Experte des Fonds für energetische Entwicklung und Lehrer an der Finanzuniversität der Regierung Russlands, Juri Juschkow, gegenüber dem Portal rueconomics.ru sagte.

    Für Brüssel geht es bei TANAP vor allem um Politik

    Die Europäische Investitionsbank (EIB) hat der Bereitstellung eines Kredits in Höhe von 932 Millionen Euro für den Bau der Pipeline TANAP zugestimmt, wie jüngst bekannt wurde.

    Durch TANAP soll aserbaidschanisches Erdgas über die Türkei in die EU befördert werden. Die Kapazität der Pipeline soll bei 16 Milliarden Kubikmeter Gas liegen, wobei die Baukosten mehr als zehn Milliarden Dollar und damit mehr als die für die Leitungen Nord Stream 2 und Turkish Stream ausmachen werden.

    Dieses Projekt wird im Rahmen der EU-Politik zur Förderung der eigenen Energiesicherheit und zur Senkung ihrer Abhängigkeit vom russischen Konzern Gazprom umgesetzt und ist eine Art „Splitter“ des noch anspruchsvolleren Pipeline-Projekts Nabucco.

    „Natürlich ist das ein politisches Projekt für die EU, davon zeugen gleich mehrere objektive Faktoren: Als es noch Nabucco hieß, wurde sofort eine Ausnahme bei den Normen des Dritten Energiepakets gemacht“, stellte Juschkow fest.

    TANAP zeigt Scheinheiligkeit der EU-Politik im Energiebereich auf

    Die Europäer haben „übersehen“, dass durch diese Pipeline nur aserbaidschanisches Gas transportiert wird, und erklärt, dass dies für sie keine Rolle spiele – und das unterscheide sich völlig von der Brüsseler Politik gegenüber den Gazprom-Projekten, so der Experte.

    „In der Tat geht es bei TANAP um eine Gasleitung, die genauso wie Nord Stream, Nord Stream 2 und das gescheiterte Projekt South Stream ist. Ein Land füllt diese Leitung mit seinem Gas, aber nur gegenüber Russland wurden alle möglichen Beschränkungen angewandt, und für TANAP wurden sie von der EU grundsätzlich abgeschafft“, so Juschkow.

    Er  führte das darauf zurück, dass es in Europa aserbaidschanisches Gas bisher nicht gebe, und deshalb begrüße man in Brüssel die Entstehung eines neuen Lieferanten, der Gazprom Konkurrenz machen könnte.

    „Außerdem sehen wir ja, dass dieses Projekt äußerst kostspielig ist und dass private Unternehmen nur ungern darin investieren, weshalb es eben von der Europäischen Bank finanziert werden muss. Das alles ist ein weiterer Beweis dafür, dass dieses Projekt ausschließlich politisch bedingt ist“, resümierte der Experte.

    TANAP wird keine Alternative für russisches Gas auf dem EU-Markt

    Außerdem könne TANAP trotz aller Bemühungen der Europäischen Union keine wahre Alternative für das russische Gas werden – wenigstens weil Aserbaidschan große Probleme mit der Gasförderung habe. Unter anderem habe das schon dazu geführt, dass Baku manchmal Gas in Russland habe kaufen müssen, um seine Verpflichtungen gegenüber den Europäern zu erfüllen. Sollten noch 16 Milliarden Kubikmeter pro Jahr hinzukommen, könnte das dazu führen, dass Aserbaidschan einfach nicht genug Gas hätte und dann russisches Gas nach Europa pumpen würde.

    „Natürlich ist dieses Projekt viel zu teuer, aber es gibt auch den wirtschaftlichen Aspekt: Diese 16 Milliarden Kubikmeter wären auf dem europäischen Markt nicht überflüssig, aber die EU wird diese ganze Menge einfach nicht bekommen: Acht Milliarden Kubikmeter werden in der Türkei bleiben, eine Milliarde wird Bulgarien, eine Milliarde Griechenland und sechs Milliarden Italien bekommen, was aber sehr wenig sein wird“, stellte Juschkow fest.

    Am Ende werde diese Menge erstens kaum konkurrenzfähig gegenüber Gazprom sein. Zweitens werde diese Pipeline kostenlos zur Entwicklung der türkischen Wirtschaft betrieben. Und drittens müsste Aserbaidschan eben manchmal Gas in Russland kaufen, um diese Menge auszugleichen – zumindest in den ersten zehn Jahren.

    TANAP-Gasmengen sind nicht bestätigt

    Das alles erinnere an die ukrainische „Praxis“ zu sogenannten Umkehr-Lieferungen aus Mitteleuropa und zeige, dass dieser „energetische Kampf” gegen Russland nicht nur wirtschaftlich sinnlos, sondern auch schädlich für alle beteiligten Seiten sei.

    „Aserbaidschan hat aktuell große Probleme mit der Gasförderung – die aktuellen Zahlen widersprechen den Plänen der aserbaidschanischen Führung. Da gibt es Schwierigkeiten an einigen Vorkommen, und (das Gasfeld) Schach-Denis kann diese nicht vollständig ausgleichen, denn die TANAP-Mengen sind einfach nicht bestätigt“, schlussfolgerte Juschkow.

    Die Aserbaidschaner hoffen nach wie vor auf ihren Gasexport, aber ein wichtiges Merkmal ist, dass Baku mit Gazprom einen Vertrag zum Kauf von acht Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr abgeschlossen hat. Im vorigen Jahr hatten sie bei Gazprom sechs Milliarden Kubikmeter gekauft. Es sei also nicht ganz klar, wessen Gas am Ende in die EU befördert werde, so der Experte weiter.

    Natürlich ist nicht zu vergessen, dass TANAP theoretisch nicht nur mit aserbaidschanischem Gas, sondern auch mit Brennstoff aus anderen Ländern gefüllt werden könnte, dass dadurch in der Perspektive bis zu 60 Milliarden Kubikmeter Gas transportiert werden könnten – aber das steht noch in den Sternen. Im Grunde kann das Gas dafür nur in Russland gekauft werden. Jedenfalls kommt Kirgistan, das auch am Nabucco-Projekt beteiligt ist, in diesem Fall nicht infrage – wegen der fehlenden Klarheit um den völkerrechtlichen Status des Kaspischen Meeres.

    „Formell geht es bei TANAP um eine Diversifizierung der Gasquellen, die für die Europäer sehr wünschenswert wäre, aber de facto ist es ein politisches Projekt, dessen realer wirtschaftlicher Effekt praktisch bei null liegt“, resümierte Juschkow.

    Und das bestätige nur die Tatsache, dass Populismus in der Wirtschaft kaum gute Folgen haben könne.

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    Tags:
    Diversifizierung, Bau, Pipeline, Gaslieferung, Nord Stream 2, Nord Stream, TANAP-TAP-Pipeline, EU, Gazprom, Türkei, Russland
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