23:12 21 Oktober 2018
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    US-Dollar Banknoten (Symbolbild)

    Öl-Dollar killen: Wird Chinas Traum langsam wahr?

    © AFP 2018 / JORGE VINUEZA
    Wirtschaft
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    Iwan Danilow
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    Bei „Langzeit-Bauprojekten“ stellt man sich gewöhnlich Konstruktionen, Brücken, die nirgendwohin führen, bzw. nicht fertiggebaute Verkehrsknoten vor. Doch es gibt auch andere solcher Bauprojekte, und zwar finanzielle. Ihre Inbetriebnahme kann die Welt verändern, über politische Grenzen und Schicksale ganzer Völker entscheiden.

    Vor einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1993, wurde in China ein ambitionierter Plan zur Untergrabung der US-Wirtschaftsstärke ausgearbeitet. Demnach sollte das Öl-Dollar-System torpediert werden. Für die Umsetzung der ersten Etappe des ambitionierten Projekts waren 25 Jahre erforderlich. Beamten, Finanziers und Diplomaten verfolgten beharrlich dieses Ziel trotz des Spotts westlicher Medien, chinesischer Liberaler und eines bedeutenden Teils der internationalen Finanzgemeinschaft. Am Montag wurde in Shanghai der Yuan-Ölhandel eröffnet, was die Ansprüche Chinas auf die Schaffung des Öl-Yuans als Konkurrenten zum Öl-Dollar sowie die Verwandlung Shanghais in das Zentrum der internationalen Preisbildung auf dem Markt der Energieressourcen untermauerte.

    Das Öl-Dollar-System ist das Fundament der Finanzstärke der USA – neben den Flugzeugflotten, Atomwaffen und Maidan-Technologien der CIA. Falls man diese Dinge zynisch betrachtet, sind sie nur Instrumente, die die USA brauchen, um andere zur Existenz unter Bedingungen des für sie unvorteilhaften Dollarsystems beim internationalen Handel zu zwingen. Man kann sich hier an das Schicksal von Muammar Gaddafi erinnern, der eigentlich wegen seines Wunsches ums Leben kam, eine panafrikanische Währungszone auf Grundlage von Gold zu schaffen. Die Situation, in der mehr als 60 Prozent des Welthandels mit US-Dollar abgewickelt werden, verschafft den Amerikanern einen einmaligen Vorteil.

    Grob gesagt: Dies ermöglicht es, Geld für eigene Zwecke zu drucken und für die eigene Wirtschaft zu nutzen, während der Inflationseffekt dieser Handlungen auf die ganze Welt verteilt wird. In informellen Diskussionen vergleichen Finanziers das oft mit dem Traum eines Alkoholikers – du trinkst, und die Leberschmerzen hat jemand anderer. Ein solches System ist eine geniale Erfindung. Einer der wichtigsten Faktoren seiner Aufrechterhaltung (neben der drohenden Anwendung von militärischer bzw. Soft Power der USA) ist, dass es sehr kostspielig ist, das alleine zu überwinden. Das Rebellenland wird für alle Operationen mehr zahlen. Auf dieses Problem stieß die Sowjetunion, obwohl sie ideologisch und geopolitisch stark war. Unter modernen Bedingungen stößt darauf der Iran. Ein wichtiges Element der Öl- und Dollarstabilität ist, dass jene, die aus diesem System aussteigen wollen, zur Untergrabung des Systems sich untereinander einigen müssen. Die Praxis zeigt, dass das eine sehr schwere Aufgabe ist.

    Alles oben Dargelegte wurde von chinesischen Beamten, die am Öl-Yuan-System arbeiteten, berücksichtigt. Einen Futures-Vertrag für einen Korb der in China importierten Ölsorten zu schaffen ist einfach, doch ausreichend Hersteller, Zwischenhändler, globale Banken und Finanzunternehmen zu seiner Nutzung heranzuziehen, ist sehr schwer. Doch wenn die Preisbildung für Öl, das in China eingeführt wird, in Yuan und an der Shanghai Futures Exchange Börse erfolgen wird, wird es ein wichtiger Schritt zur Reduzierung der chinesischen Abhängigkeit vom Dollar und der Internationalisierung von Yuan und der „Entdollarisierung” der Weltwirtschaft im Ganzen sein. Der größte Verdienst der chinesischen Diplomatie und chinesischer staatlicher Ölunternehmen besteht darin, dass sie es trotz Erwartungen der Skeptiker geschafft haben, nach Shanghai gleich mehrere Großakteure des internationalen Ölmarkts zu locken: Glencore, Trafigura, Freepoint Commodities und Mercurita. Bereits am ersten Tag nach dem Start des chinesischen Öl-Futures in Shanghai waren die Handelsmengen manchmal größer als Futures-Deals für Brent-Öl in London, was Erstaunen in der westlichen Expertengemeinschaft auslöste.

    Die Agentur Reuters zitiert den Analysten der einflussreichen Schweizer Bank UBS Hayden Briscoe, dem zufolge der Start der Yuan-Ölverträge die ernsthafteste Veränderung auf den globalen Finanzmärkten ist. Jetzt sei der Status vom Dollar als wichtigste internationale Währung infrage gestellt.

    Besondere Besorgnis löst unter westlichen Analysten die Tatsache aus, dass Peking Öllieferungen aus dem Nahen Osten aktiv an Ergebnisse der Shanghaier Börse koppelt. Die chinesische Firma Unipec schloss am Montag einen Vertrag zur Lieferung großer Öl-Mengen aus dem Nahen Osten, wobei der Lieferpreis an die Yuan-Shanghai-Futures gekoppelt wurde.

    Es ist auffallend, dass ein Vertrag mit einem großen westlichen Ölkonzern abgeschlossen wurde. Das heißt, dass China unerwartete Verbündete beim Kampf um die „Entdollarisierung” des internationalen Handels bekommen kann.

    Um dem US-Finanzsystem einen bedeutenden Schaden zuzufügen und die Möglichkeiten der Administration Trumps einzuschränken, seine Ambitionen mithilfe einer Druckmaschine zu finanzieren, braucht Peking nicht einen völligen Ersatz des Öl-Dollars durch den Öl-Yuan. Wegen  der riesengroßen Schuldenlast der USA, und da Washington alle Möglichkeiten des vorhandenen Systems bis zur Obergrenze nutzt, wird selbst ein kleiner Rückgang des Dollar-Anteils am internationalen Handel ein starker Schlag für Amerikaner sein. Nicht umsonst hob die US-loyale Agentur Moody‘s in ihrer jüngsten Analyse hervor, dass gerade der Dollar-Status bislang eine relative Stabilität und ein hohes Niveaus der US-Bonitätsnote sichere. Falls dieser Status ins Wanken gelangen wird, werden die Folgen traurig sein.

    Im Kontext der „Entdollarisierung” und des Kampfs gegen die US-Hegemonie sollte man darauf achten, dass die maximalen Vorteile nur ein Land bekommen kann, das für sich und seine Währung einen möglichst großen Teil des Einflusses erstreitet, den die USA verlieren werden. In Sankt Petersburg wurde der Handel mit der russischen Ölsorte Urals eingeleitet, doch bis zum Wechsel zum Rubel ist es wohl noch ein weiter Weg. Leider haben wir keine Möglichkeiten, den chinesischen Weg zu gehen und 25 Jahre lang Maßnahmen beim Kampf um die Verteilung davon vorzubereiten, was nach dem Zusammenbruch des Öl-Dollar-Systems bleiben wird. Wir müssen es schneller schaffen. Wenn Russland eines der wichtigsten Zentren der künftigen multipolaren Welt sein will, haben wir einfach keine andere Wahl.

    *Die Meinung des Autors muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen

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    Tags:
    Untergrabung, Öl, Unternehmen, Handel, Dollar, Yuan, CIA, Naher Osten, China, USA